Die Homöopathie-Lüge?

Heilpraxisnet

Der Arzt und Homöopath Curt Kösters zu "Die Homöopathie-Lüge: So gefährlich ist die Lehre von den weißen Kügelchen"

29.09.2012

„Die Homöopathie-Lüge: So gefährlich ist die Lehre von den weißen Kügelchen“, unter diesem Titel erscheint im Oktober das neue Buch der Autoren Nicole Heißmann vom "Stern" und Christian Weymayr von der GWUP. Zwar werden Rezensionsexemplare der Publikation vom Piper-Verlag noch nicht herausgegeben, der Titel und die Ankündigung des Buches lassen jedoch keinen Zweifel an der Stoßrichtung der Autoren. Argumentationsgrundlage des Buches ist die hartnäckig kolportierte Behauptung, die Homöopathie sei „ohne jeden wissenschaftlichen Beweis“. Damit ignorieren die Autoren zum einen eine ganz Reihe vorliegender positiver Studien zur Homöopathie, die dem sogenannten Goldstandard entsprechen – also doppelblind und placebokontrolliert durchgeführt wurden. Zum anderen halten Weymayr und Heißmann Studien aus der Versorgungsforschung – per Definition die Erforschung von Heilmethoden unter alltäglichen Praxisbedingungen – offenbar für wissenschaftlich nicht relevant. Gerade bei chronischen Krankheiten bestätigt die Versorgungsforschung die Wirksamkeit der Homöopathie. Die Tatsachenbehauptung, die Homöopathie sei ohne jeden wissenschaftlichen Beweis, ist also schlicht falsch und verleiht dem Buchtitel „Die Homöopathie- Lüge“ eine ganz eigene Bedeutung.

Kampf der Ideologien? – Eine Scheindebatte
Weymayr und Heißmann überhöhen die Homöopathie-Debatte zu einem Krieg der Weltanschauungen: „Vor allem aber untergraben die weißen Kügelchen ein Denken, das auf rationalen Kriterien beruht – wer Homöopathie für möglich hält, muss alles für möglich halten“. Die fehlende naturwissenschaftliche Plausibilität des Wirkmechanismus homöopathischer Hochpotenzen wird hier zum Todschlagargument: „Ein Wirkstoff, der bis zur Nichtexistenz verdünnt ist, kann nicht wirken“. Daten aus der klinischen Forschung und der Grundlagenforschung, die eben dies belegen, passen dann nicht ins Bild.

Die selektive Wahrnehmung der Studiendaten, ihre erkenntnis- und wissenschaftstheoretisch amüsante Palmström-Logik, die gesamte Argumentationslinie der Autoren und auch die heroische Selbststilisierung „Die Wissenschaftsjournalisten Christian Weymayr und Nicole Heißmann stellen sich in diesem mutigen Buch gegen eine sehr mächtig gewordene Lobby“, all das entstammt dem Arsenal der sogenannten „Skeptikerbewegung“. Diese selbst ernannten „Skeptiker“ halten bereits die pure Existenz der Homöopathie für eine elementare Bedrohung des naturwissenschaftlichen Weltbildes. Erstaunlicherweise sperren sich genau diese „Skeptiker“ gleichzeitig vehement gegen die weitere Erforschung der Homöopathie – und haben dabei prominente Unterstützung.

Professor Jürgen Windeler, der Leiter des ausgesprochen einflussreichen Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG): „Dazu muss man auch gar nicht mehr weiterforschen, die Sache ist erledigt“ (Spiegel Online 12. Juli 2010). Soviel zu der immer mächtiger gewordenen Lobby der Homöopathie. Professor Jürgen Windeler ist Mitglied der GWUP (Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften), des OPUS DEI der Wissenschaftsgläubigkeit – ebenso der Coautor der „Homöopathie-Lüge“ Christian Weymayr. Die GWUP ist die Organisation der „Skeptiker“ und sieht sich selbst als letzte Bastion der bedrohten naturwissenschaftlichen Weltanschauung. Das Missverständnis dabei: Naturwissenschaften sind weder eine Religion noch ein Religionsersatz, sie benötigen keine Dogmen und keine Heilige Inquisition; Häresien erledigen sich von selbst oder werden irgendwann zum Teil der herrschenden Lehre; und im übrigen sind die Naturwissenschaften auch keineswegs bedroht in ihrer gesellschaftlichen Akzeptanz und Relevanz.

Der Stern als Handlanger einer GWUP-Kampagne
Demnächst erscheint im Stern ein Artikel zur Promotion der „Homöopathie-Lüge“. Die Stossrichtung dürfte sich dabei kaum unterscheiden. Es ist zu bedauern, dass sich im Rahmen dieser Kampagne große Printmedien wie der Stern zum Handlanger eines weltanschaulichen Anliegens machen. Am meisten aber ist dies für die Autoren zu bedauern: Das Angebot für eine differenzierte und gerne auch kritische Auseinandersetzung mit dem Phänomen Homöopathie wurde gemacht, von den Autoren aber leider nicht aufgegriffen. Eine Darstellung, die die Homöopathie und Homöopathieforschung differenziert thematisiert und das journalistische Gebot von Rede und Gegenrede berücksichtigt, hätte für alle Seiten interessant werden können. Von der Methode Holzhammer verspricht man sich aber wohl eine höhere Auflage.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass wieder eine Chance vergeben wurde, sich mit dem Phänomen Homöopathie objektiv auseinanderzusetzen und so ein Stück vorwärts zu kommen auf dem Weg der Erkenntnis, stattdessen reiht sich das Buch nahtlos in die einseitige Berichterstattung zu dem Thema ein. Wir, als wissenschaftlich denkende homöopathische Ärzte, bedauern das zutiefst.

Über den Autor des Artikels:
Curt Kösters ist Allgemeinmediziner, Homöopath und Mitbegründer der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Homöopathie (WissHom).

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