Dauerhaft erschöpft: Fatigue-Syndrom: Wenn eine chronische Erschöpfung krankhaft ist

Chronische Müdigkeit - Was tun, wenn die Müdigkeit immer größer wird. Bild: pathdoc - fotolia
Sebastian
Fatigue-Syndrom: Wie sich chronische Erschöpfung in den Griff bekommen lässt
Patienten, die am Chronischen Fatigue-Syndrom leiden, sind meist ständig erschöpft, haben Konzentrationsschwierigkeiten und Muskelschmerzen. Sie können ihren Alltag oft kaum bewältigen. Es gibt aber Möglichkeiten, die „Chronische Erschöpfung“ besser zu managen. Helfen können unter anderem Medikamente. Betroffene sollten aber auch lernen, schonender mit ihren Energiereserven umzugehen.

Patienten können ihren Alltag kaum bewältigen
Das Chronische Erschöpfungs-Syndrom, auch Chronisches Fatigue-Syndrom (CFS) genannt, ist gekennzeichnet durch anhaltende geistige und körperliche Erschöpfung, aber auch begleitende Symptome wie Müdigkeit, Kopfschmerzen, Gelenk-, Muskel- und Gliederschmerzen, Schlaf-, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen. Bei Belastung verstärken sich die Beschwerden der Patienten in der Regel. Häufig können Betroffene ihren Alltag kaum bewältigen. Auch Edelgard Klasing fiel dies schwer. Wie die Nachrichtenagentur dpa berichtet, konnte die Frau aus Dortmund weder auf einem Stuhl sitzen noch einen Löffel halten oder ihre Arme heben. Sie war ständig erschöpft, hatte starke Schmerzen in den Armen und Beinen und jede noch so kleine Bewegung war eine Qual.

Chronische Müdigkeit - Was tun, wenn die Müdigkeit immer größer wird. Bild: pathdoc - fotolia
Chronische Müdigkeit – Was tun, wenn die Müdigkeit immer größer wird. Bild: pathdoc – fotolia

„Mein Mann musste mich füttern, und ich bin zur Toilette gekrochen, weil ich einfach nicht die Kraft zum Gehen hatte.“ Die damals 35-Jährige war über ein halbes Jahr bettlägerig. Die Diagnose lautete Pfeiffersches Drüsenfieber, doch die lange Krankheitsphase sprach nicht dafür. Zwar leiden Menschen, die sich mit dem Drüsenfieber-auslösenden Epstein-Barr-Virus infizieren, auch an chronischer Müdigkeit und weiteren ähnlichen Symptomen, doch die Patienten sind bei dieser Viruserkrankung spätestens nach drei Monaten wieder gesund. Bei Edelgard Klasing trat jedoch keine Besserung ein. „Ich hatte keine Zukunftshoffnung mehr.“ Das änderte sich, als ein Arzt bei ihr das Chronische Erschöpfungssyndrom feststellte.

Etwa 300.000 Deutsche leiden am Chronischen Erschöpfungssyndrom
Dem Bundesgesundheitsministerium zufolge sind rund 300.000 Menschen in Deutschland davon betroffen. Die Diagnose „Erschöpfungssyndrom“ wird jedoch oft nicht so schnell getroffen. Es lässt sich nur schwer nachweisen, warum sich Patienten so müde und zerschlagen fühlen. Daher haben manche Ärzte CFS lange für eine eingebildete Krankheit gehalten. Mittlerweile ist das Syndrom zwar anerkannt, die Diagnose ist aber noch immer nicht einfacher geworden. „Damit CFS als Diagnose infrage kommt, muss das Leistungsniveau eines Menschen zu mehr als 50 Prozent eingeschränkt sein, und die Leistungsminderung muss schon mindestens sechs Monate angehalten haben“, erläuterte der Immunologe Wilfried Bieger aus München in der dpa-Meldung. Vor einigen Jahren berichteten Wissenschaftler der Stanford University, dass das Erschöpfungssyndrom im Gehirn erkennbar sei. Mit bildgebenden Verfahren sei dies gut erkennbar.

Ursachen der Erkrankung sind nicht eindeutig geklärt
Von Medizinern wird das CFS klar zum klassischen Burn-out, zur „Fatigue“, die nach Krebsbehandlungen eintritt, oder zu den Begleiterscheinungen der Multiplen Sklerose abgegrenzt. Während es beim CFS erst wenige Erklärungsansätze gibt, ist die Ursache für die chronische Müdigkeit bei den anderen genannten Erkrankungen einigermaßen erklärbar. Außerdem sind die Symptome recht unspezifisch. CFS wird daher auch heute noch häufig mit anderen Krankheitsbildern verwechselt. „Von Erschöpfungszuständen im Rahmen von Krankheiten wie Tumoren oder chronischen Entzündungen unterscheidet sich CFS aber dadurch, dass sich Betroffene nach einer körperlichen Anstrengung unverhältnismäßig lange erholen müssen“, so Bieger. Man kann CFS auch nicht mit einer Depression gleichsetzen.

„Depressiven fehlt der innere Antrieb für Handlungen, aber sie könnten diese körperlich umsetzen“, sagte Bieger. Menschen, die am CFS leiden, können das nicht, ihr Körper ist völlig ausgelaugt. Bislang sind die Ursachen nicht eindeutig geklärt. Joachim Strienz, Facharzt für Innere Medizin aus Stuttgart, sagte: „Wahrscheinlich handelt es sich um eine Überaktivierung des Immunsystems.“ Wie es heißt, werden in der Folge vermutlich Mitochondrien geschädigt, die die Körperzellen mit Energie versorgen. Doch gerade Zellstrukturen im Gehirn, Nervensystem und in der Muskulatur brauchen viel Energie und haben deswegen auch viele Mitochondrien. „Wenn diese also ihre Energiezufuhr herunterfahren, kann es zu den geistigen und körperlichen Erschöpfungszuständen kommen, die auch bei CFS auftreten.“

Keine spezielle Therapie von CFS
Weil Erschöpfungszustände auch bei anderen Krankheitsbildern auftreten, ist CFS eine Ausschlussdiagnose. „Wenn also im Nerven-, Immun- oder Hormonsystem weder eindeutige Krankheitsbilder noch schwere Eisen- und Vitaminmängel entdeckt werden und es dennoch zu einer erhöhten Immunaktivierung kommt, ist CFS ein möglicher Befund“, erläuterte Bieger. „Erschwerend kommt hinzu, dass wir die unspezifischen Symptome der Patienten nicht eindeutig objektivieren können.“ Die Diagnose zieht sich daher oft über Jahre hin.

Es gibt keine spezielle Therapie von CFS. „Vielmehr versuchen wir, Unregelmäßigkeiten und Mangelzustände auszugleichen, die wir bei den vorhergehenden Untersuchungen festgestellt haben, etwa im Blutbild oder bei den Leber- und Nierenwerten“, erklärte Bieger. „Letztlich behandelt das aber nur die Symptome von CFS, nicht die Ursachen.“ Gesundheitsexperten zufolge kann die Traditionelle Chinesische Medizin vielen Betroffenen helfen. Demnach trägt TCM beim Erschöpfungssyndrom dazu bei, dass sich Patienten manchmal schon nach wenigen Tagen entlastet, vitaler und optimistischer fühlen. Für manche kann der Besuch im Fitnessstudio sinnvoll sein. So hatte das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg unter Berufung auf eine Studie im vorletzten Jahr darauf hingewiesen, dass Krafttraining Brustkrebspatienten bei Fatigue helfen kann. Viele dieser Patientinnen haben mit dem Syndrom zu kämpfen. Wie weiter oben berichtet, unterscheiden Ärzte aber zwischen CFS und „Fatigue“, die nach Krebstherapien einsetzt.

Schonend mit den begrenzten Energiereserven umgehen
Laut der Agenturmeldung macht zudem ein Medikament Hoffnung, das eigentlich bei der Behandlung von Lymphknotenkrebs zum Einsatz kommt. „In einer norwegischen Studie wurden Patienten mit Rituximab behandelt, die sowohl Lymphknotenkrebs als auch CFS hatten. Der Krebs wurde geheilt, und auch die Symptome von CFS waren verschwunden“, erläuterte Strienz. „Vermutlich schaltet Rituximab bestimmte weiße Blutkörperchen aus, die falsch programmiert sind und Schädigungen auslösen“, sagte der Experte. „So wird das überaktive Immunsystem beruhigt.“

Die Wirksamkeit wird den Angaben zufolge in weiteren Studien überprüft. In Deutschland ist das Medikament bislang nicht zur Behandlung von CFS zugelassen. Betroffene sollten grundsätzlich lernen, mit ihren begrenzten Energiereserven schonend umzugehen, um ihre Erschöpfung dauerhaft in den Griff zu bekommen. „Schon bei kleinen alltäglichen Tätigkeiten lohnt es sich, Energie einzusparen“, meinte Klasing, die heute Vorsitzende des Bundesverbands der Patientenorganisation „Fatigatio“ in Berlin ist. „Zum Beispiel kann man sitzen statt stehen, Auto fahren statt laufen oder einfach einmal das Bügeln weglassen.“ Außerdem helfe es, einen Plan über anstehende Ereignisse und Aufgaben in den kommenden Tagen und Wochen zu machen. „Wenn ich also übermorgen einen wichtigen Termin habe, weiß ich schon heute, dass ich morgen meinen Energieverbrauch zurückschrauben muss und auch am Tag nach dem Termin nicht in die Vollen gehen kann.“ Dank ihrer Disziplin kann die inzwischen 57-Jährige gut mit dem Chronischen Erschöpfungssyndrom leben. Sie kann wieder arbeiten, einkaufen gehen und Freunde besuchen. „Zwar nicht mehr so häufig wie früher, aber das Leben geht jetzt nicht mehr an mir vorbei, sondern ich kann es wieder miterleben.“ (ad)

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