Darmkeime-Infektion: Todesfälle-Listen und Bußgeld

Sebastian

Nach den Darmkeim-Infektionen am Deutschen Herzzentrum und der Charité erwägt das Bezirksamt Berlin-Mitte Bußgelder zu erteilen und fordert darüberhinaus Listen aller Todesfälle seit Juni an.

29.10.2012

In Berlin sorgt der Darmkeim-Skandal weiter für Aufruhr. Das Bezirksamt Berlin-Mitte hat angekündigt, Bußgelder zu verhängen. Nach Ansicht der Behörde wurden die Darmkeim-Infektionen zu spät gemeldet den zuständigen Gesundheitsämtern gemeldet. Der Gesundheitsstadtrat in Berlin-Mitte hat zudem angekündigt, Listen der Todesfälle genau durchschauen zu lassen.

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Das Bezirksamt Berlin-Mitte hat angekündigt, Bußgelder zu verhängen. Nach Ansicht des Amtes habe das Deutsche Herzzentrum die Infektionen mit Darmkeimen der Kinder zu spät gemeldet bzw. zu lange den Behörden verschwiegen. Damit habe „das Herzzentrum gegen das Infektionsschutzgesetz verstoßen“, wie die Leiterin des Gesundheitsamtes Anke Elvers-Schreiber am Freitag betonte. Im Vorfeld hatte sich herausgestellt, dass nicht nur am Universitätsklinikum Charité, sondern auch am nahe gelegenen Herzzentrum Infektionsfälle aufgetreten waren.

Nach Ansicht des Bezirksbürgermeisters Christin Hanke (SPD) habe auch die Charité zu spät gehandelt. Hanke kündigte an, gegen beide Kliniken als erste Konsequenz Bußgelder in dreistelliger Höhe zu erteilen. Allerdings müssen nach Meinung des Bürgermeisters zunächst die Vorfälle akribisch aufgearbeitet werden.

Nach Informationen des Berliner Bezirksamtes wurden die Keime im Herzzentrum bereits Mitte September entdeckt. Allerdings wurde der Darmkeim-Nachweis erst in der letzten Woche seitens der Klinik gegenüber dem Gesundheitsamt bestätigt.

Infolge der Infektion verstarb ein infizierter Säugling an der bakteriellen Infektionskrankheit. Drei weitere erkrankte Babys wurden in der Zwischenzeit aus dem Herzzentrum entlassen. Bei einem weiteren Kleinkind wurde zwar der Keim diagnostiziert, allerdings brach die Erkrankung nicht aus. Laut Sachlage gebe es derzeit in den betroffenen Abteilungen keine weiteren Keiminfektionen. Unklar ist noch immer, ob der Darmkeim zwischen beiden Klinikhäusern pendelte.

Staatsanwaltschaft ermittelt wegen fahrlässiger Tötung
Nach dem frühen Tod des neugeborenen Kindes im Deutschen Herzzentrum ermittelt nunmehr auch die Staatsanwaltschaft mit dem „Anfangsverdacht der fahrlässigen Tötung“. Die Polizei beschlagnahmte im Auftrag der Ermittlungsbehörden die Krankenakten der betroffenen Kinder. Auch in der Charité wurden bereits Akten durch die Kriminalpolizei sichergestellt. Derzeit wird seitens der Staatsanwaltschaft darüberhinaus geprüft, ob das bereits bestattete Kind für eine Obduktion exhumiert werden soll. Ob die Exhumierung tatsächlich umgesetzt wird, „wird ein unabhängiger Gerichtsmediziner beurteilen“, wie ein Sprecher der Staatsanwaltschaft mitteilte. „Das kann aber dauern“. Am Mittwoch hatte die Staatsanwaltschaft erfahren, dass das Kind, dass eigentlich obduziert werden sollte, bereits bestattet ist.

Gesundheitsausschuss will sich mit Hygiene an Kliniken beschäftigen
Am Wochenende hatte der gesundheitspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Thomas Isenberg gegenüber der „Berliner Zeitung“ bestätigt, dass sich am Montag der Gesundheitsausschuss des Berliner Parlaments mit der Hygiene an Charité und Herzzentrum beschäftigen wird. Isenberg forderte „dezidierte schriftliche Berichte und Beweise“. Zudem sei es überlegenswert, die Klinikaufsicht künftig in den Hände des Bezirks zulegen. Seiner Meinung nach hätte die Gesundheitsämter „teils nicht die Kapazitäten hierfür.“

Der Gesundheitsstadtrat und Bezirksbürgermeister Dr. Christian Hanke sprach sich vehement gegen den Vorschlag seines Parteikollegen aus. „Jetzt eine Diskussion zu beginnen, die Klinikaufsicht von den Bezirken zu verlagern, verkennt drastisch, dass es zur Zeit um die lückenlose Aufklärung eines Keimausbruches geht, auf den die Bürgerinnen und Bürger, aber auch die Eltern und die Beschäftigten der betroffenen Stationen einen Anspruch haben.“ Es sei daher befremdlich, „wenn ein Mitglied des Abgeordnetenhauses beklagt, die Gesundheitsämter hätten nicht ausreichende Kapazitäten.“ Im Übrigen seien für die Anhörung nicht die „Vertreter der Aufsichtsbehörde des Gesundheitsamt Mitte“ eingeladen worden. Hanke hofft, dass es sich dabei um ein Versäumnis aufgrund der „überschlagenden Ereignisse“ handelt.

Auflistung aller Todesfälle seit Juni
Gegenüber der Zeitung „BZ“ kündigte Hanke zudem an, sich „alle Todesfälle seit Juni“ beider Kliniken auflisten zu lassen. Mit den Ärzten wolle der Gesundheitsstadtrat „jeden Fall besprechen und auswerten“. Hierdurch soll die Aufklärung weiter vorangetrieben werden, so die Hoffnung. (sb)