Depressionen bei Männern seltener aber schwerer

Fabian Peters

Geschlechtsspezifische Unterschiede bei Depressionen

19.08.2011

Depressionen nehmen bei Männern häufig einen schwereren Verlauf als bei Frauen. Zwar sind deutlich mehr Frauen wegen der psychischen Erkrankung in Behandlung, die Suizidrate liegt jedoch bei den depressiven Männern deutlich höher. In der Nähe von Hannover widmet sich daher die deutschlandweit erste Tagesklinik explizit der Behandlung von Männern mit manifestierten Depressionen.

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Männer haben generell eher Schwierigkeiten über ihre psychischen Probleme zu reden und entsprechende Hilfe in Anspruch zu nehmen, als Frauen, berichten die Experten der Deutsche Gesellschaft für Mann und Gesundheit (DGMG) gegenüber der Nachrichtenagentur „dpa“. Der Depressionsforscher Mathias Berger vom Universitätsklinikum Freiburg ergänzte: „Männer versuchen, Depressionen lange zu unterdrücken, dann wird es schnell lebensgefährlich.“ Dies ist nach Ansicht der Fachleute auch der Grund für Suizide bei depressiven Männern .

Erste Tagesklinik für depressive Männer
Im Ortsteil Ilten der niedersächsischen Kleinstadt Sehnde in der Region Hannover läuft seit Anfang des Jahres die erste Tagesklinik für depressive Männer. Das Klinikum Wahrendorff kann als Träger der Einrichtung auf eine langjährige Erfahrung bei der Betreuung von Patienten mit psychischen Problemen zurückblicken und dient auch als akademisches Lehrkrankenhaus der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). In der Tagesklinik lernen die depressiven Männer über ihre Probleme mit anderen Leidensgenossen zu kommunizieren und erhalten professionelle Unterstützung, um die psychische Erkrankung in den Griff zu bekommen. Männer tendieren laut Aussage der DGMG dazu, ihre psychischen Probleme zu verdrängen und flüchten sich bei anhaltender depressiver Grundstimmung in ihre Arbeit oder übertriebene sportliche Aktivitäten. Auch ein zunehmender Alkoholkonsum sei bei Männern oftmals Begleiterscheinung von Depressionen, berichten die Experten. Die Bereitschaft über die eigenen psychischen Probleme mit anderen zu sprechen, war bis vor kurzem bei Männern relativ gering, erklärte Frank Sommer, Präsident der DGMG und Professor für Männergesundheit am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf Doch durch den tragischen Tod von Torhüter Robert Enke wurde die deutsche Männerwelt aufgerüttelt, betonte Sommer.

Männer schämen sich häufig für ihre psychischen Probleme
Zwar hat der Suizid des ehemaligen Nationaltorwarts das Thema depressiver Erkrankungen bei Männern ein wenig enttabuisiert, doch die Bereitschaft ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen, ist laut Aussage der DGMG bei den männlichen Betroffenen bis heute wesentlich geringer als bei Frauen. So geht die anhand aktueller Studien nachgewiesene deutlich höhere Anzahl der Depressionspatientinnen nach Einschätzung der Experten auch auf die mangelnde Bereitschaft der Männer, über ihre psychischen Probleme zu sprechen, zurück. Zwei- bis dreimal häufiger erkranken Frauen laut Aussage der DGMG an Depressionen, bei depressiven Männern liegt jedoch die Suizidrate rund dreimal höher. Häufig werde die psychische Erkrankung bei Frauen in einem deutlich früheren Stadium erkannt und so könne den Patientinnen oftmals mit den bestehenden unterschiedlichen Therapiemöglichkeiten geholfen werden. Die Männer hingegen begeben sich meist erst in Behandlung, wenn ihre psychischen Probleme bereits ein erheblich schwereres Ausmaß angenommen haben, erläuterten die Experten. Außerdem haben Hausärzte in einer weiteren Studie die Depressionen bei Männern in lediglich 20 Prozent der Fälle erkannt, bei Frauen hingegen in 40 Prozent. So seien die Aussichten auf eine erfolgreiche Therapie bei depressiven Männern oftmals von vornherein erschwert, wodurch nach Einschätzung der Experten auch die erhöhte Selbstmordrate zu erklären ist. Daher hat die Deutsche Gesellschaft für Mann und Gesundheit unter anderem spezielle Schulungsprogramme für Hausärzte entwickelt, die den Medizinern bei Früherkennung gefährdeter Patienten helfen sollen.

Depressionen haben den Status einer Volkskrankheit
In der Tagesklinik für depressive Männer des Klinikums Wahrendorff werden die 20- bis 50-jährigen Patienten auf Basis eines speziellen psychotherapeutischen Ansatzes behandelt, bei dem das Stresstoleranz-Training laut Aussage des Chefarztes Michael Hettich gegenüber der „dpa“ eine wesentliche Bedeutung hat. Entspannungsübungen und das Gespräch mit den übrigen Depressionspatienten bilden ebenfalls einen Schwerpunkt des therapeutischen Ansatzes, so Hettich weiter. Die neun Betroffenen, die derzeit in der Tagesklinik behandelt werden, profitieren nach eigenen Angaben erheblich von dem deutschlandweit einzigartigen Projekt. Ein Modell, dass Schule machen könnte, zumal angesichts der dramatisch steigenden Zahlen bei den Depressionserkrankungen dringend neuen therapeutische Ansätze erforderlich scheinen. So befinden sich nach Einschätzung der Experten derzeit rund vier Millionen Menschen in Deutschland wegen Depressionen in therapeutischer Behandlung. Weltweit leiden rund 121 Millionen Menschen an depressiven Symptomatiken, berichtete ein internationales Wissenschaftsteam der State University of New York Ende Juli im Wissenschaftsmagazin „BMC Medicine“. Als erste Anzeichen einer Depression können dabei Symptome wie Schlafprobleme, innere Unruhe und Antriebslosigkeit, später häufig begleitet von psychosomatischen Beschwerden wie Kopfschmerzen, Schwindel und Müdigkeit auftreten. Die psychische Erkrankung ist des weiteren vor allem gekennzeichnet durch eine deutlich sinkende Lebensfreude, anhaltende Gleichgültigkeit, Hoffnungslosigkeit und suizidale Gedanken. Depressionen haben in den westlichen Industrienationen mittlerweile den Status einer Volkskrankheit.

Alternative Behandlungsansätze bei Depressionen
Da die wachsenden Anzahl der Depressionspatienten die konventionelle Medizin vor eine kaum zu bewältigende Aufgabe stellt, greift die Schulmedizin auf der Suche nach alternativen Behandlungsmethoden zur Therapie bei Depressionen immer häufiger auf naturheilkundliche Behandlungsansätze zurück. So untersuchen zum Beispiel Forscher der Berliner Charité die Wirkung von Lavendelöl auf Symptome wie innere Unruhe, Schlafstörungen oder Depressionen. Auch der Einsatz von Lichtbestrahlungen in einer Stärke von 2.500 bis 4.000 Lux wurde bei sogenannten Winterdepressionen bereits erfolgreich getestet. Darüber hinaus haben Forscher der Universität Bochum bei der Behandlung von Depressionspatienten mit Akupunktur positive Effekte erzielt und ein israelisch-amerikanisches Forscherteam konnte im Laborversuch an Mäusen nachweisen, dass mit dem Inhalieren von Weihrauchduft ebenfalls eine Linderung der Depressionen einhergehen kann. Doch auch die ausgefallensten Behandlungsmethoden können nur zum Einsatz kommen, wenn eine entsprechende Diagnose vorliegt, das heißt die Betroffenen sich ihren Problemen stellen und ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen. Die speziell für Männer eingerichtete Tagesklinik in der Region Hannover, bietet hier nach Einschätzung der DGMG auch einen guten Ansatz, um den Männern die Inanspruchnahme der professionellen Unterstützung zu erleichtern. (fp)