Depressionen bereits bei Vorschulkindern

Alfred Domke

Depressionen treten bereits bei Vorschulkindern auf

26.04.2014

Etwa jeder Fünfte leidet im Laufe seines Lebens an einer Depression. Wie Leipziger Forscher nun herausfanden, deuten Symptome bereits bei Kindern im Vorschulalter auf die Volkskrankheit hin. So wiesen rund zwölf Prozent eines Kindergartenjahrgangs erhöhte Ängstlichkeit und depressive Verstimmungen auf.

Millionen Menschen leiden an einer behandlungsbedürftigen Depression
Der Bertelsmann Stiftung zufolge könne man derzeit von etwa neun Millionen Menschen ausgehen, die an einer behandlungsbedürftigen Depression leiden, mindestens 15 Prozent davon in schwerer Form. Symptome der Erkrankung, wie Angstzustände, innere Unruhe oder Schlafstörungen, sind bei Erwachsenen schon lange nicht mehr besonders ungewöhnlich. Doch nun haben Forscher des Universitätsklinikums Leipzig anhand einer Studie festgestellt, dass auch Kinder davon betroffen sein können. Der ärztliche Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie, Professor Dr. Kai von Klitzing hat mit seinem Team dazu Eltern eines Kindergartenjahrgangs nach Angst-und Depressionssymptomen befragt.

Zwölf Prozent der Kinder wiesen erhöhte Ängstlichkeit und depressive Verstimmtheit auf
Von den über 1.700 untersuchten Kindern wiesen demnach mehr als 200, also rund zwölf Prozent, erhöhte Ängstlichkeit und depressive Verstimmtheit auf. Beim Vergleich mit einer Gruppe von Kindern ohne Depressionen stellte sich dann heraus, dass sechs Prozent ernsthaft krank waren. Die Ergebnisse der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Studie wurden kürzlich im Fachmagazin „Journal of Child Psychology and Psychiatry“ veröffentlicht. Fünfjährige, die im Kindergarten wenig Interesse am Spielen zeigten, würden zunächst kaum auffallen. „Die Aufmerksamkeit liegt eher auf Hyperaktivität und Aggression“, so Kindertherapeut von Klitzing. „Wenn ein Kind jedoch dauerhaft traurig ist, nicht spielen will oder lustlos in der Ecke sitzt, sollte man genauer hinschauen. Denn erwachsene depressive Menschen berichten häufig, dass ihre Krankheit schon im Kindesalter begann.“

Psychische Krankheiten sind heute gesellschaftlich anerkannter
Allerdings haben auch diejenigen ein höheres Risiko, die negative Lebenserfahrungen wie Misshandlung und Vernachlässigung schon in der frühen Kindheit erlebten. Weitere Faktoren seien das Zerbrechen von Familien und früher Leistungsdruck. „Psychische Krankheiten sind in der Gesellschaft heute anerkannter als früher“, meinte der Psychotherapeut. „Dennoch glauben viele, die Kindheit sei sorgenfrei. Das ist aber eine Illusion.“ Von Klitzing betonte jedoch, dass nicht jedes Kind, das ängstlich ist, gleichzeitig depressiv wird. Phobische Symptome wie Angst vor Dunkelheit oder vor großen Tieren seien genauso normal wie die anfängliche Angst und Traurigkeit, sich morgens vor dem Kindergarten von den Eltern zu trennen. „Ich finde es wichtig, die zu identifizieren, die wirklich leiden und echte Entwicklungsprobleme haben.“

Psychoanalytische Kurzzeitbehandlung für Kinder
Zusammen mit der Diplompsychologin Tanja Göttken hat von Klitzing eine psychoanalytische Kurzzeitbehandlung für Kinder von vier bis zehn Jahren entwickelt und wissenschaftlich erforscht, um rasch behandeln zu können und einer Chronifizierung vorbeugen zu können. In 25 Therapiesitzungen, von denen fünf mit und 20 ohne Eltern stattfinden, werden dabei in Gesprächen und im Spiel unverarbeitete Konflikte des Kindes herausgearbeitet. Von Klitzing erklärte dazu: „Es geht nicht darum, einfach die Symptome zu beseitigen, sondern für Kind und Eltern besser verständlich zu machen, welche ungelösten Entwicklungsaufgaben hinter den Symptomen stehen.“

Kinder fühlen sich bei Familienschwierigkeiten schnell schuldig
Themen wie Trennung und Schuld kommen in der Konfliktbearbeitung sehr häufig auf. „Kinder fühlen sich rasch schuldig, wenn es Schwierigkeiten in der Familie wie Partnerschaftsprobleme oder Krankheit der Eltern gibt. Tief innerlich empfinden sie, dass es ihnen nicht besser gehen darf als den Eltern.“ Er mahnt aber auch: „Wir müssen einfach aufpassen, dass wir den Eltern nicht die Schuld in die Schuhe schieben.“ In einer kürzlich in der internationalen Fachzeitschrift „Psychotherapy“ veröffentlichten ersten Studie an 30 Kindern zeigte die Behandlung erstaunliche Erfolge. So verminderten sich die Symptome bei allen Kindern im Vergleich zur Kontrollgruppe deutlich, über die Hälfte der Kinder war am Ende sogar völlig störungsfrei. Die Therapeuten sahen darin eine durchaus zufriedenstellende Entwicklung, die auch mehr als sechs Monate nach Therapieende anhielt. „Dennoch wird ein Teil der Kinder eine längere psychotherapeutische Behandlung benötigen, um sich auch langfristig gesund entwickeln zu können.“ (ad)

Bild: S. Hofschlaeger / pixelio.de