Diabetes-Prävention durch höhere Steuern?

Fabian Peters

Bessere Diabetes-Vorbeugung und Therapie gefordert

28.03.2012

Die massive Zunahme bei den Diabetes-Erkrankungen ist nicht nur für die Betroffenen ein Problem, sondern wird in den kommenden Jahrzehnten zu erheblichen finanziellen Engpässen im Gesundheitswesen führen. Experten warnen vor einer Pleite des Gesundheitssystems, sollte sich der Anstieg der Diabetes-Erkrankungen fortsetzen.

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Ärzte und Politiker forderten daher vergangene Woche bei einer Podiumsdiskussion anlässlich des Auftakts der Kampagne „Patient Journey“ in Berlin eine Art nationalen Aktionsplans, mit Werbeverboten, höheren Steuern und einer klareren Kennzeichnung der Lebensmittel sowie verstärkten Aufklärungskampagnen über die Risiken und Vorbeugemöglichkeiten bei Diabetes.

Bewegungsmangel und ungesunde Ernährung als Diabetes-Risikofaktoren
Bewegungsmangel und ungesunde Ernährung gelten als Hauptrisikofaktoren für Diabetes und werden dafür verantwortlich gemacht, dass täglich hunderte Menschen in Deutschland neu an Diabetes erkranken. Insgesamt 700 Neuerkrankungen seien hierzulande pro Tag festzustellen, was bis zum Jahr 2030 eine knappe Verdopplung der Diabetes-Patienten von jetzt rund 7,5 Millionen auf über 14 Millionen bedeuten würde, so die Aussage der Experten beim Auftakt der Kampagne „Patient Journey“ in Berlin. Die Berliner Charité und das Pharmaunternehmen Lilly haben die Kampagne initiierte, um einerseits die Behandlung der Diabetes-Patienten zu verbessern und anderseits die Vorbeugemöglichkeiten zu thematisieren. Bei mehreren Veranstaltungen werden Diabetes-Experten und Politiker im Rahmen der Kampagne über die Prävention und die therapeutischen Ansätze diskutieren. In Bezug auf die Diabetes-Therapie stelle sich dabei vor allem die Frage, mit welcher Behandlung schwerwiegendere gesundheitliche Folgen der Diabetes, wie zum Beispiel ein Herzinfarkt, Schlaganfall, Erblindung, Fußamputationen oder Nierenversagen vermieden werden können, erläuterten die Teilnehmer der Podiumsdiskussion vergangene Woche. Als weiteres Problem, dem sich die „Patient Journey“ Kampagne widmen wird, benannten die Experten die Ausbildung der künftig erforderlichen Anzahl an Diabetologen.

Vorbeugemöglichkeiten gegen Diabetes
Bei den möglichen Vorbeugemaßnahme gegen Diabetes vertraten die Teilnehmer der Podiumsdiskussion durchaus verschiedene Ansätze, die von einem Werbeverbote über die sogenannte Ampel-Kennzeichung oder die Verbannung von Limonaden aus den Schulen bis hin zu höheren Steuern und einem Nationalen Aktionsplan reichten. Wie Die „Ärzte Zeitung“ berichtet hat der gesundheitspolitische Sprecher der CDU-Bundestagsfraktion, Jens Spahn, sich im Rahmen der Diskussion dafür ausgesprochen, Bewegungsmangel und ungesunde Ernährung sowie das hiermit einhergehende Problem des Übergewichts generell verstärkt zu thematisieren und auf diesem Wege auch die Diabetes-Prävention zu verbessern. Als positives Beispiel nannte Spahn Finnland, wo Politik und Industrie gemeinsam daran gearbeitet hätten, den Salzgehalt in Lebensmitteln zu reduzieren, um das allgemeine Risiko von Bluthochdruck und Schlaganfällen zu senken. Dies sei in Finnland binnen zehn Jahren gelungen. So forderte Spahn die „Mitspieler in Bund und Ländern“ sowie die Industrie und die Betriebe dazu auf, gemeinsam mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) ein nationales Konzept für Bewegung und gesunde Ernährung zu entwickeln.

Ampel-Kennzeichnung der Lebensmittel gefordert
Die Sprecherin für Verbraucherpolitik bei der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, Nicole Maisch, kritisierte, dass von den beschriebenen Ansätzen in der aktuellen Ernährungspolitik der Bundesregierung nichts wiederzufinden sei. Maisch machte sich erneut für die sogenannte Ampel-Kennzeichnung der Lebensmittel stark, anhand derer Verbraucher relativ einfach den Zucker-, Fett-, Salz- und Kaloriengehalt der Lebensmittel ablesen könnten. Diese Lösung sei von CDU, FDP und der Industrie jedoch verhindert worden. Die verbraucherpolitische Sprecherin der Grünen kritisierte außerdem massiv die derzeitige Kennzeichnung der Lebensmittel. „Mit der heute verbindlichen GDA-Kennzeichnung könnte ich die Informationen auch auf finnisch draufschreiben, die kapiert niemand“, so die Aussage von Maisch. Dabei bestünden eigentlich „viele Ansätze, die nichts kosten, wir sind aber zu wenig ambitioniert“, betonte Nicole Maisch.

Diabetes-Experten enttäuscht von der Politik
Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt auch der Diabetologe Professor Thomas Danne aus Hannover vom Vorstand der Deutschen Diabetes-Hilfe „diabetesDE“. Der Experte betonte, dass er „gnadenlos enttäuscht von der Politik“ sei und bei der aktuellen Diskussion das Thema des sozialen Gefälles viel zu kurz komme. Denn „Besserverdienende“ wüssten in der Regel, „wie man Adipositas und Diabetes vorbeugt, die anderen kriegen es aber nicht hin“, erklärte Prof. Danne. Der Diabetologe machte sich daher für eine Besteuerung besonders zuckerhaltiger Lebensmittel stark, um auf diesem Wege deren Verzehr zu reduzieren und die Menschen vor den Folgen der ungesunden Ernährung zu bewahren. Des weiteren sei eine Einschränkung der Werbung insbesondere bei sogenannten Kinderlebensmitteln dringend erforderlich.

Problem mit ungesunden Kinderlebensmittel
Das Problem mit den speziellen Kinderlebensmitteln hatte die Verbraucherorganisation Foodwatch erst Anfang des Monats erneut thematisiert und darauf verwiesen, dass „das Angebot an Kinderlebensmitteln ernährungsphysiologisch genau dem Gegenteil dessen“ entspreche, „was Ernährungsexperten für eine ausgewogene Ernährung von Kindern empfehlen.“ Bei dem von Foodwatch durchgeführten Marktcheck waren sämtliche extra für Kinder hergestellten Produkte zu fettig, zu süß oder enthielten zu viele künstliche Aromen, so der Vorwurf der Verbrauchschützer. Zudem würden die Kindern mit aufwendigen Werbekampagnen gelockt, um sie so „so früh wie möglich auf ungesundes Junkfood (zu) programmieren“, denn hiermit lasse sich im Vergleich zu Obst oder Gemüse deutlich mehr Geld verdienen, betonte Anne Markwardt von der Verbraucherorganisation Foodwatch.

Qualitätsstandards bei Schulessen und Ausbau des Schulsports gefordert
Um den Bewegungsmangel der Heranwachsenden zu beheben, forderte Prof. Danne täglich eine Stunde Schulsport. So könnte von Seiten der Schule her gewährleistet werden, dass sich die Kinder in jedem Fall ausreichend bewegen. Auch auf die Ernährung lässt sich nach Einschätzung des Experten innerhalb der Schule Einfluss nehmen. Hier müssten bestimmte Qualitätsstandards bei der Schulverpflegung eingehalten werden und an den Schulkiosken beziehungsweise in den Mensen sollte ein Verkaufsverbot zuckerhaltiger Limonaden gelten, betonte der Experte. Der Diabetologe sieht jedoch nicht nur in den Schulen Möglichkeiten zur verbesserten Diabetes-Prävention, sondern auch in den Betrieben. Allerdings bedarf es hierfür laut Aussage des Präsidenten vom Verband deutscher Betriebs- und Werksärzte e.V., Dr. Wolfgang Panter, eines eindeutigen Ziels.

Diabetes-Prävention in den Betrieben
Prinzipiell könnte sich Dr. Wolfgang Panter nach eigenen Angaben zum Beispiel Aktionen zur Prävention von Übergewicht bei den Auszubildenden oder der Gesamtbelegschaft vorstellen, doch wenn die Betriebsärzte hier etwas organisieren, so werde häufig die Kostenerstattung durch die Krankenversicherungen zu einem Problem, da die Beteiligten bei verschiedenen Krankenkassen versichert sind. Hier bedarf es nach Ansicht des Experten einer übergreifenden Kampagne vergleichbar mit der beim Nichtraucherschutz, um nachhaltige Erfolge zu erzielen. Wie die ungesunde Ernährung heute, sei Rauchen auch über viele Jahre völlig akzeptiert gewesen und sogar auf den Schulhöfen gab es eine Raucherecke. „Vor 20 Jahren habe ich mir beim Nichtraucherschutz in Betrieben noch eine blutige Nase geholt. Mit den heutigen Regelungen haben wir schon zehn Prozent weniger Raucher im Betrieb“, betonte Dr. Panter. (fp)