Chinesische Medizin: Mehr als Akupunktur

Fabian Peters
Fünf Säulen machen Erfolg der Therapie aus
Wer von Traditioneller Chinesische Medizin (TCM) spricht, denkt meist nur an Akupunktur. Dabei macht das Nadeln bestimmter Punkte nur einen kleinen Teil der fernöstlichen Heillehre aus. Bis zu 80 Prozent setzt die alternative Medizin nämlich auf die chinesische Arzneitherapie. Zudem spielen Qi Gong, Tuina-Massagen und die Ernährungslehre eine entscheidende Rolle für den Therapieerfolg.

Chinesische Arzneien: Keine harmlosen Tees
Pflanzliche Bestandteile wie Wurzeln, Rinden oder Knollen haben ein hohes Wirkungspotenzial. Sie wecken und steuern Selbstheilungskräfte. „Abhängig vom Krankheitsbild unterstützen chinesische Arzneien die Ausleitung von Entzündungen oder Stoffwechselgiften, regulieren das Immunsystem oder stärken die natürlichen Klärungsfunktionen des Körpers“, verdeutlich Dr. Christian Schmincke, Allgemeinmediziner, TCM-Experte und Leiter der Klinik am Steigerwald. Vor der Einnahme als Abkochung erstellt der Therapeut nach diagnostischen Kriterien eine individuelle Rezeptur für den Patienten. Im Idealfall kontrolliert er täglich die Auswirkung auf den Körper. Zur Selbstbehandlung eignen sich die Arzneien aber nicht. Falsch eingesetzt können sie Symptome verschlimmern oder Krankheiten verursachen. Am Beispiel Ginseng wird dies deutlich: In einem Langzeitversuch nahmen Patienten täglich etwa fünf Gramm zu sich. Fast jeder Dritte entwickelte mit der Zeit Bluthochdruck. Die hochwirksamen Arzneien gehören also immer in die geschulten Hände eines Therapeuten.

TCM-Säulen
Die TCM kennt weit mehr Heilmethoden als ausschließlich die Akupunktur. (Bild: Klinik am Steigerwald)

Akupunktur: „Energie und Blut kommen wieder ins Fließen“
Akupunktur verfolgt das Ziel, den Energiefluss im Körper wieder zu harmonisieren. Die Körperfläche eines erwachsenen Menschen ist von hunderten Punkten bedeckt, die sich alle für die Reizbehandlung eignen. Die Meridianlehre bringt eine gewisse Ordnung in diese weit über 1000

erforschten Punkte. Durch Stimulierung dieser entwickelt sich ein Strömungsgefühl, das von der Nadel ausgeht und sich entlang der Meridiane ausbreiten kann – Energie und Blut kommen wieder ins Fließen, sagen die Chinesen. Das wiederum lindert nicht nur Schmerzen und Unruhezustände, sondern gibt Behandlern auch die Möglichkeit, von außen auf Organe einzuwirken. Therapien auf Basis der Meridiane entfalten ihre Wirkung meist sehr rasch. So beruhigt das Akupunktieren eines bestimmten Punktes am Handgelenk etwa Asthmaanfälle. Auch Kopfschmerzen lassen sich gut behandeln, wenn sie nach chinesischen Kriterien diagnostiziert wurden. „Allein für Kopfschmerzen kennt die Chinesische Medizin über 100 Akupunkturpunkte“, erklärt Dr. Schmincke. „Aus Sicht der TCM ist Kopfschmerz ist nicht gleich Kopfschmerz und bei zwei Patienten können trotz gleicher Symptome verschiedene Ursachen vorliegen.“

Tuina – manuelle Therapie auf Chinesisch
Die Tuina-Massage ist die manuelle Therapie der Chinesen. Die Massagetechnik bedient sich bestimmter Handtechniken, um die Meridiane durchlässiger werden zu lassen und den Energiefluss im Körper zu regulieren. Sie ist Basis für die Abstimmung der Organ-Funktionskreise aufeinander. Bei der Tuina-Massage reibt, drückt und schiebt der Therapeut mit Händen oder Ellenbogen die entsprechenden Körperstellen.

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Qi Gong hilft, den eigenen Körper zu spüren
Die meditativen Bewegungen des Qi Gong sind keine normalen Sportübungen. Es geht dabei nicht um Kräftigung oder Dehnung von Muskeln und Sehnen sondern um langsame Bewegungen, die den ganzen Körper einbeziehen. Das Qi, die Lebensenergie, folgt der Aufmerksamkeit, sagen die Chinesen. Durch die sanften Bewegungen wird der Energiefluss angeregt und Körper, Seele sowie Geist angesprochen. „Qi Gong erfordert vom Patienten Konzentration und – viele kranke Menschen haben dies oft verlernt – die Fähigkeit, ihren Körper genau zu spüren, auf kleine Signale zu achten“, meint Dr. Schmincke.

Ernährungslehre: obst- und gemüsereiche Kost reichen nicht aus
Wenig Fleisch und mindestens ein Apfel am Tag – viele Deutsche verbinden das mit gesunder Ernährungsweise. Aus Sicht der Chinesischen Medizin bedeutet gesunde Ernährung aber viel mehr als die Konzentration auf eine obst- und gemüsereiche Kost. Nahrungsmittel können ein Gleichgewicht herstellen, wenn es durch Krankheit zu einem Ungleichgewicht kommt. Daher gelten Lebensmittel in der TCM als milde Therapeutika. Dabei kommt es nicht auf die einzelnen Nahrungsbestandteile wie Kohlenhydrate, Fette und Eiweiße an, sondern vielmehr auf die Wirkung der Lebensmittel auf die Energie des Menschen. So entscheidet beispielsweise die Geschmacksrichtung von salzig bis scharf darüber, in welcher Tiefe eine Speise seine Wirkung entfaltet.

Übrigens: Allen fünf Säulen gemeinsam ist, dass Patienten im Westen von allem etwas weniger benötigen, als in China. So werden hierzulande meist nur geringere Arzneidosierungen eingesetzt. Ähnliches gilt für die Akupunktur. Der chinesische Patient verlangt nach Nadelreizen, bei denen ein europäischer Patient die Flucht ergreift. TCM-Experten müssen die chinesischen Empfehlungen daher genau modifizieren. (PM, Klinik am Steigerwald)