Dioxin in Eiern: Skandal weitet sich offenbar aus

Sebastian

Wie PCB und Dioxin in Lebensmittel gelangt

18.04.2012

Der Dioxin-Skandal weitet sich aus: Nach den Dioxin-Funden in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen wurden nun auch Dioxin-belastete Eier in den Bundesländern Brandenburg und Rheinland-Pfalz entdeckt. Noch immer ist den Verbraucherschutzbehörden nicht ersichtlich, wie die überschrittenen Grenzwerte in den Eiern zustande kam.

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Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) betont, bei einer geringfügig aufgenommen Menge von Dioxin oder dem Dioxin-ähnlichen Stoff PCB in Nahrungsmitteln ist von einer „akuten Gesundheitsgefahr“ nicht auszugehen. Umweltschützer halten dagegen: Werden kontinuierlich über einen längeren Zeitraum auch nur geringe Mengen der toxischen Stoffe aufgenommen, so drohen gesundheitliche Langzeitfolgen, da die Halbwertszeit bis zu 30 Jahre andauert. Ursächlich hierfür ist die Ablagerung des nur schwer abbaubaren Dioxins im Fettgewebe des menschlichen Körpers. Dioxin steht im Verdacht, Krebserkrankungen zu provozieren. Da aber unmittelbare Folgen nur bei extrem hohen Dosen sichtbar sind, können Zusammenhänge nur schwer hergestellt werden, weil sich ein Krebsleiden meist erst Jahre später entwickelt.

PCB-Eier auch in Brandenburg
Wie das Verbraucherschutzministerium des Landes Brandenburg in Potsdam mitteilte, wurden aus einem Großbetrieb eines Eierproduzenten in Niedersachsen etwa 10.800 Hühnereier über einen Großhändler in Nordrhein-Westfalen an ein Eiervermarktungsunternehmen im Landkreis Dahme-Spreewald geliefert. Laut Behördenangaben sind die kontaminierten Eier in den Handel geraten und bereits verkauft. Laut des brandenburgischen Gesundheitsministerium „bestehe keine unmittelbare Gefährdung der Verbraucher für die Gesundheit“. Konsumenten, die bereits die Eier mit der Stempelnummer 0-DE-0357661 gekauft haben, sollten diese umgehend entsorgen und in keinem Fall verzehren.

Weitere Funde in Rheinland-Pfalz
In Rheinland-Pfalz wurden ebenfalls verseuchte Eier entdeckt. Die mit PCB verunreinigten Hühnereier stammen aus niedersächsischen Legehennenbetrieben, wie ein Sprecher der rheinland-pfälzischen Landesuntersuchungsamtes in Koblenz erklärte. Betroffen sind die Eier mit den Stempelnummern 0-DE-0357661, 1-DE-0354451, 1-DE-0354452, 1-DE-0354453 und 1-DE-0352691. Wurden bereits Eier mit den Herstellercodes gekauft, können diese gegen Erstattung des Kaufpreises in die Supermärkte zurück gebracht werden. Bislang konnte nicht herausgefunden werden, wie die Schadstoffe in die Eier der betroffenen Höfe gelangt ist. Eine Auswertung des Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit in Oldenburg wurde mit etwa 220 Eiern von zwei konventionellen Hühnerhöfen und einem Biohof aus dem Kreis Aurich vorbereitet.

PCB unter Krebsverdacht
PCB schädigt das Nervensystem, beeinträchtigt das Immunsystem und erzeugt Krebs. PCB ist ein Dioxin-ähnlicher Stoff. Unter dem Sammelbegriff „Polychlorierten Biphenyle“ fallen 209 bekannte Schadstoffvarianten. Die Strukturen einiger dieser Stoffe sind ähnlich aufgebaut, wie die hoch toxischen Dioxine. Daher werden sie auch als „Dioxin-ähnlich“ in den Medien und von den Verbraucherschutzbehörden betitelt. Die Wirkungsweisen sind ähnlich im menschlichen Körper und können entsprechende Schäden anrichten. Das Umweltbundesamt musste deshalb einräumen, dass die PCB sehr „wahrscheinlich Krebserregend“ sei. In Tierstudien haben Wissenschaftler ermittelt, dass die giftigen Stoffe zur Unfruchtbarkeit führen, das Immunsystem beeinträchtigen, Nervenzellen schädigen und den Hormonhaushalt signifikant stören. Abschließend konnte jedoch nicht ermittelt werden, inwieweit PCB oder Dioxin beim Menschen tatsächlich reagiert. Wahrscheinlich ist aber, dass die Negativeffekte mindestens ähnlich sind.

PCB seit 1989 in der Industrie verboten
Die Giftstoffe werden seit 1929 in der Industrie hergestellt und wurden aufgrund ihrer schwer entflammbaren und nicht-elektrisch leitenden Fähigkeit vielfach eingesetzt. So kommen die Stoffe beispielsweise in Hydraulikanlagen, Kondensatoren Transformatoren oder kommen als Weichmacher in Farben, Fugendichtmassen und Kunststoffen zum Einsatz. In Deutschland ist die Verwendung von PCB seit 1989 für alle industriell hergestellten Varianten verboten. Weil aber die Altlasten vielmals unsachgemäß gelagert werden, verbreiten sich die Giftstoffe in der Umwelt. Bis heute lassen sich vielerorts höhere Belastungen auch in der Luft, zumeist in Nähe von Industriegebieten feststellen.

PCB weist eine hohe Halbwertszeit auf
Weil PCB und Dioxin kaum durch biologische Prozesse zersetzt wird, gelangen sie in die Körper von Tieren und Menschen, wo sie sich vordergründig in den Fettzellen ablagern. PCB kann durch die Luft und durch das Wasser enorme Strecken bewerkstelligen. So ist es keine Seltenheit, dass sich die toxischen Substanzen auch in Fischen oder arktischen Tieren nachweisen lassen. Das Hamburger Rubner-Institut (MRI) berichtete zuletzt, dass immer wieder Umweltgifte und Dioxine in Speisefischen nachweisbar sind. Proben in niedersächsischen Flüssen hatten unlängst besonders starke Umweltbelastungen in Aalen und Brassen ermittelt. In den Flüssen der Aller, Elbe und Weser fanden Experten des Umweltministeriums neben dem Schadstoff Dioxin auch die giftige Verbindung des PCB. In rund der Hälfte aller untersuchten Aale aus der Elbe war der Grenzwerte für Hexachlorbenzol, HCH, DDT und Metabolite deutlich überschritten. "Bei den Aalen schwankt die Belastung stark. PCB werden in Gewässern vor allem als Altlast aus Sedimenten frei, und die sind örtlich unterschiedlich stark kontaminiert." erklärte Michael Haarich vom Institut für Fischereiökologie des Von-Thünen-Instituts in Hamburg. Stark betroffen sind heute vor allem fettreiche Fische wie Hering oder Aal.

Grenzwerte werden häufig in Fleisch, Fisch, Eiern und Milch überschritten
Häufig werden die Grenzwerte bei Fisch, Fleisch, Eiern und Milch überschritten. Da die Schadstoffe meist in Kombination auftreten, existiert ein sogenannter Summen-Grenzwert für Dioxin- und PCB-Belastungen. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO sollten Menschen täglich nicht mehr als ein Pikogramm (pg, ein Billionstel Gramm) Dioxine und PCB pro Kilogramm Körpergewicht aufnehmen. Die derzeitige Aufnahme wird innerhalb der EU um ein Vielfaches überschritten. Eine EU-Kommission setzte daher einen Richtwert von 14 pg je Kilo Körpergewicht fest. Das ist ein Durchschnittswert von zwei Pikogramm pro Tag.

Grenzwerte wurden um das sechsfache überschritten
Der EU-Tagesdosis erklärt auch den Grenzwert für Lebensmittel. Daher dürfen laut Richtlinie Eier fünf Pikogramm Dioxine und PCB pro Gramm je Eifett enthalten. Das bedeutet aber auch, dass bei dem Verzehr von einem Ei bereits die Tagesdosis um mehr als das Doppelte überschritten ist. Die momentan kontaminierten Eier überschritten diesen Grenzwert noch mal um das sechsfache.

Dennoch beruhigt das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) die Bevölkerung. Obwohl die Grenzwerte nicht besagen, dass ein dauerhafter Verzehr von verseuchten Eiern ausgeschlossen ist, sei bei „kurzzeitigen Verzehr der Eier aus dem aktuellen Fall eine gesundheitliche Gefährdung der Verbraucher unwahrscheinlich". (sb)