Darmbakterien könnten Krebstherapie unterstützen

Nina Reese

Störung der Darmflora beeinflusst möglicherweise Wirkung von Chemotherapie

27.11.2013

Darmbakterien können unter Umständen hilfreich im Rahmen der Behandlung von Krebs sein. Zu diesem Ergebnis sind nun US-amerikanische Forscher in wissenschaftlichen Experimenten mit Mäusen gekommen. Demnach könnte eine Störung der Darmflora – zum Beispiel durch eine Antibiotikabehandlung – dazu führen, dass eine Chemotherapie ihre tumorhemmende Wirkung verliert.

Darmflora spielt zentrale Rolle bei der Bildung des Immunsystems
Der Darm eines gesunden Menschen ist von Billionen Bakterien besiedelt, die als „natürliche Darmflora“ bezeichnet werden. Diese ist nicht nur an der Verdauung und am Vitaminstoffwechsel beteiligt, sondern spielt auch eine zentrale Rolle bei der Bildung des Immunsystems im Darm. Doch die Darmflora kann offenbar noch mehr, denn wie ein Forscher-Team um Giorgio Trinchieri und Romina Goldszmid vom Labor des „US-National Cancer Institute“ in Frederick, Maryland nun herausgefunden hat, helfen die Bakterien möglicherweise auch bei der Krebsabwehr.

„CpG-Oligonukleotide“ sollen Abwehr von Krebserkrankungen unterstützen
Wie die Wissenschaftler im Fachmagazin „Science“ berichten, hatten sie in zwei Studien mit Mäusen eine Immuntherapie mit so genannten „CpG-Oligonukleotiden“ erprobt, wobei es sich um einzelsträngige synthetische DNA-Abschnitte handelt, die durch ihren relativ hohen Anteil an „CpG-Motiven“ (CpG= Cytosin-Phosphat-Guanin) die Abwehr von Krebserkrankungen unterstützen sollen. Dies war in den Experimenten auch der Fall – allerdings nur bei den Tieren, deren Darmflora gesund war.

Bei Tests mit keimfreien Mäusen kein positiver Effekt
Bei den Mäusen, die hingegen keimfrei aufgewachsen waren und daher keine intakte Darmflora hatten, zeigte sich in den Tests kein positiver Effekt auf die Krebsabwehr. Auch im Falle einer vorangegangenen Antibiotikabehandlung misslang der Versuch, da durch diese die Bildung von körpereigenen Signalstoffen (Zytokin) blockiert wurde, die das Immunsystem aktivieren und gegen bestimmte Krebserkrankungen stärken sollen. In Folge dessen war das Immunsystem der Mäuse nicht stark genug, um ein weiteres Wachstum der Tumore aufzuhalten.

Viele Krebspatienten erhalten Antibiotikum zum Schutz vor Infektionen
In weiteren Versuchen waren die Forscher zu dem Ergebnis gekommen, dass auch die Wirkung so genannter „Zytostatika“ in engem Zusammenhang mit der Darmflora steht. Dabei handelt es sich um Substanzen, die das Zellwachstum bzw. die Zellteilung verhindern und daher insbesondere bei der Chemotherapie zur Behandlung von Krebs eingesetzt werden. So zeigte sich, dass eine Chemotherapie mit dem Zytostatikum „Oxaliplatin“ keinen positiven Effekt hatte, sofern der Darm der Tiere zuvor durch Antibiotikum von Mikroorganismen „gereinigt“ wurde – was bei vielen Krebspatienten zum Schutz vor Infektionen erfolgt.

Störungen der Darmflora beeinflussen die Reaktion der Tumore
Wir konnten zeigen, dass Störungen der Darmflora die Reaktion des subkutanen Tumoren auf eine CpG-Oligonukleotid-Immuntherapie und Platin-haltige Chemotherapie beeinträchtigt. Bei mit Antibiotika behandelten oder keimfrei aufgewachsenen Mäuse reagierten die tumorinfiltrierenden Zellen unzureichend auf die Therapie, was zur einer niedrigeren Zytokin-Produktion und geringeren Tumor-Abtötung nach einer CpG-Oligonukleotid-Behandlung und einer mangelhaften Produktion von reaktiven Sauerstoffradikalen und Zytotoxizität nach einer Chemotherapie führte“, so die Forscher im Abstract zu ihrer Studie.

Französische Wissenschaftler kommen zu ähnlichen Ergebnissen
Zu ähnlichen Ergebnissen waren auch französische Wissenschaftler um Laurence Zitvogel vom Gustave Roussy Institute in Paris gekommen. Diese hatten sich ebenfalls im Rahmen von Tier-Experimenten zunächst mit Entzündungen der Schleimhaut des Magen-Darm-Trakts und des Mund- bzw. Rachenraums (Mukosa) beschäftigt, die als häufige Nebenwirkung von Bestrahlungen mit dem Zytostatikum „Cyclophosphamid“ auftritt. So entdeckten die Wissenschaftler im Rahmen ihrer Untersuchung, dass die Schleimhautentzündung eine Störung der Darmbarriere verursacht, was dazu führt, dass einzelne Bakterien ins Blut gelangen. Erreichen diese dann die Lymphknoten, wird hier die Immunabwehr aktiviert, was dazu führt, dass die Bakterien – aber auch vorhandene Tumore – bekämpft werden. Aber auch hier zeigte sich, dass dieser Effekt nur dann erzielt werden konnte, wenn die Darmflora der Tiere nicht durch eine vorangegangene Antibiotikatherapie geschwächt war.

Übertragbarkeit auf Menschen allerdings noch unklar
Ob bzw. inwiefern die Ergebnisse der US-amerikanischen und französischen Forscher auf den Menschen übertragbar sind, bleibt noch zu erforschen. Doch wie Krebs-Experten gegenüber „Science“ betonten, sei es durchaus denkbar, dass eine Antibiotikabehandlung bei Krebspatienten die Wirkung der Chemotherapie negativ beeinflussen könnte. Dementsprechend müssten nun weitere Untersuchungen folgen. (nr)

Advertising