Dehnen bietet keinen Schutz vor Verletzungen

Fabian Peters

Kontraproduktiv: Dehnen bietet keinen Verletzungsschutz

27.04.2012

Dehnen vor und nach sportlichen Aktivitäten soll allgemein Verletzungen und Muskelkater vorbeugen, doch Experten der Deutschen Sporthochschule Köln sehen hier eine weit verbreitete Fehleinschätzung. Oft seien Dehnübungen kontraproduktiv und mindern sogar die Leistungsfähigkeit, berichtet Professor Ingo Froböse vom Zentrum für Gesundheit der Deutschen Sporthochschule Köln.

Mehr zum Thema:

Zwar gilt ein intensives Dehnen vor dem Krafttraining vielen Sportlern als unerlässlich, um das Verletzungsrisiko zu minimieren, doch tatsächlich schützen Dehnübungen im Vorfeld des Krafttrainings nicht vor Verletzungen, erläuterte Prof. Froböse. Der Sportwissenschaftler rät von einem längerem Dehnprogramm vor dem Krafttraining ab und betonte, dass hier maximal kurze dynamische Dehnübungen zu empfehlen seien.

Lange Dehnübungen vermindern die Leistungsfähig der Muskulatur
Durch ausgiebige Dehnübungen vor dem Krafttraining ist laut Aussage des Sprechers vom Zentrum für Gesundheit der Deutschen Sporthochschule Köln keine Verminderung des Verletzungsrisikos zu erreichen. Zudem könne „ein langes Dehnprogramm vor dem Krafttraining eine Leistungsminderung hervorrufen“, erläuterte der Experte. Insbesondere beim Krafttraining sei ein ausführliches Dehnprogramm kontraproduktiv. Stattdessen empfiehlt Prof. Froböse, die zu trainierenden Muskelgruppen durch ein kurzes und dynamisches Dehnen auf die Belastung vorzubereiten. Sportler sollten „vor dem Krafttraining maximal ein sehr kurzes und dynamisches Dehnen durchführen“, um die Muskeln, die anschließend trainiert werden sollen, zu aktivieren. Durch das Dehnen werde die „Durchblutungssituation verbessert und der Muskel mechanisch auf eine Anstrengung“ eingestellt, erklärte Prof. Froböse. Sind die Dehnübungen zu ausgiebig, wird die Muskulatur entspannt und zieht sich in die Länge, was zu einer verminderten Leistungsfähigkeit und Reaktionsschnelligkeit führt, so der Experte weiter. „Der Arbeitsweg ist dann einfach zu lang, und die Reaktion dauert zu lange“, betonte Prof. Froböse.

Dehnen nach dem Krafttraining fördert winzige Muskelverletzungen
Auch das Dehnen nach dem Krafttraining ist laut Aussage des Sportwissenschaftlers eher kontraproduktiv, da die hohe Belastung der Muskeln zu winzigen Verletzungen im Muskelgewebe führen kann, die sich im Zuge der Dehnübungen unter Umständen ausweiten. „Diese Mikroverletzungen können durch ein intensives Dehnprogramm verschlimmert werden“, erläuterte Prof. Froböse und betonte, dass „insbesondere nach dem Krafttraining daher kein Dehnen“ zu empfehlen sei. In Bezug auf das vermeintlich verminderte Verletzungsrisiko durch die Dehnübungen vor dem Sport, erläuterte der Sprecher des Zentrums für Gesundheit der Deutschen Sporthochschule Köln, dass die wissenschaftliche Literatur bislang keine Belege für einen Verletzungsschutz durch das Dehnen liefere. Vielmehr wird nach Ansicht des Experten bei einigen Sportarten das Verletzungsrisiko durch Dehnübungen vermutlich sogar erhöht. „Wenn zum Beispiel durch Gegnerkontakte – wie im Fußball – der Muskulatur nur wenig Zeit zum Reagieren bleibt, drohen bei entspannter Muskulatur eher Verletzungen“, erläuterte der Experte.

Aufwärmübungen ohne Dehnprogramm
Auch wenn Prof. Froböse hierzu in seinen aktuellen Angaben keine Äußerung trifft, scheint ein Kaltstart ohne jegliche Vorbereitung auf die körperliche Belastung ebenfalls kaum empfehlenswert. Allerdings sollte bei den Aufwärmübungen – insbesondere vor dem Krafttraining – auf ein ausführliches Dehnprogramm verzichtet werden. (fp)