Das große Geschäft mit den Krebsmedikamenten

Fabian Peters
Kosten für Krebsmedikamente in Deutschland extrem hoch und weiter steigenden
Machen Pharmafirmen sich die Not von Krebspatienten zunutze und bringen ihre Arzneimittel zu überzogenen Preisen auf den Markt? Der aktuelle Barmer-Arzneimittelreport 2017 zeigt, dass die Kosten für Krebsmedikamente explodieren. Durch die erhöhte Zahl der Betroffenen seien die Kostensteigerungen nicht erklärbar, so die Mitteilung der Krankenkasse. Um ganze 41 Prozent seien die Ausgaben für onkologische Arzneimittel in der ambulanten Versorgung der Barmer-Versicherten seit dem Jahr 2011 gestiegen.

Die Kostensteigerungen bei den Krebsmedikamenten übertreffen laut Angaben der Barmer deutlich diejenigen aller anderen Arzneimittel (ohne Rezepturen). Diese seien im gleichen Zeitraum lediglich um rund 20 Prozent gewachsen. Hier entsteht der Eindruck, dass sich die Pharmafirmen an den Medikamenten für Krebspatienten unangemessen bereichern. Ein Verdacht, der in dem aktuellen Barmer-Arzneimittelreport an mehreren Stellen erhärtet wird.

Krebsmedikamente sind in Deutschland äußerst teuer und oftmals in Nutzen und Risiko nur unzureichend untersucht. (Bild: auremar/fotolia.com)

Deutschland Spitzenreiter bei den Kosten für Krebsmedikamente
So haben die Autoren des Reports gezielt die Kosten von 31 Krebsmedikamenten in Europa, Australien und Neuseeland verglichen. Deutschland bildet hier den unerfreulichen Spitzenreiter. Bei 90 Prozent (28 von 31) hätten die Preise über dem Median gelegen, acht der 31 Krebsmedikamente kosteten hierzulande sogar am meisten, berichtet die Krankenkasse. Seit Jahren seien die Preise für Krebsmedikamente in Deutschland gestiegen.

Umsatzstarkes Geschäft mit Krebsmedikamenten
Während in den neunziger Jahren die Arzneimittelkosten für eine typische Chemotherapie in der ersten Therapiephase laut Angaben der Barmer noch umgerechnet bei wenigen Tausend Euro lagen, seien zehn Jahre später bereits einige Zehntausend Euro üblich gewesen und heute werde in vielen Fällen eine Größenordnung von hunderttausend Euro und mehr erreicht. Beispielsweise hätten sich bei der medikamentösen Behandlung von Patienten mit Hautkrebs die Therapiekosten in fünf Jahren fast verachtfacht. Fünf der zehn Arzneimittel mit der aktuell größten Umsatzsteigerung dienen der Behandlung von Tumorerkrankungen, berichtet die Barmer weiter.

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Zulassung als Orphan Drug
„Ziel der Pharmahersteller ist der maximale Umsatz, unser Ziel ist im Interesse der Patienten und Beitragszahler ein realistisches Preis-Leistungsverhältnis“, betont Professor Dr. Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der Barmer. Auch bei Krebsmedikamenten, „so segensreich viele von ihnen wirken“, seien faire Preise wichtig. Des Weiteren kritisiert die Barmer den feststellbaren Trend, für onkologische Arzneimittel immer häufiger eine Zulassung als sogenannte „Orphan Drug“ zu beantragen. Dies seien Medikamente zur Behandlung seltener Erkrankungen, welche für ihre Zulassung weniger Belege über den Nutzen und die Sicherheit bedürfen.

Unzureichende Untersuchung von Nutzen und Risiko
„Die Pharmafirmen haben offenbar ein großes Interesse daran, Krebsmittel als Orphan Drugs zuzulassen“, berichtet Studienautor Professor Dr. Daniel Grandt vom Klinikum Saarbrücken. Im Jahr 2015 seien bereits ein Drittel der neu eingeführten Arzneimittel Orphan Drugs gewesen. Zum Zeitpunkt der Zulassung seien viele dieser Arzneien erst an weniger als 100 Patienten untersucht worden und randomisierte Vergleichsstudien würden meist fehlen. Auch zehn Jahre später seien die zum Zeitpunkt der Zulassung geforderten klinischen Studien noch nicht erbracht.

Reguläre frühe Nutzenbewertung gefordert
„Alle Patientinnen und Patienten haben ein Recht darauf, zu erfahren, welche Risiken ein Orphan Drug hat“, kritisiert Professor Grandt das Fehlen der Studien. Im Sinne der Sicherheit der Patientinnen und Patienten sollten die Orphan Drugs daher einer regulären frühen Nutzenbewertung unterzogen werden, so die Forderung des Experten. Zudem seien vor allem diese Medikamente auch zu einem späteren Zeitpunkt erneut einer Bewertung zu unterziehen.

Arzneimittelausgaben erreichen fast fünf Milliarden Euro
Den Zahlen des aktuellen Barmer-Arzneimittelreports zufolge sind die Arzneimittelausgaben (ohne Rezepturen) für Versicherte der Barmer im Jahr 2016 pro Versichertem um 3,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Diese Steigerung sei vor allem auf Mehrverordnungen zurückzuführen, weniger auf eine Steigerung der Durchschnittskosten der Arzneimittel, berichtet die Barmer. Das Volumen der Gesamtausgaben für Arzneimittel erreichte 4,72 Milliarden Euro (3,89 Milliarden Euro im Jahr 2012). Umsatz-Spitzenreiter (134 Millionen Euro) war dabei der Wirkstoff Adalilumab, der unter dem Handelsnamen Humira® als Medikament gegen rheumatoide Arthritis und chronische entzündliche Darmerkrankungen vertrieben wird. Auf dem zweiten Platz folgte der Blutverdünner Xarelto® (Wirkstoff Rivaroxaban) mit 90 Millionen Euro und auf dem dritten Platz das Krebsmedikament Avastin® (Wirkstoff Bevacizumab) mit einem Umsatz von fast 87 Millionen Euro. (fp)