Chronifizierte Bauchbeschwerden wirken direkt auf unser Gehirn

Fabian Peters
Magen-Darm-Trakt und Gehirn stehen in engem Zusammenhang
Bei chronischen Bauchschmerzen ist häufig keine organische Ursache feststellbar und es wird von einem psychosomatischen Beschwerdebild ausgegangen. Jüngere Studien zeigen, dass nachweisbar ein Zusammenhang zwischen chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen und dem Gehirn besteht, wobei dieser allerdings in beide Richtungen funktioniert. Ein Forscherteam um Dr. Peter Holzer, Professor für Experimentelle Neurogastroenterologie am Institut für Experimentelle und Klinische Pharmakologie der Medizinische Universität Graz, hat herausgefunden, dass die Gehirnfunktion und das soziale Verhalten durch chronische Bauchschmerzen beeinflusst werden.
Der Magen-Darm-Trakt tauscht mit dem Gehirn mindestens über vier verschiedene Kanäle Informationen aus: Durch Signale des Darm-Mikrobioms, Darmhormone, Immunbotenstoffe (Cytokine) und sensorische Neurone, erläutert Professor Holzer, der auch die Forschungseinheit für Translationale Neurogastroenterologie an der Medizinischen Universität Graz leitet.

Die aktuellen Forschungen zeigen laut Aussage des Experten, dass psychische Probleme sich nicht nur im Magen-Darm-Trakt manifestieren können, sondern dass umgekehrt auch psychische Störungen durch Einflüsse vom Magen-Darm-Trakt mitbedingt sein können. Signale aus dem Magen-Darm-Trakt haben laut Aussage des Experten Auswirkungen auf Stimmungslage, Emotionen, kognitive Prozesse und Appetit, können aber auch Übelkeit und Schmerzen hervorrufen und die Stressanfälligkeit beeinflussen.

Chronische Bauschmerzen haben Einfluss auf das Gehirn und das Sozialverhalten. (Bild: ag visuell/fotolia.com)
Chronische Bauschmerzen haben Einfluss auf das Gehirn und das Sozialverhalten. (Bild: ag visuell/fotolia.com)

Signalisierung im Gehirn beeinflusst
Der krankhaft veränderte Informationsfluss zwischen Magen-Darm-Trakt und Gehirn kann insbesondere bei funktionellen Magen- und Darmerkrankungen (beispielsweise Reizdarmsyndrom) für psychische Störungen verantwortlich sein, berichten Professor Holzer und Kollegen weiter. In Versuchen mit Mäusen haben die Forscher gezeigt, dass die Schmerz- und Stressanfälligkeit in engem Zusammenhang mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen stehen.

Chronische Bauchschmerzen führen hier zu deutlichen Veränderungen der zerebralen Signalisierung im Gehirn. Diese Studienergebnisse bieten neue Ansatzpunkte zur Erklärung der „zentralen Sensibilisierung und der sensorischen und emotionalen Verarbeitung von viszeralen Schmerzreizen im Gehirn“, berichten die Wissenschaftler in dem Fachmagazin „Frontiers in Behavioral Neuroscience“.

Kommunikation zwischen Magen-Darm-Trakt und Gehirn
Die Darmflora beziehungsweise das Darm-Mikrobiom setzt sich aus verschiedensten Bakterienarten zusammen, wobei diese zum Beispiel durch die Ernährung, aber auch durch Darmerkrankungen oder Stress beeinflusst werden. Andersherum hat die Darmflora zum Beispiel maßgebliche Auswirkung auf den Stoffwechsel, das Immunsystem, das Schmerzempfinden, die Anfälligkeit gegenüber Stress sowie die allgemeine Stimmungslage, das Lernen und Gedächtnis, erläutert Professor Holzer.

Das soziale Verhalten ist laut Aussage der Forscher im Zusammenhang mit Beschwerden des Verdauungstraktes wie chronischen Bauchschmerzen zu sehen. Die bislang identifizierten Informationskanäle zwischen dem Magen-Darm-Trakt und dem Gehirn spielen hier offensichtlich eine entscheidende Rolle. Allerdings bleibe es „für ein umfassendes Verständnis chronischer Schmerzsyndrome wichtig, alle, nicht nur neuronale Informationswege zwischen der Peripherie und dem Gehirn zu berücksichtigen“, wird Professor Holzer von der österreichischen Tageszeitung „der Standard“ zu den bisherigen Studienergebnissen zitiert. Die Normalisierung der beeinträchtigten Gehirnfunktion muss seiner Ansicht nach bei der Therapie chronischer Bauchschmerzen berücksichtigt werden.

Zusammenhang mit dem Gehirn bei Bauchschmerzen berücksichtigen
Gegen Bauchschmerzen wurden laut Aussage des Experten bereits zahlreiche Medikamente entwickelt, doch hielten diese einer klinischen Überprüfung nicht Stand. „Viele Angriffspunkte (wurden) gefunden und Medikamente entwickelt. Aber in der klinischen Prüfung an Patienten haben sich diese als wenig oder nicht wirksam erwiesen“, zitiert „der Standard“ den Forscher. Die Erklärung des chronischen Bauchschmerzes mit Konzentration auf die schmerzempfindlichen Nervenfasern im Magen-Darm-Trakt reiche hier nicht aus. Neben der Überempfindlichkeit von Nerven im Magen-Darm-Trakt spiele noch etwas anderes eine Rolle, „das näher am Gehirn liegt.“ Um chronische Bauchschmerzen erfolgreich zu behandeln, bedarf es daher seiner Ansicht nach einer Berücksichtigung der Veränderungen im Gehirn. (fp)