Depressionen in reichen Ländern weit verbreitet

Fabian Peters

Etwa 121 Millionen Menschen leiden weltweit an Depressionen

26.07.2011

Rund 121 Millionen Menschen leiden weltweit an Depressionen, so eine der Aussagen einer umfassenden Studie internationaler Wissenschaftler um Studienleiterin Evelyn Bromet von der State University of New York in Stony Brook, USA. Dabei sind Depressionen in den reicheren Ländern deutlich weiter verbreitet, als in den Entwicklungs- und Schwellenländern, berichten die Forscher in dem Fachjournal „BMC Medicine“.

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Im Rahmen ihrer Untersuchung haben die Wissenschaftler um Evelyn Bromet mehr als 89.000 Menschen aus 18 verschiedenen Staaten interviewt und dabei das persönliche Befinden der Probanden sowie deren bereits durchlebte Depression beziehungsweise depressive Episode (MDE, major depressive episode) erfasst. Als deutscher Wissenschaftler war Herbert Matschinger vom Institut für Sozialmedizin der Universität Leipzig an der aktuellen Studie beteiligt. Eines der wesentlichen Ergebnisse: Die Bevölkerung in den Ländern mit hohem Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf leidet deutlich häufiger an Depressionen, als die Menschen in den ärmeren Staaten. Außerdem sind Frauen signifikant häufiger betroffen als Männer, berichten Bromet und Kollegen in der Fachzeitschrift „BMC Medicine“.

Erhöhtes Depressionsrisiko in reichen Ländern
Rund 121 Millionen Betroffene leiden weltweit an Depressionen, wobei die psychischen Leiden in den Ländern mit hohem BIP pro Kopf deutlich weiter verbreitet sind, als in den ärmeren Nationen, so das Ergebnis einer aktuellen Untersuchung zu den depressiven Erkrankungen im internationalen Vergleich. Studienleiterin Evelyn Bromet von der State University of New York hat gemeinsam mit einem Team internationaler Wissenschaftler fast 90.000 Personen aus achtzehn verschiedenen Staaten mit unterschiedlichem Einkommensniveau befragt. Dabei waren die zehn reichen, in der Studie berücksichtigten Ländern Belgien, Deutschland, Frankreich, Israel, Italien, Japan, Neuseeland, die Niederlande, Spanien und die USA. Zu den acht ärmeren Staaten mit mittlerem und niedrigen Einkommensniveau zählten zum Beispiel Brasilien, Indien, China, Mexiko, Südafrika sowie die Ukraine. Bei den Studienteilnehmern aus Staaten mit relativ hohem BIP habe das Risiko, im Lebensverlauf mindestens eine Depression zu erleiden, bei 15 Prozent gelegen, wohingegen in den ärmeren Staaten das Risiko lediglich bei elf Prozent lag, berichten die Forscher. In den reicheren Staaten litten laut Aussage der Wissenschaftler 5,5 Prozent der Befragten noch in dem Jahr unmittelbar vor der aktuellen Studie an einer Depression.

Depressive Episoden in reichen Ländern stärker verbreitet
Die bei den diagnostizierten Depression zwischen den reicheren und ärmeren Staaten zu erkennenden Unterschiede haben sich laut Aussage der Forscher auch in Hinblick auf die depressiven Episoden (MDE, major depressive episode) bestätigt. Dabei ist eine MDE als Lebensphase zu verstehen, in der mindestens fünf von neun Kriterien erfüllt sind, die auf eine Depression hinweisen. Zu diesen Kriterien zählen unter anderem der Selbstbewusstseinsverlust, Schlaf- und Appetitlosigkeit, schlechte Konzentrationsfähigkeit und ein wiederkehrendes Gefühl der Traurigkeit. Anhand von Fragebögen können die Kriterien einer MDE relativ eindeutig erfasst werden, erklärten die Wissenschaftler. Den aktuellen Untersuchungsergebnissen zufolge waren die depressiven Episoden bei Personen in den Länder mit höherem BIP deutlich häufiger als bei Studienteilnehmern aus Staaten mit niedrigerem Einkommensniveau. So litten durchschnittlich 28 Prozent der Probanden in den reichen Staaten an einer MDE, wohingegen lediglich 20 Prozent in den Ländern mit geringerem Einkommen betroffen waren. Auffällig hoch war laut Aussage der Forscher die Verbreitung depressiver Episoden bei der Bevölkerung in Frankreich, den Niederlanden und den USA, wo mehr als 30 Prozent der Befragten bereits einmal in ihrem Leben unter einer MDE litten. Außerordentlich niedrig war die Verbreitung der MDE in China, wo lediglich 12 Prozent Befragten bereits eine depressive Episode durchlebt haben, berichten die Forscher. Insgesamt bestätigten auch die MDE, die bei den diagnostizierten Depressionen nachgewiesenen Unterschiede zwischen Nationen mit hohem und niedrigem Einkommensniveau

Frauen doppelt so häufig von Depressionen betroffen wie Männer
Die Studie konnte jedoch nicht nur Unterschiede zwischen den reicheren und ärmeren Ländern bei den Depressionen feststellen, sondern hat auch einige kulturübergreifende Gemeinsamkeiten aufgezeigt. So leiden Frauen sowohl in den wohlhabenden Staaten als auch in den Ländern mit mittlerem und niedrigen Einkommen rund doppelt so häufig unter depressiven Episoden oder Depressionen wie Männer, berichten die Forscher um Evelyn Bromet. Außerdem sei länderübergreifend bei allen Studienteilnehmern der Verlust des Partners durch Trennung, Scheidung oder Tod einer der Hauptauslöser für Depressionen, so ein weiteres Ergebnis der aktuellen Untersuchung. Im Rahmen der Veröffentlichung betonte Bromet, dass „dies die erste Studie, die eine standardisierte Methode einsetzt, um Depressionen und MDE über die Länder und Kulturen hinweg zu vergleichen“ sei. Dabei haben die Forscher nicht nur internationale Unterschiede aufgedeckt, sondern konnten auch zeigen, „dass Depression in allen Regionen der Welt ein großes Problem ist“, so das Fazit der US-Forscherin.

Depressionen Hauptursache für Arbeitsunfähigkeit und Frührente
Jedoch sind nicht nur die psychischen Belastungen für die Betroffenen ein ernsthaftes Problem, das dringend therapeutischer Behandlung bedarf, sondern auch die mit den Depressionen verbunden volkswirtschaftlichen Kosten werden zu einer wachsenden Herausforderung. Wie das Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) im April bekannt gab, haben Depressionen in Deutschland heute bereits den Status einer Volkskrankheit durch die direkte und indirekte Kosten in Höhe von 15,5 bis 22 Milliarden Euro verursacht werden. Die psychischen Probleme seien die Hauptursache für Arbeitsunfähigkeit und Frührente, betonte das RWI. Zu einem ähnlichen Schluss kommt der Direktor des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie, Florian Holsboer. Depressionen seien schon heute in Deutschland die Hauptursache für Arbeitsunfähigkeit und Frühverrentung, wobei rund vier Millionen Deutsche laut Holsboer hierzulande an Depressionen leiden. Insgesamt erkranke etwa jeder zehnte Deutsche im Laufe seines Lebens mindestens einmal an Depressionen, so der Direktor des Max-Planck-Instituts weiter. Als wesentliche Einflussgröße für das Auftreten der Depressionen bewertet Holsboer vor allem den durch die Arbeit bedingten Stress. Sowohl die hohe Arbeitsbelastung als auch die Angst vor einem Jobverlust bzw. Hartz 4 oder das schlechte Verhältnis zu den Mitarbeitern (Mobbing) könne als Ursache der psychischen Leiden in Frage kommen. Eine oftmals erfolgversprechende Methode, um das Risiko einer Depression zu reduzieren, ist nach Einschätzung der Experten zum Beispiel die Stress-Vermeidung. Dabei können gefährdete Personen durch Entspannungsübungen, Autogenes Training, Tai Chi oder Akupunktur mit relativ einfachen Maßnahmen ihr persönliches Stressempfinden senken und so dem Risiko einer Depression beziehungsweise depressiver Episoden vorbeugen. Allerdings erübrigen derartige Übungen nicht die Hinzuziehung eine Fachmanns bei anhaltenden psychischen Problemen. (fp)