Die Naturheilkunde der Neanderthaler

Dr. Utz Anhalt
Schon Neanderthaler kannten die Heilwirkung der Naturheilkunde
Der Oberkieferknochen eines Neanderthalers aus El Sidrón in Spanien verrät: Unser Verwandter kaute Pappel, eine Quelle für Aspirin.

Wollnashorn und Schmerzmittel
Neue Analysen belegen nicht nur, dass die Neanderthaler Wollnashörner verspeisten, sondern dass sie sich mit Schmerzmitteln und Antibiotika behandelten. Das belegt ihr Zahnbelag.

Neanderthaler brachen sich häufig die Knochen – vermutlich bei der Großwildjagd. (nicolasprimola/fotolia.com)

Neanderthaler-DNA
Wissenschaftler untersuchten die DNA auf dem Zahnbelag von fünf verschiedenen Neanderthalern aus Spanien, Belgien und Italien.

Ältester analysierter Zahnstein
Dieser zwischen 42.000 und 50.000 Jahren alte Zahnbelag ist der älteste, der jemals genetisch analysiert wurde.

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Allesesser
Er verrät, dass Neanderthaler Allesesser waren. Der Neanderthaler aus der Spy Cave ernährte sich vor allem von Fleisch, worauf bereits in der Höhle gefundene Knochen von Mammuts, Wollnashörnern, Rentieren und Pferden hindeuteten. Er aß aber auch Pilze, wie die Zahnbelagsanalyse bestätigte.

Vegetarier mit Schimmelpilz
Doch die Neanderthaler aus Spanien aßen vor allem Nüsse, Pilze, Moos und Pappel. Der Zahnstein wies zudem auf Schimmelpilze hin.

Zahnabszess und Parasiten
Einer der Neanderthaler von El Sidrón litt an einem Zahnabszess und einem inneren Parasiten, der Durchfall verursachte. Dieser Mensch behandelte sich selbst.

Natürliches Aspirin
Sein Zahnstein zeigte nämlich Rückstände von Pappel, und dieser Baum enthält das Schmerzmittel Salicylsäure, ein natürlicher Baustein des Aspirins. Auch natürliche Antibiotika fanden sich im Zahnbelag, laut dem Untersuchungsleiter Cooper, „40.000 Jahre, bevor wir Penicillin entwickelten.“

Schafgarbe und Kamille
Bereits 2012 fanden Forscher um Karen Hardy von der Universität Barcelona heraus, dass vor 50.000 Jahren gestorbene Neanderthaler Schafgarbe und Kamille gegessen hatten.

Bewusster Einsatz von Heilpflanzen
Da diese Pflanzen nicht sehr nahrhaft sind und außerdem bitter schmecken, vermuteten die Forscher, dass die Neanderthaler sie gezielt zum Heilen von Krankheiten aufnahmen.

Der erste bekannte Armbruch
Krankheiten von Neanderthalern beschäftigen die Forschung seit langem: Das 70.000 Jahre alte Skelett nach dem die Art benannt ist aus dem Neanderthal nahe Mettmann bei Düsseldorf litt an einem Armbruch. Der verheilte zwar, aber der Arm blieb verkürzt und war unnatürlich zum Körper abgewinkelt.

Gefährliche Großwildjagd
Neanderthaler-Skelette zeigen sehr häufig Brüche im Schulterbereich, wie wir sie heute von Rodeoreitern kennen – von Unfällen mit Rinden und Pferden. Forscher schließen daraus, dass die Jagd auf Großtiere wie Pferde, Auerochsen oder Bisons für unsere Verwandten ein hohes Risiko darstellte.

Geheilte Brüche
Allerdings erwiesen sich die Neanderthaler auch als besonders robust. So sind die meisten Knochenbrüche verheilt. Die meisten Forscher schließen daraus auch, dass die Neanderthaler die Brüche behandelten.

Schamanismus:Die Urform der Medizin
Manche Anthropologen vermuten, dass die Neanderthaler schamanische Techniken der Heilung anwandten, der ältesten Form der Medizin und Psychotherapie.

Die Belege für Heilpflanzen im Zahnbelag zeigen darüber hinaus, dass ihr medizinisches Wissen über magisches Denken hinaus ging.

Es handelte sich auch nicht um den Placebo-Effekt.

Starben Neanderthaler an unseren Krankheiten?
Der Neanderthaler stand uns so nahe, dass sich Homo Sapiens mit ihm vermischte, und wir heute Neanderthaler-Gene in uns tragen. Das machte ihn auch anfällig für Krankheiten, die Homo Sapiens mitbrachte, als er aus Afrika nach Europa einwanderte und dort auf den Neanderthaler traf.

Krankheitsreservoir Homo Sapiens
„Menschen, die aus Afrika auswanderten, sind wahrscheinlich ein wichtiges Reservoir für tropische Krankheiten gewesen“, so die Forscherin Charlotte Houldcroft.

Keine Abwehr gegen unsere Seuchen
Sie sagt weiter: „Für die Neandertalerpopulationen in Eurasien könnte die Konfrontation mit den tropischen Krankheiten katastrophal gewesen sein. Denn ihr Immunsystem war mit diesen Krankheiten zuvor noch nie in den Kontakt gekommen, sie waren viel anfälliger.“ (Dr. Utz Anhalt)