Die ZEIT der Homöopathie

Heilpraxisnet

Die ZEIT der Homöopathie: Eine Stellungnahme des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte (DZVhÄ)

13.12.2010

DIE ZEIT vom 9 Dezember 2010 trägt den Titel: „Das Geheimnis der Homöopathie.“ Die Grundaussagen: Die Homöopathie sei ein Placebo, aber ein wirksames. Die konventionelle Medizin sollte von ihr lernen.

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Dieser Artikel ist ein Meilenstein. Nicht oft beschäftigt sich eines der großen deutschen Leitmedien ausführlich und gleichzeitig differenziert mit der Homöopathie – inklusive Pro und Contra-Statements. Diese Tatsache ist zu würdigen – auch wenn einzelne inhaltliche Schwächen offensichtlich sind.

Warum ist diese Ausgabe der ZEIT etwas Besonderes – und nicht selbstverständlich? Angesichts der gesundheitspolitischen Bedeutung der Homöopathie und ihres positiven Images in weiten Kreisen der Bevölkerung – auch und gerade der gebildeteren Schichten – kann man sich diese Frage durchaus stellen; es gehört ja nicht unbedingt zu den üblichen Gepflogenheiten von Medien hartnäckig die Meinung der Mehrheit ihrer Konsumenten als Absurdität anzuprangern.

Die Antwort ist: Ein Journalist kann sich pro oder contra Atomkraft äußern, er kann sich pro oder contra ökologische Landwirtschaft äußern, auch über den Klimawandel kann er diese oder jene Ansicht äußern ohne dabei seinen Ruf als seriöser Journalist zu gefährden. Über die Homöopathie hingegen kann es anscheinend nur eine seriöse Meinung geben: Es handelt sich um einen Placebo-Effekt; zulässig sind allenfalls Nuancen dieser Aussage. Schon der gesunde Menschenverstand sagt einem schließlich, dass ein Mittel, in dem nichts drin ist, keine Wirkung haben kann; oder wie es Stefan Schmitt, der Contra-Anwalt der ZEIT ausdrückt: „Gegen alle Evidenz auf den gemeinsamen Glauben von Arzt und Patient an eine obskure Therapie zu vertrauen ist auch bei guter Absicht schlicht unehrlich.“

"It’s the potency, stupid!” – kann man in Abwandlung eines bekannten Zitates feststellen. Schaut man sich die verfügbaren Daten zur Evidenz der Homöopathie an, kann man mindestens mutmaßen, dass die Methode längst akzeptiert und etabliert wäre, wenn es nicht das kleine Problem mit der Potenzierung gäbe.

Klaus Linde (damals am Zentrum für naturheilkundliche Forschung an der TU München) hat das vor einigen Jahren etwas akademischer ausgedrückt: "Alle relevanten publizierten Übersichtsarbeiten […] zeigen, dass die Mehrheit der vorliegenden Studien positive Ergebnisse erbracht hat (dies gilt auch für die Arbeit von Shang et al.!). Es ist gleichzeitig unstrittig, dass bei den methodisch guten Studien positive Ergebnisse nicht so häufig sind wie bei den weniger guten. Dies bedeutet aber natürlich, dass es auch unter den guten Studien durchaus positive gibt. Die Debatte unter den klinischen Forschern ist also nicht, ob es positive Evidenz aus placebokontrollierten Studien gibt, sondern ob diese für einen Nachweis der Wirksamkeit der Homöopathie angesichts der aus naturwissenschaftlicher Sicht geringen Plausibilität ausreicht."

Wenn die Mittel nicht so verdünnt wären, dass da nichts mehr drin sein kann, nach allem was wir über Chemie wissen, dann würden wir diese Diskussion um die Evidenz der Homöopathie gar nicht führen.

· Es gibt relativ umfangreiche Daten aus der Versorgungsforschung, die zeigen, dass das behandelte Diagnosespektrum dem einer konventionellen Praxis entspricht (deutsche Untersuchungen) oder sogar etwas schwerer ist (schweizer Daten); und dass die Behandlungsergebnisse (aus Sicht der Patienten) gleichwertig oder etwas besser sind.

· Es gibt eine ganz Reihe von Doppelblindstudien, die für einen arzneimittelspezifischen Effekt sprechen.

· Es gibt eine ganze Reihe von experimentellen Daten aus der Grundlagenforschung, die ebenfalls für einen spezifischen Effekt sprechen.

· Aus der homöopathischen Behandlung schwerer Epidemien, wie Cholera, Pocken, Fleckfieber und der Spanischen Grippe gibt es eine ganze Reihe von historischen Daten, die in sich konsistent sind und schwer mit einem Placeboeffekt zu vereinbaren sind. Ebenfalls sind diese Daten konsistent mit modernen Erfahrungen aus Entwicklungsländern.

· Dass das Ähnlichkeitsprinzip ein plausibler Mechanismus ist, lässt sich mit Leichtigkeit darlegen – ist aber wohl eines eigenen Artikels wert.

· Dass das Prinzip der Arzneimittelprüfung auch doppelblind funktioniert ist ebenfalls bestätigt

· Die Einzelfallberichte der homöopathischen Praxis sind in sich und mit einander konsistent. – Und warum das ebenfalls ein Evidenzkriterium ist, hat Gunver Kiene in dem Konzept der Cognition Based Medicine dargelegt.

Jan Schweitzer schrieb den Hauptartikel in dieser Ausgabe der ZEIT. Er räumt ein, dass Homöopathie wirkt, und erklärt diese Wirkung mit Zufall, Erwartungshaltung und dem magischen Nimbus, der die Homöopathie umgibt.

Dies alles sind akzeptable Arbeitshypothesen für die weitere Diskussion. Der einzige wirkliche inhaltliche Fehler unterläuft Jan Schweitzer mit dem Satz:„Mittlerweile widerlegt eine Vielzahl seriöser Studien, dass die kleinen, weißen Kügelchen wirken.“

Das ist in dieser Form schlicht falsch – und nicht nur weil die Mehrzahl der Studien gerade das Gegenteil, nämlich eine Wirkung der „kleinen weißen Kügelchen“ zeigt, sondern auch schon aus dem schlichten Grund, dass Studien aus rein methodischen Gründen, nie die Unwirksamkeit einer Behandlung belegen können. Studien können immer nur die Wirksamkeit belegen, oder sie nicht belegen. Der Nichtbeweis einer Wirksamkeit ist nicht der Beweis einer Unwirksamkeit.

Das ist ein Fehler, allerdings ein verzeihlicher Fehler. Jan Schweitzer reproduziert hier nur eine Aussage, die von einer Vielzahl von selbst ernannten Homöopathie-Experten aus dem Umfeld der so genannten Skeptiker-Bewegung getätigt wird. Ähnliche Aussagen finden sich auf der Website der GWUP, von Science-Blog und auch von dem Homöopathie-Experten Edzard Ernst.

Warum das Problem um die Potenzierung ein Problem ist, aber ein relatives Problem, ist sicher ebenfalls noch eines eigenen Artikels wert. Hier nur so viel: Das Prinzip der Potenzierung ist kein Grundprinzip, kein Paradigma der Homöopathie – es ist ein rein pragmatischer Anteil. Man verschreibt bei einer homöopathischen Behandlung Mittel, die ähnliche Symptome verursachen könnten (Kaffee bei Schlaflosigkeit). Man will aber gar nicht die Wirkung des Mittels – in diesem Fall die Schlaflosigkeit – hervorrufen, sondern nur eine Reaktion des Organismus. In den Anfängen der Homöopathie wurden die Substanzen ja durchaus noch in wägbaren Mengen eingesetzt. Um die unerwünschte Wirkung zu reduzieren wurde dann logischerweise verdünnt. Der interessante Effekt war, dass die unerwünschte Wirkung in der Tat nachließ, die Reaktion aber weiterhin hervorzurufen war. Und daraus wurden dann Schritt für Schritt und eben rein pragmatisch dass, was wir heute als Potenzierung kennen.

Warum das funktioniert, wissen wir nicht. – aber: erstens gibt es dazu durchaus Forschung (die allerdings noch in den Anfängen steckt), und zweitens gibt es eine Menge Dinge auf der Welt, von denen wir das nicht so genau wissen. Die Schwerkraft z.B. kann zwar berechnet und gemessen werden, aber im Grunde wissen wir bis heute nicht, wie und warum zwei sehr weit voneinander entfernte Objekte eine Wirkung aufeinander ausüben können. (Woher „wissen“ zwei Planeten von einander?) Insofern ist auch das Problem der ZEIT, dass die Homöopathie dem gesunden Menschenverstand (und nicht etwa jeglicher wissenschaftlicher Evidenz) widerspricht, ein relatives Problem. Und ob das geduldige Zuhören wirklich das Einzige ist, was die konventionelle Medizin von der Homöopathie lernen kann – auch das ist vielleicht noch ein eigener Artikels wert. (DZVhÄ)