Depressionen: Zu lange Wartezeiten auf Arzttermine

Fabian Peters

Erster Patientenkongress zum Thema Depressionen: Patienten müssen zu lange auf Therapieplätze warten

03.10.2011

Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe und die Deutschen Depressionsliga haben in Leipzig den ersten Deutschen Patientenkongress Depression organisiert. Im Rahmen der Veranstaltung bemängelten die Experten unter anderem, dass die Betroffenen häufig deutlich zu lange auf einen Termin beim Facharzt oder Psychologen warten müssen.

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Wie der Vorsitzende der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, Ulrich Hegerl, betonte sind die teilweise monatelangen Wartezeiten im Sinne der Betroffenen völlig inakzeptabel. Niemand der wegen seiner psychischen Probleme nach Unterstützung sucht, sollte derart lange auf einen Arzttermin warten müssen, kritisierte der Experte auf dem Kongress in Leipzig. Schnelle medizinische Hilfe müsse bei der durchaus lebensgefährlichen Krankheit generell gewährleistet sein. Als Schirmherr des ersten Patientenkongresses zum Thema Depressionen fungierte der bekannte Entertainer und Komiker Harald Schmidt. Insgesamt waren über 1.000 Besucher der Einladung ins Leipziger Gewandhaus gefolgt.

Depressionen in den Fokus der öffentlichen Diskussion
Der erste Deutsche Patientenkongress zum Thema Depressionen sollten den Betroffenen und ihren Angehörigen eine Möglichkeit zum Austausch und zur Information bieten, wobei Vorträge von Angehörigen, Ärzten und Patienten ebenso zum Programm gehörten wie eine Podiumsdiskussion und zahlreiche Workshops. Zwar hat das Thema Depressionen seit dem Freitod des ehemaligen Torwarts der Fußballnationalmannschaft, Robert Enke, vor knapp zwei Jahren in der Öffentlichkeit ein spürbar erhöhtes Interesse erfahren, doch auch heute noch besteht hier erheblicher Aufklärungsbedarf, so die Einschätzung der Experten auf dem Patientenkongress in Leipzig. Im Mittelpunkt des Kongresses standen neben den unterschiedlichen Ursachen depressiver Erkrankungen, auch deren Symptome und die bestehenden Therapiemöglichkeiten. Da Depressionen für die Familienangehörigen und Freunde der Betroffenen ebenfalls eine erhebliche Herausforderung sind, widmeten sich außerdem verschiedene Workshops den Optionen, welche Angehörige haben, um depressiven Patienten in ihrem Umfeld zu helfen. Wie die sächsische Landesgesundheitsministerin Christine Clauß bei der Eröffnung des Patientenkongresses betonte, trägt die aktuelle Veranstaltung auch dazu bei, das Thema Depressionen wieder deutlicher in den Fokus der öffentlichen Diskussion zu rücken.

Vier Millionen Depressionspatienten deutschlandweit
Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe schätzt, dass derzeit rund vier Millionen Menschen in Deutschland unter Depressionen leiden, womit die psychische Erkrankung zu den verbreitetsten Krankheiten deutschlandweit zählt. Rund fünf Prozent der Bevölkerung weisen der Stiftung Deutsche Depressionshilfe zufolge die typischen Depressionssymptome wie Stimmungsschwankungen, Antriebslosigkeit, Müdigkeit, Schlafstörungen oder Schuldgefühle auf. Wie das Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) bereits im April dieses Jahres bei einer repräsentativen Studie im Auftrag der Allianz-Krankenversicherung feststellte, sind Depressionen hierzulande die Hauptursache für Arbeitsunfähigkeit und Frühverrentung, womit volkswirtschaftliche Kosten von 22 Milliarden Euro pro Jahr verbunden sind. Etwa jeder zehnte Deutsche leidet im Verlauf seines Lebens mindestens einmal unter einer Depression, betonten die Experten auch auf dem aktuellen Patientenkongress. Wie der Vorstandsvorsitzende der Deutsche Depressionshilfe, Ulrich Hegerl, erläuterte können Depression dabei unterschiedlichste Ursachen haben. So gelten in der Fachwelt zum Beispiel Stress, Stoffwechselstörungen aber auch genetischen Veranlagungen als mögliche Ursachen der Erkrankung. Typisches Anzeichen der Depressionen ist Ulrich Hegerl zufolge „das Gefühl des Überfordertseins und der Überlastung“, welches jede Depression begleite. Zwar könne Stress das Auftreten einer Depression begünstigen, doch in der Regel habe die Erkrankung wenig mit Leistungsdruck zu tun. Depressionen treffen bei weitem nicht nur gestresste Personen und auch das vermeintliche Entspannen durch Urlaub oder eine Auszeit von der Arbeit helfe kaum, „denn die Depression reist mit“, betonte Hegerl.

Obwohl jährlich neue Schreckensmeldung über einen massiven Anstieg depressiver Erkrankungen von den Krankenkassen veröffentlicht werden, zeigten sich die Experten auf dem Patientenkongress davon überzeugt, dass die Anzahl depressiv Erkrankter insgesamt kaum gestiegen sei. Lediglich die Anzahl entsprechender Diagnosen nehme zu, da immer mehr Betroffene professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Auch seien in der Vergangenheit Depressionen oft nicht als solche diagnostiziert, sondern hinter Ausweichdiagnosen versteckt worden, erläuterte Ulrich Hegerl. Dem Vorstandsvorsitzende der Deutschen Depressionshilfe zufolge spiegelt sich die positive Entwicklung bei der Therapie von Depressionen auch in der Suizid-Statistik wider, denn in den vergangenen 30 Jahren sei die Anzahl der depressionsbedingten Suizide von 18.000 auf 9.600 zurückgegangen. Zwar sind dies „immer noch rund 30 Menschen pro Tag, aber es ist eine sensationelle Verbesserung“, betonten Hegerl.

Keine Universallösung zur Behandlung von Depressionen
Trotz der zahlreichen Behandlungsmöglichkeiten, kann bis heute jedoch längst nicht allen Betroffenen geholfen werden. Je nach Schweregrad der Depressionen und den möglichen Ursachen kommen verschiedensten Behandlungsmethoden zum Einsatz, wobei die Schwierigkeit oftmals vor allem in der Auswahl des richtigen Behandlungsansatz liegt. So wurden in der Vergangenheit sowohl mit schulmedizinischen als auch mit naturheilkundlichen Behandlungen bereits vielversprechende Erfolge erzielt. Eine universelle Therapiemöglichkeit mit der sämtliche Depressionspatienten behandelt werden könnten, liegt bisher jedoch nicht vor, so das der Facharzt an dieser Stelle gefordert ist, geeignete Behandlungsansätze zu bestimmen. Dass die Patienten teilweise monatelang auf einen Termin warten müssen, ist daher nach Ansicht der Experten auf dem ersten Patientenkongress nicht tolerierbar. (fp)