Chinesische Forscher manipulierten Erbgut von Embryos mit schweren Folgen

Sebastian
Tabubruch in der Gentechnik: Chinesische Forscher experimentieren mit Erbgut von Embryos
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Die Erschaffung eines „Designerbabys“ mit der Wunschhaar- und Augenfarbe, einem hohen Intelligenzquotienten – und selbstverständlich ohne Erbkrankheiten – ist nach wie vor das höchste Ziel einiger Genforscher. Für andere ist es geradezu eine Horrorvorstellung, ein vermeintlich perfektes Kind erschaffen zu wollen. Vor allem der Weg dorthin – zahlreiche Experimente an menschlichen Embryos – wird aus ethischen und moralischen Gründen von den meisten Experten abgelehnt. Hierzulande sind Genexperimente an befruchteten menschlichen Embryos deshalb verboten. In China dürfen solche Manipulationen dagegen durchgeführt werden. Wissenschaftler der Sun-Yat-sen-Universität in Guangdong griffen nun erstmals in die DNA von Embryos ein und begingen damit einen Tabubruch in der Gentechnik – mit fatalen Folgen. Die Studienergebnisse wurden im Fachmagazin „Protein & Cell“ veröffentlicht.

Wissenschaftler führten Genmanipulation an befruchteten menschliche Embryos durch
Die Forscher führten Genexperimente an 86 nicht lebensfähigen Embryos aus einer Kinderwunschklinik durch. Die Embryos seien fälschlicherweise von zwei Spermien befruchtet worden und würden deshalb lediglich die frühe Wachstumsphase vor dem Absterben erreichen. Die angewendete Methode nenne sich „CRISPR/Cas9“ und sei bereits an Mäuseembryos und erwachsenen menschlichen Zellen getestet worden, heißt es in der Onlineausgabe von „Nature“.

Die Forscher wollten dem Magazin zufolge ein Gen verändern, das die schwere Blutkrankheit „Beta-Thalassämie“ verursachen kann. Die ersten Tests seien zwei Tage nach der Genmanipulation an 54 Embryos durchgeführt worden. Dabei hätte sich gezeigt, dass lediglich 28 von ihnen gewachsen seien und nur ein sehr geringer Anteil das neue Erbgut aufgenommen hätte. Damit sei der Versuch gescheitert.

Aber es kam noch schlimmer. Gleichzeitig habe sich eine große Anzahl unerwarteter Mutationen an der DNA der Embryos entwickelt, die erst durch die „CRISPR/Cas9“-Methode verursacht wurden, heißt es im Wissenschaftsmagazin. Demnach waren die Schäden viel größer als bei vorherigen Studien an Mäusen und menschlichen Zellen. Die Defekte könnten darauf zurückzuführen sein, dass die Forscher fehlerhafte Embryos verwendeten. Aber selbst Studienleiter Junjiu Huang räumte gegenüber dem Magazin ein: „Wenn man das mit normalen Embryos machen will, muss man zu einhundert Prozent sicher sein. Das ist der Grund, warum wir aufgehört haben. Die Methode ist noch zu unausgereift.“

Viele Experten kritisieren das Vorgehen der chinesischen Genforscher
„Ich glaube, dies ist der erste Bericht über CRISPR / Cas9 bei menschlichen Präimplantationsembryos und als solches ist die Studie ein Meilenstein, aber auch ein warnendes Beispiel“, erklärte George Daley, ein Stammzellbiologe an der Harvard Medical School in Boston, Massachusetts, gegenüber „Nature“. „Die Studie sollte eine ernste Warnung an jeden Praktizierenden sein, der denkt, dass die Technologie für den Test bereit ist, um Krankheitsgene zu beseitigen.“

Gerüchten zufolge experimentieren derzeit allein in China vier Forscherteams mit menschlichen Embryos. „Wir müssen unsere Forschungen stoppen und eine breite Diskussion darüber führen, in welche Richtung wir steuern wollen“, mahnte Edward Lanphier im Magazin. Viele Kritiker befürchten, dass die Eingriffe am Embryo Mutationen auslösen könnten, die nicht nur unvorhersehbare Folgen haben, sondern zudem vererbt werden könnten. Auch wird die sogenannte genetische Selektion äußerst kritisch gesehen. Durch sie könnte es irgendwann möglich sein, „Designerbabys“ zu erschaffen. Unerwünschte Eigenschaften eines Kindes würde dann bereits im im frühen Embryostadium eliminiert.

Dem Magazin zufolge will sich Huang nun nach dem Fehlschlag auf die Verfeinerung der Methoden zur Genmanipulation konzentrieren, so dass die unerwünschten Mutationen weiter reduziert werden können. Dafür seien Studien an Tieren und erwachsenen menschlichen Zellen notwendig. Lanphier befürchtet jedoch, dass nun andere Forscher versuchen werden, Huangs Embryo-Studie weiterzuführen: „Für Wissenschaftler überall auf der Welt bieten sich nun Möglichkeiten, ihre eigenen Experimente in dieser Richtung durchzuführen.“ (ag)

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