Depressionen provozieren Schlaganfälle

Sebastian

Depressionen provozieren Schlaganfälle

22.09.2011

Depressionen können das Risiko für Schlaganfälle erhöhen. Das gelte insbesondere dann, wenn die die psychische Erkrankung zu spät erkannt und nicht therapiert wird. Das Ausmaß des erhöhten Risikos soll nach Ansicht der Wissenschaftler um Frank Hu von der Harvard School of Public Health sogar ähnlich hoch sein wie Tabakrauchen.

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Viele Menschen wissen um ihre Erkrankung nicht und schieben Stimmungsschwankungen, anhaltende Traurigkeit oder soziale Verwahrlosung auf äußere Umstände oder funktionelle Erkrankungen. Schon länger ist bekannt, dass zwischen Depressionen, Bluthochdruck, Diabetes und Herzinfarkten einen Risiko-Kontext besteht. Die Psyche hat demnach einen entscheidenden Einfluss auf die körperliche Verfasstheit des Menschen. Neu ist, dass nicht-behandelte und lang anhaltende Depressionen nicht nur die Lebensqualität mindern, sondern auch die Risiken für einen (Schlaganfall) signifikant erhöhen. Das berichten Forscher Harvard School of Public Health. Werden depressive Episoden oder manifestierte Depressionen rechtzeitig behandelt, so könnten laut Studienergebnisse vier von hundert Gehirnschlägen verhindert werden. Demnach könnten Depressionen einen ebenso hohen Faktor zur Entstehung von Gehirnschlägen darstellen, wie der regelmäßige Konsum von Zigaretten.

Während der Studienphase wertete das Forscherteam 28 Kohortenstudien aus, die eine spezielle Form von Paneluntersuchungen (Metaanalysen) sind. Die Daten umfassten insgesamt 320.000 Probanden, deren Krankheitsverlauf bis zu 29 Jahre begleitet wurde. Während des untersuchten Zeitraums erlitten rund 8500 Teilnehmer einen Schlaganfall. Das Ergebnis: Wer an Depressionen litt, zeigte ein 45prozentiges Risiko für einen Apoplex. Darüber hinaus erhöhte sich die Sterberate bei einem Insult um 55 Prozent, wenn der Patient zusätzlich depressiv war. Bereits eine im Jahre 2005 unternommenen Studie kam zu ähnlich besorgniserregenden Ergebnissen. Allerdings konnten die Daten damals nicht gesichert werden, weil die Teilnehmerzahl für eine konkrete Aussage zu gering war.

Ungesunder Lebensstil bei Depressionen
Warum ein sichtlicher Zusammenhang besteht, darüber können die Forscher nur Mutmaßungen anstellen. Naheliegend ist, dass psychisch Erkrankte meist einen ungesunden Lebensstil pflegen und demnach über selbst zugeführte Risikostoffe (fetthaltiges Essen, Rauchen, Alkoholkonsum) die Erkrankungsrate steigern. So sei es auch erklärbar, warum depressive Patienten über ein erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Krankheiten verfügen. Zusätzlich könnten verordnete Arzneimittel wie Antidepressiva eine Zunahme des Körpergewichts begünstigen. Übergewicht gilt als weiterer Risikofaktor für Schlaganfälle.

Daneben werden allerdings auch biologische Krankheitsprozesse diskutiert. Demnach vermuten Mediziner, dass Depressionen das sympathische Nervensystem aktivieren und eine Dysfunktion der Thrombozyten oder einen Anstieg des C-Reaktiven Protein provozieren. Diese Prozesse könnten ebenfalls das Schlaganfallrisiko erhöhen. Hier können zum derzeitigen Erkenntnisstand nur Vermutungen angestellt werden, weil gesicherte Daten fehlen.

Das Ausmaß der Ergebnisse wird deutlich, wenn die Erkrankungsrate am Beispiel Deutschlands zu Rate gezogen wird. Rund vier Millionen Menschen leiden hierzulande an Depressionen, wobei die Dunkelziffer bedeutend höher liegen dürfte. Nach Schätzungen von Experten erkranken rund zehn Prozent der bundesdeutschen Bevölkerung im Laufe ihres Lebens an einer depressiven Phase oder an einer ausgebildeten Depression. Schlaganfälle im Vergleich datsind die dritthäufigste Erkrankung in Deutschland und nach letzten Erhebungen auch die dritthäufigste Todesursache (7,9 Prozent gemessen an allen Todesursachen). Die Studienergebnisse wurde im medizinischen Fachjournal „Jama“ veröffentlicht. (sb)