Der neue Superkeim NDM-1

Sebastian

Resistente Bakterien die auf Antibiotika nicht mehr anspringen: Auch in Deutschland wurde bereits der NDM-1-Keim bei vier Patienten nachgewiesen.

(17.08.2010) Resistente Bakterien sind keine wirkliche Neuigkeit. Schon seit längerer Zeit beobachten Mediziner mit Sorge, dass ganze Bakterienstämme eine Resistenz gegenüber Antibiotika Arzneien entwickeln. Doch ein neuer Keim namens NDM-1 verunsichert derzeit Wissenschaftler und Patienten gleicher maßen. Der aus Pakistan und Indien eingeschleppte "Superkeim" wurde bereits auch in Deutschland diagnostiziert. Der NDM-1 Keim scheint auch nicht auf sogenannte Reserveantibiotika der Carbapeneme zu reagieren. Damit wird eine Behandlung von Patienten fast aussichtslos.

Resistente Bakterien kennt die Medizin schon seit rund 20 Jahren.
Bakterien die gegen Antibiotika resistent werden, sind keine wirkliche Neuigkeit. Schon seit rund 20 Jahren ist zu beobachten, dass immer mehr Keime gegen Antibiotika resistent werden. Kliniken haben seit dem mit sog. Methicillinresistente Staphylococcus aureus (MRSA) zu kämpfen. Denn resistente Bakterien sind sehr leicht zu züchten. Nehmen Patienten beispielsweise die erforderliche Menge der verschriebenen Antibiotika Arzneien nicht bis zum Ende ein, so kann sich daraus eine Resistenz bilden. Auch der inflationäre Gebrauch der Medikamente befördert eine Antibiotika-Resistenz.

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Multi-resistenter "Superkeim" NDM-1 auch in Deutschland nachgewiesen.
Nun wurden auch in Deutschland der multi-resistente "Superkeim" NDM-1 (Neu-Delhi-Metallo-Beta-Lactamase) erstmals nachgewiesen. Nach offiziellen Angaben des Robert-Koch-Instituts sollen sich bereits vier Menschen mit dem NDM-1 Keim angesteckt haben. Auch eine Behandlung mit dem Reserveantibiotika der Carbapeneme erzielt keine Wirkung. Es handelt sich dabei um ein Enzym, mit dem die Bakterien einen Angriff von Carbapenemen überstehen können. Demnach ist es also keine neue Mikrobe, sondern ein Gen, welches Wissenschaftler derzeit vor allem in zwei Keimen – "Escherichia coli" und "Klebsiella pneumoniae" nachgewiesen haben. Diese beiden Mikroben siedeln sich im menschlichen Darm, bzw. in der Darmflora an. Dabei können diese Erreger unter gewissen Umständen Krankheiten auslösen. Der Keim "Escherichia coli" verursacht vor allem (Zystitis) und "Klebsiella pneumoniae" kann zu einer Lungenentzündung führen. Dieses Enzym ist bereits in vielen Enterobakterien in Indien und Pakistan nachgewiesen worden. Es wird in Plasmiden leicht zwischen den Bakterien übertragen.

Das besondere an dem Keim ist, dass sie mit anderen Bakterienstämme Teile des Erbguts tauschen und somit eine Resistenz gegenüber eines Antibiotikums relativ leicht zu anderen Bakterien wandern kann. Dabei besteht die Gefahr, dass immer mehr Bakterien resistent gegenüber Medikamenten werden. Das Problem sollte deshalb nicht auf die leichte Schulter genommen werden, wie einige Wissenschaftler und Mediziner mahnen.

Woher kommt der NDM-1 Keim und wie ist dieser entstanden?
Doch woher kommt der NDM-1 Erreger? Erstmals hatten schwedische Mediziner den Erreger bei einem Patienten in Schweden entdeckt. Der Betroffene war gerade von einer Reise aus Indien zurück gekehrt. Mittlerweile hat sich heraus gestellt, dass NDM-1 vor allem in Indien und Pakistan verbreitet ist. In Indien wurde NDM-1 in vielen Enterobakterien nachgewiesen. Dadurch, dass immer mehr Menschen diese Länder bereisen, ist davon auszugehen, dass eine Ausbreitung auch in Deutschland zukünftig rasant ansteigen wird.

In Pakistan und Indien existiert noch eine weitere Besonderheit. Die resistenten Bakterien werden nicht nur innerhalb von Kliniken verbreitet, sondern häufig auch außerhalb von Krankenhäusern von Mensch-zu-Mensch. Das ist ein wichtiger Anhaltspunkt dafür, dass die Bakterien sich immer häufiger und rasanter verbreiten. Eine Überwachung oder Eindämmung ist somit kaum mehr möglich.

Doch wie konnte es soweit kommen? In Deutschland werden Antibiotika zu oft zu schnell verschrieben, bevor der Körper seine Selbstheilungskräfte aktivieren kann. Experten der Naturheilkunde, aber auch Wissenschaftler kritisieren schon lange den geradezu inflationären Einsatz von Antibiotika. Laut einer Studie aus dem Jahr 2008 werden in Deutschland zu viele Antibiotika verschrieben und zu oft Reserveantibiotika eingesetzt. Doch die Situation in Indien und anderen Ländern ist noch viel dramatischer: In Indien benötigen Patienten noch nicht einmal ein Rezept vom Arzt, um Antibiotika erwerben zu können. Die Menschen in Indien nehmen dadurch die Arzneimittel zu oft und zu früh ein. Zudem wird das Medikament häufig nicht nach Anweisung genommen und damit zu früh abgesetzt. Hier durch können sich die Bakterien weiter entwickeln und unter Umständen eine Resistenz entwickeln.

Ausbreitung des Erregers in der ganzen Welt.
In der letzten Woche berichteten wir bereits über einige Erkrankungs-Fälle, die in Großbritannien aufgetreten sind. Die meisten Patienten waren zuvor in Asien, viele Erkrankte hielten sich auch in den Ländern in Krankenhäusern auf. Von weiteren NDM-1 Fällen wird neben Europa auch aus den Ländern wie Kanada, den USA und Australien berichtet. So starb bereits im Juli diesen Jahres ein Patient in Belgien infolge einer resistenten Keim Infektion. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) sind in Deutschland bislang vier Fälle offiziell bekannt geworden.

Oftmals falsche Anwendung von Antibiotika verursacht Resistenzen der Keime.
Die Vermehrung und Ausbreitung der resistenten Bakterien zeigt auf, wie sorglos viele Menschen mit Medikamenten umgehen. Viele glauben, man müsse nur genügend Arzneimittel schlucken und alles wäre wieder gut. Alternative Behandlungsmethoden werden nach wie vor von vielen Mediziner und Patienten abgelehnt, obwohl die Natur zahlreiche Behandlungsmöglichkeiten bietet. Lieber setzen viele auf Antibiotika und geben dem Körper keine Chance auf eine selbst heilende Wirkung des Immunsystems. Bei vielen Erkrankungen sind Antibiotika unverzichtbar. Bei genauso vielen Erkrankungen ist der Einsatz von Antibiotika völlig überzogen. Je mehr Antibiotika geschluckt werden, je mehr wird auch eine Resistenz gefördert.

Kein neues Antibiotikum in Sicht.
Ein neues Antibiotika Medikament gegen den NDM-1 Keim ist nicht in Sicht. Denn in den letzten 10 Jahren hat sich auf diesem Gebiet kaum etwas getan. Der Hauptgrund dafür ist, dass die Pharmakonzerne kaum in die Forschung neuer Antibiotika investiert haben, weil sich schlicht und ergreifend damit nicht genügend Geld verdienen lässt. Während Patienten Arzneien gegen Alzheimer, Bluthochdruck, Diabetes oder anderen Krankheiten dauerhaft einnehmen, werden Antibiotika nur für eine Zeit lang eingenommen. Daraus ergibt sich für die Arzneimittelhersteller ein geringerer Gewinn. Das sagt auch Wolfgang Wohlleben von der Universität Tübingen: "Alle großen Pharmaunternehmen haben sich aus der Forschung zurückgezogen."

Nach Meinung des Experten Wohlleben werden Forschungen daher nur in wissenschaftlichen Arbeitsgruppen und kleinen Pharmaunternehmen durchgeführt. Einige davon hätten zwar schon neue Antibiotika-Wirkstoffe entwickelt, allerdings dauert es meistens noch bis zu zehn Jahre, bis der Wirkstoff auf dem Arzneimittelmarkt erscheint. Ob und wie lange es tatsächlich dauert, darauf wollte sich Wohlleben nicht fest legen. Andere Forscher gehen davon aus, dass es noch mindestens 10 bis 20 Jahre dauert, bis ein wirksames Medikament gegen den NDM-1 Erreger auf den Markt kommt. (sb)