Demenz: Volkskrankheit Nummer eins der Zukunft

Heilpraxisnet

Demenz-Republik Deutschland: Neue Strategien gegen die neurodegenerative Erkrankung

04.09.2014

Heute leiden in Deutschland laut Angaben der Deutschen Alzheimer Gesellschaft bereits rund 1,5 Millionen Menschen an Demenz und bis zum Jahr 2050 wird aufgrund der zunehmenden Alterung der Gesellschaft eine Verdopplung der Erkrankungszahlen erwartet. Auf einer gemeinsamen Veranstaltung in Düsseldorf haben nun Experten des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) und die Wissenschaftsministerin von Nordrhein-Westfalen, Svenja Schulze, den aktuellen Stand der Demenz-Forschung vorgestellt.

Zwar ist mit einem deutlichen Anstieg der Demenz-Erkrankungen in den kommenden Jahrzehnten zu rechnen und eine Heilung scheint bislang nicht erreichbar. Doch bestätigen neue Studien, dass „geistige Aktivitäten, Bewegung und gesunde Ernährung eine mögliche Demenz deutlich hinauszögern“ können, so die Mitteilung des Ministeriums für Innovation, Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen. Auf der Veranstaltung in Düsseldorf wurden neue Ansätze zur Vorbeugung, Früherkennung und Patientenbetreuung bei Demenz erörtert.

Durchschnittliches Erkrankungsalter verschiebt sich
Die Direktorin für Populationsbezogene Gesundheitsforschung am DZNE in Bonn, Prof. Monique Breteler, erläuterte, dass diverse Studien der letzten zehn Jahre einen anhaltenden Trend aufzeigen, demnach Menschen immer später an Demenz erkranken. „Der durchschnittliche Erkrankungszeitpunkt für die altersbedingte Demenz hat sich nach hinten verschoben“, so Breteler weiter. Die Anzahl der Betroffenen wird demzufolge in den kommenden Jahren zwar drastisch steigen, doch das durchschnittliche Erkrankungsalter verschiebt sich gleichzeitig nach hinten. „Das liegt unter anderem daran, dass die 65-Jährigen von heute fitter sind als die 65-Jährigen in früheren Jahren“, erklärte Prof. Breteler. Durch ihre aktive Lebensweise, aber auch durch den Einfluss vieler uns bis dato unbekannter Faktoren, werde der Ausbruch einer Demenz hinausgezögert. Die Forscher fühlen sich hierdurch in der Annahme bestätigt, „dass in der Vorbeugung sehr große Chancen liegen.“

Aktives und selbstbestimmtes Leben im Alter
„Wir wollen älteren Menschen ein aktives und selbstbestimmtes Leben ermöglichen. Das gelingt uns nur, wenn wir Antworten auf altersbedingte Erkrankungen wie Demenz finden“, betonte die nordrhein-westfälische Wissenschaftsministerin Svenja Schulze. Allerdings würden die Erkenntnisse des DZNE hier Mut machen – „auch wenn wir in der Forschung noch am Anfang stehen.“ Um Fortschritte in der Prävention, Therapie und Pflege zu erzielen, fördere das Wissenschaftsministerium Nordrhein-Westfalen die DZNE-Standorte in Bonn und Witten jährlich mit fünf Millionen Euro. Zudem investiere das Land 85 Millionen Euro in den Forschungsbau, der derzeit auf dem Bonner Venusberg entsteht und für den am heutigen Donnerstag der Grundstein gelegt wurde.

Verbesserte Früherkennung von Demenz
Die Experten des DZNE zeigten sich auch in Bezug auf mögliche Verbesserungen der Demenz-Therapie hoffnungsvoll. Allerdings sei hier der Zeitpunkt der Diagnose für die Wirksamkeit der Behandlung entscheidend, da sich auf therapeutischem Wege bis heute lediglich eine Verzögerung des Krankheitsverlaufs erreichen lässt „Je früher die Therapie ansetzt, desto größer sind die Erfolgschancen“, erläuterte Prof. Nikolai Axmacher, Gruppenleiter am DZNE in Bonn, dessen Team derzeit an der Entwicklung neuer Methoden zur Früherkennung von Demenz arbeitet. „Dabei nutzen die Forscher das Verfahren der funktionellen Magnetresonanztomographie, mit dem sich Veränderungen im Gehirn bildlich darstellen lassen“, so die Mitteilung des Wissenschaftsministeriums NRW.

Therapeutisches Potenzial der tiefen Hirnstimulation?
Der DZNE-Experte erläuterte, dass zum Beispiel „bei Menschen mit genetisch erhöhtem Risiko für eine Demenz schon Jahrzehnte vor Ausbruch von Gedächtnisstörungen Veränderungen der Hirnaktivität sichtbar sind.“ Allerdings bleibe bislang unklar, „ob diese wirklich mit Frühstadien der Alzheimer-Demenz zusammenhängen.“ Professor Axmacher sieht darüber hinaus auch therapeutisches Potenzial in der sogenannten tiefen Hirnstimulation, die bisher vor allem zur Behandlung von Parkinson eingesetzt wird. „Diese neue Methode birgt große Chancen. Allerdings ist noch nicht hinreichend verstanden, wie sie genau funktioniert. Deshalb wollen wir das erforschen“, erklärte der Experte. Weitere therapeutische Ansätze werden aktuell in zahlreichen Studien weltweit erprobt, doch trotz der wiederholten Meldungen über vermeintlich durchbrechende Erfolge, ist bislang keine Heilungsmethode für die neurodegenerative Erkrankung in Sicht.

Neue Wege in der Patientenbetreuung und Versorgung
Angesichts der fehlenden Heilungschancen bleibt die adäquate Versorgung und Betreuung der Patienten von besonderer Bedeutung. Daher entwickeln die Experten am DZNE-Standort in Witten auch neue Strategien für die Betreuung und Versorgung der Demenzkranken. Dazu gehören unter anderem „Konzepte, die die Verständigung zwischen Patienten, Angehörigen und Pflegepersonal verbessern“, berichtet das Wissenschaftsministerium NRW. Hier liege ein neuer Ansatz „in der nonverbalen Kommunikation zum Beispiel in der Spiegelung von Gesten beim Essen und Trinken.“ Die Patienten werden dazu animiert, das Beobachtete nachzuahmen. Insgesamt sei es wichtig, dass die Erkrankten so lange wie möglich selbstständig agieren. „Neue Formen der Kommunikation können dabei helfen – und damit auch Angehörige und Pflegekräfte entlasten“, betonte die Standortsprecherin am DZNE in Witten, Professorin Martina Roes.

Bevölkerungsstudie zu den Schutz- und Risikofaktoren
Wesentlich für die zukünftigen Strategien im Kampf gegen die Volkskrankheit Demenz ist laut Aussage der Experten die genaue Bestimmung der Risikofaktoren, aber auch der Faktoren, die eine präventive Wirkung entfalten. Um beide zu identifizieren, startet das DZNE nach eigenen Angaben im kommenden Jahr eine große, auf Jahrzehnte angelegte Bevölkerungsstudie, in deren Rahmen rund 30.000 Menschen ab dem 30. Lebensjahr in drei Untersuchungszentren im Rheinland regelmäßig untersucht werden sollen. (fp)

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