Diabetes: Risiken der Unterzuckerung meistens unterschätzt

Fabian Peters
Akute Unterzuckerung birgt oftmals unterschätzte Gefahren
Bei Diabetes drohen gesundheitsgefährdende Entgleisungen des Blutzuckerspiegels, nicht nur in Form erhöhter Blutzuckerwerte, sondern auch in Form einer Unterzuckerung (Hypoglykämie), so der Hinweis der Experten auf einer Pressekonferenz zum Thema „Unterzucker – Unterschätzte Gefahr mit hohem Risiko für Beruf und Straßenverkehr“ in Wien. Zwar sei die Problematik hoher Blutzuckerwerte bei Diabetikern weithin bekannt, doch bilde die weit häufiger auftretende und ebenfalls gefährliche Komplikation bei Diabetes mellitus die Hypoglykämie.

Die Unterzuckerung ist die häufigste akute Komplikation bei Diabetes. Durch das Absinken des Blutzuckerspiegels unter einen bestimmten Wert werde dabei das Gehirn nicht mehr ausreichend mit dem Energielieferanten Zucker versorgt, so der Hinweis in der Mitteilung zu der Pressekonferenz vom Donnerstag. Experten wie Martin Schaffenrath vom Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger (HVB), Professor Dr. Bernhard Schwarz vom Zentrum für Public Health der Medizinischen Universität Wien, Professor Dr. Hermann Toplak und Professor Dr. Thomas C. Wascher von der Österreichischen Diabetesgesellschaft (ÖDG) sowie Dr. Walter Wintersberger von der Spectra Marktforschung haben auf der Konferenz über die Hypoglykämie und ihre Folgen informiert.

Die Risiken der Unterzuckerung bei Diabetes werden häufig unterschätzt. (Bild: fovito/fotolia.com)
Die Risiken der Unterzuckerung bei Diabetes werden häufig unterschätzt. (Bild: fovito/fotolia.com)

Einschränkungen der Wahrnehmungsfähigkeit bis hin zur Ohnmacht
Die Fachleute berichteten, dass eine Unterzuckerung nicht nur enorme Beeinträchtigungen des Wohlbefindens mit sich bringe, sondern darüber hinaus häufig mit unterschätzten Gefahren verbunden sei. Kann das Gehirn nicht mehr ausreichend mit dem Energielieferanten Zucker versorgt werden, gehen hiermit Einschränkungen der Handlungsfähigkeit einher.

„Vor allem Schwindel und eingeschränkte Wahrnehmungsfähigkeit bis hin zur Ohnmacht haben in Abhängigkeit von der jeweiligen Situation ein erhebliches Potential für eine Selbst- und Fremdgefährdung“, erläutert Prof. Dr. Bernhard Schwarz.

Durch umfangreiche Aufklärung müsse „Awareness“ unter den Betroffenen geschaffen werden, um Anzeichen einer Unterzuckerung rechtzeitig zu erkennen und mögliche Risikosituationen für sich und das Umfeld zu vermeiden. Die aktuelle Pressekonferenz soll den Startschuss für eine großflächige Informationskampagne zum Thema Unterzucker bilden.

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Entstehung der Hypoglykämie
Der stellvertretende Vorsitzende der ÖDG, Professor Toplak, beschreibt die Hypoglykämie als „Zustand, in dem es zur Entwicklung von Symptomen kommt, die durch einen niedrigen Blutzucker entstehen.“ Die Unterzuckerung setzte immer dann ein, „wenn im Körper entweder zu viel Insulin, zu wenig Nährstoffe oder eine Kombination aus beiden besteht.“ Als typische Beschwerden seien „Konzentrationsschwierigkeiten, Verwirrtheit, Sprechstörungen, Schläfrigkeit, Benommenheit oder Sehstörungen“ festzustellen. Zudem könne die Unterzuckerung Kopfschmerzen oder Schwindel verursachen. Insbesondere Diabetiker, die blutzuckersenkende Medikamente zu sich nehmen – allen voran Typ-1-Diabetiker, die mit Insulin behandelt werden – seien von Hypoglykämien vermehrt betroffen.

Des Weiteren hätten Patienten mit Typ-2 Diabetes, die einer medikamentösen Behandlung mit Insulin oder mit Sulfonylharnstoffen unterliegen, ein deutlich erhöhtes Hypoglykämie-Risiko.

Individuell angepasste Medikamentenauswahl erforderlich
ÖDG-Präsident Professor Wascher erläutert, dass infolge der Behandlung mit Sulfylharnstoffen häufig therapieinduzierte, schwere Hypoglykämien auftreten, weil der Insulinspiegel im Körper durch die Arzneien steige. Hier müsse eine, der jeweiligen Patientensituation entsprechende, Therapiewahl unter der Berücksichtigung bestimmter Einflussfaktoren und möglicher Nebenwirkungen erfolgen.

Beispielsweise bedürfe es bei der Wahl antidiabetischer Medikamente für Menschen mit eingeschränkter Nierenfunktion erhöhter Aufmerksamkeit, da die Rate an schweren Hypoglykämien bei fortgeschrittener Niereninsuffizienz steige. Hier könnten moderne Substanzen helfen, das Risiko möglichst auszuschließen, so Wascher.

Als weitere Faktoren seien generell das Alter, der Beruf und vor allem die Bereitschaft der Patienten im Umgang mit der Medikation entscheidend für die Medikamentenwahl.

Gefahren auf der Arbeit und im Straßenverkehr
Den Angaben des Experten der Spectra Marktforschung zufolge ist auf Basis einer Ärzte- und Patientenbefragungen in den Jahren 2010 und 2015 davon auszugehen, das jährlich in Österreich rund 40.000 Personen von einer Hypoglykämie betroffen sind (bei circa 430.000 diagnostizierten Erkrankungen laut österreichischem Diabetesbericht 2013).

Darüber hinaus habe die Befragung gezeigt, „dass sich sechs von zehn Diabetikern daran erinnern, im Verlauf Ihrer Erkrankung schon eine oder mehrere Hypoglykämien erlebt zu haben – meist bei körperlicher Anstrengung, während der Arbeit und auch – was besonders gefährlich sein kann – während des Autofahrens“, so Dr. Wintersberger von der Spectra Marktforschung. Im Job und im Straßenverkehr sei es für den Selbstschutz und den Schutz des Umfeldes demnach essentiell, die Warnzeichen der Hypoglykämie im Ernstfall zu erkennen und richtig zu reagieren.

Allerdings gebe es auch Betroffene, bei denen sich Bewusstseinsveränderungen oder Verhaltensstörungen plötzlich und ohne typische Warnzeichen einstellen, weshalb sie keine Gegenmaßnahmen ergreifen können. Professor Schwarz rät Betroffenen daher, „unbedingt ihr jeweiliges Umfeld über die spezifischen Risiken aufzuklären.“ Beispielsweise müssten Vorgesetzte darüber unterrichtet werden, um das Risiko von Selbst- und Fremdgefährdung möglichst gering zu halten. (fp)