Diabetes: Pudel „Rocket“ wittert Unterzuckerung

Heilpraxisnet

Diabetes-Spürhund kann Unterzuckerung riechen

07.04.2015

„Rocket“ ist ein Lebensretter auf vier Pfoten. Der Pudel ist ein Diabetiker-Spürhund, der Unterzuckerung wittern kann. Er reagiert, wenn der Insulinspiegel seiner Besitzerin zu niedrig ist. Der Hund trägt stets ein Notfallgeschirr, das Traubenzucker, Zucker-Messgerät, Spritze und Taschenlampe zur Ersten Hilfe enthält.

Hunde können Leben retten
Haustiere leisten schon seit langem hervorragende Dienste als Seelentröster und Therapeuten. Hunde beispielsweise werden in manchen Fällen zu Therapiezwecken bei verschiedenen Erkrankungen wie Depression oder Demenz eingesetzt. Der Umgang mit den Tieren mindert Stress und Angst. Zudem sind die Vierbeiner ideale Bewegungstrainer, wie Gesundheitsexperten meinen. Da Hundebesitzer automatisch an ein Mindestmaß an Bewegung angehalten sind, sinkt dadurch statistisch bei ihnen das Risiko für Bluthochdruck sowie Folgeerkrankungen. Auch als Blinden- oder Rettungshund können sie dem Menschen eine große Unterstützung sein und sogar Leben retten. Manche Tiere sind in der Lage, durch ihren außergewöhnlichen Geruchssinn Krankheiten wie Lungen- und Darmkrebs oder Diabetes zu „erschnüffeln“. Da die Vierbeiner zudem eine ausgeprägte Beobachtungsfähigkeit haben, können sie ihre Besitzer nach einer speziellen Ausbildung etwa bei einer drohenden Unterzuckerung warnen. Hier berichtet die Nachrichtenagentur dpa von einem interessanten Fall aus der Praxis.

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Pudel kann in Atem und Schweiß chemische Prozesse erkennen
Das Hunde für ihre Besitzer zum Lebensretter werden können, zeigt sich am Beispiel des Pudels „Rocket“, einem ausgebildeten Diabetiker-Warnhund, der Gefahren für seine an Diabetes erkrankte Besitzerin riechen kann. Als Annegret Pross aus Margetshöchheim bei Würzburg mit ihrem Vierbeiner spazieren geht, stoppt dieser plötzlich, hindert sie am Weitergehen und schaut sie an – für Annegret Pross ein Signal, dass ihr Blutzuckerspiegel möglicherweise zu niedrig sein könnte, so der Bericht der dpa. Um sicher zu gehen, lässt sie Rocket an ihrem Unterarm riechen, denn der Pudel ist durch seinen ausgebildeten Geruchssinn in der Lage, in Atem und Schweiß chemische Prozesse zu „erschnüffeln“, die während einer Unterzuckerung (Hypoglykämie) im Körper des Diabetikers stattfinden. In diesem Fall schlägt der Pudel deutlich an und drückt den Arm seines Frauchens fest nach unten. Für Annegret Pross bedeutet diese Reaktion „Gefahr“ und signalisiert, dass sie nun schnellstmöglich Gegenmaßnahmen ergreifen muss. Geschieht dies nicht, kann der niedrige Insulinspiegel zu ernsthaften gesundheitlichen Problemen wie einer Ohnmacht oder sogar einem lebensgefährlichen Koma führen. „Rocket schlägt bei einem Unterzucker-Wert von 70 Milligramm pro Deziliter an. Dann wird er nervös. Bis 60 kann ich mir noch selbst helfen", erklärt die gelernte Krankenschwester gegenüber der Nachrichtenagentur.

Diabetes Typ 1-Patientern auf lebenslange Insulinspritzen angewiesen
Annegret Pross leidet seit 1989 leidet an Diabetes Typ 1, wodurch ihre Bauchspeicheldrüse kein Insulin produziert. Dieses Hormon ist jedoch notwendig, damit der mit der Nahrung aufgenommenen Zucker aus dem Blut in die Zellen gelangt und verarbeitet werden kann. Besteht ein Mangel an Insulin, sammelt sich stattdessen der Zucker im Blut an, wodurch in der Folge der Blutzuckerspiegel steigt. Dementsprechend müssen Diabetes Typ 1-Patienten wie Annegret Pross regelmäßig Insulin spritzen, um den Mangel dieses Hormons auszugleichen und gesundheitlichen Risiken wie Demenz, einem Schlaganfall oder Herzinfarkt vorzubeugen.

Unterzuckerung oft nicht rechtzeitig bemerkt
Diabetes Typ 1 gilt daher als gefährliche Krankheit, die in jedem Fall eine genaue Beobachtung und intensive Behandlung erfordert. Bevor „Rocket“ zum Diabetiker-Warnhund ausgebildet wurde, musste ihr Mann dementsprechend häufiger den Notarzt alarmieren oder sie in die Notfallpraxis fahren, berichtet Annegret Pross weiter, die heute durch ihre Erkrankung als schwerbehindert eingestuft und erwerbsunfähig ist. Insgesamt fünf Mal hätte sie erlebt, dass ihr das Absinken des Blutzuckerspiegels nicht rechtzeitig bewusst wurde: „Mein Mann merkt das erst, wenn ich krampfe wie ein Epileptiker, weil das Gehirn nicht mehr genügend Zucker hat“, erzählt Pross weiter.

Ruhiges, ausgeglichenes Wesen und guter Geruchssinn wichtig
2010 fand Frau Pross schließlich Hilfe bei der Tierpsychologin Maja Wonisch aus dem baden-württembergischen Scheer, die sich als eine der ersten deutschlandweit auf die Ausbildung von Diabetiker-Warnhunden spezialisiert hatte. Bislang habe die Expertin 90 Hunde trainiert, wobei die Zuverlässigkeit der Tiere bei 97 Prozent läge. „In den USA werden schon seit Jahren solche Hunde ausgebildet. Hier setzt sich der Diabetiker-Warnhund langsam durch“, erklärt Wonisch. Dabei seien fast alle Hunde für die spezielle Ausbildung geeignet, wichtig sei allerdings, dass keine Erbkrankheiten vorliegen und die Tiere „ein ruhiges, ausgeglichenes Wesen besitzen“. Zudem seien ein guter Geruchssinn und eine starke Bindung an den bzw. die Besitzer/in eine wichtige Voraussetzung – Eigenschaften die der Pudel der Familie alle erfüllte.

Kosten von bis zu 15.000 Euro
Die Ausbildung des Hundes dauerte schließlich etwa sechs Monate, in denen dieser darauf trainiert wurde, am individuellen Geruch seines Frauchens zu erkennen, wenn der Blutzuckerspiegel unter 70 Milligramm pro Deziliter fällt. Rund 4000 Euro habe es gekostet, Rocket auszubilden. „Wenn sie einen fertig ausgebildeten Hund haben wollen, ohne mitzuarbeiten, kann das leicht bis zu 15.000 Euro kosten", sagt Ausbilderin Wonisch. Unverständlich für Annegret Pross ist der Umstand, dass es bislang nur in sehr wenigen Fällen Zuschüsse von der Krankenkasse gäbe: „Die Notarztkosten sind doch wesentlich teurer als die Ausbildung für den Hund.“ Ausbilderin Wonisch empfiehlt hier Betroffenen, trotzdem einen Antrag bei der Krankenkasse zu stellen und „sich dazu vom Arzt einen Behinderten-Begleithund als Hilfsmittel verschreiben zu lassen“. Reiche auch dies nicht aus, könnten die Kosten aber in jedem Fall von der Steuer abgesetzt werden, zudem würden viele Gemeinden die Hundesteuer erlassen, so die Information der Expertin.

Bislang keine zentralen Standard bei der Ausbildung
Der Düsseldorfer Diabetologie-Chefarzt Stephan Martin betrachtet die Ausbildung der Hunde hingegen aufgrund fehlender Standards eher skeptisch: „Es gibt da derzeit einen ziemlichen Hype, aber keinen zentralen Standard bei der Ausbildung der Hunde“, so der Mediziner gegenüber der dpa. Demnach könne die scharfe Beobachtungsfähigkeit der Tiere zwar eine gute Ergänzung sein, besser noch seien jedoch „[…] Hypoglykämie-Wahrnehmungstrainings, die überall in Deutschland angeboten werden und evaluiert sind“, so Martin. (nr, ad)

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>Bild: Ruby-Stein / pixelio.de