Doppelbelastung Familie und Beruf: Immer mehr Frauen sind ausgebrannt

Das tägliche Ausbalancieren von Familie und Beruf bringt viele Frauen an die Grenze ihrer Belastbarkeit. (Bild: kite_rin/fotolia.com)
Nina Reese
Auch Väter beantragen häufiger eine Kur
Familie und Job unter einen Hut zu bekommen, ist oft nicht einfach. Viele Eltern fühlen sich hin- und hergerissen und haben das Gefühl, mit der Situation überfordert zu sein. Wird die Erschöpfung immer größer, hilft meist nur eine Kur – um für einige Zeit aus dem Alltag auszusteigen und neue Kraft sammeln zu können. Der Bedarf wird offenbar immer größer. Allein im letzten Jahr haben laut dem aktuellen Jahresbericht des Müttergenesungswerks (MGW) rund 49.000 Frauen eine Kur gemacht. Knapp 90 Prozent leiden dabei an Erschöpfungszuständen bis hin zum Burn-out. Doch es sind nicht nur die Mütter betroffen – auch Männer beantragen immer häufiger eine Auszeit.

Das tägliche Ausbalancieren von Familie und Beruf bringt viele Frauen an die Grenze ihrer Belastbarkeit. (Bild: kite_rin/fotolia.com)
Das tägliche Ausbalancieren von Familie und Beruf bringt viele Frauen an die Grenze ihrer Belastbarkeit. (Bild: kite_rin/fotolia.com)

Überforderung wird oft nicht eingestanden
Zeitmangel, Stress, Hektik und ständiges Organisieren: Der tägliche Balanceakt zwischen Arbeit und Familie bringt viele Frauen an ihre Grenzen. „Ich bin völlig am Ende“ oder „Ich schaff das einfach nicht mehr“ sind daher Sätze, die vermutlich fast jeder berufstätigen Mutter schon mal durch den Kopf gegangen sind. Viele tun sich jedoch schwer, die Überforderung einzugestehen und Hilfe in Anspruch zu nehmen. „Viele Mütter glauben, dass sie die einzigen sind, die Beruf, Kinder und Haushalt nicht mehr schaffen“, sagte Anne Schilling vom Müttergenesungswerk laut der „Westdeutschen Allgemeine Zeitung“ (WAZ) bei der Vorstellung des Jahresberichts des Genesungswerks in Berlin. „Wenn sie dann aber auf andere erschöpfte Frauen treffen, sehen sie, dass sie nicht die einzigen sind“, so Schilling weiter.

Fast 90 Prozent leiden unter Erschöpfung
Rund 2,1 Millionen Mütter mit minderjährigen Kindern sind hierzulande nach Angaben des Müttergenesungswerks kurbedürftig, doch nur fünf Prozent nehmen die Mütter- oder Mutter-Kind-Kuren in Anspruch. Viele leiden demnach z.B. unter Rückenproblemen, Allergien oder Kopfschmerzen. Hinzu kommen immer mehr psychische Belastungen wie Verstimmungen, Schlaf- oder Angststörungen, viele Betroffene fühlen sich „ausgebrannt“ und am Ende ihrer Kräfte. 87 Prozent aller Mütter, die 2015 an einer Kurmaßnahme vom Müttergenesungswerk teilnahmen, litten an einem Erschöpfungssyndrom bis hin zum Burn-out, so eine Mitteilung des MGW.

Rund 49.000 Mütter und 72.000 Kinder haben laut dem Jahresbericht im vergangenen Jahr eine Kur in einer der 76 vom Müttergenesungswerk (MGW) anerkannten Kliniken gemacht. In 4.000 Fällen handelte es sich um eine reine Mütter-Maßnahme. Rund 80% der Mütter in Mutter-Kind-Kuren waren zwischen 26 und 45 Jahren alt, rund 31 Prozent alleinerziehend. Die Mehrheit ging einer Berufstätigkeit nach, knapp ein Fünftel arbeitete sogar Vollzeit. Rund ein Fünftel aller KurteilnehmerInnen musste mit weniger als 1.500 Euro im Monat auskommen, Hauptverdiener ist nach wie vor der Mann.

Frauen pflegen oft zusätzlich noch Angehörige
Viele Frauen würden laut Schilling erst ganz am Ende an sich selbst denken und dadurch oft nicht merken, wie ihnen der Alltag langsam über den Kopf wächst. Häufig wird erst dann reagiert, wenn Erschöpfung und Abgeschlagenheit zum Dauerzustand werden und der Körper nicht mehr mitspielt. Nicht selten haben Frauen aber auch dann noch ein schlechtes Gewissen, weil sie nicht mehr „funktionieren“ und aus eigener Sicht den Ansprüchen nicht mehr genügen. „Sie wollen besonders gute Mütter sein, sie wollen die gesellschaftlichen Anforderungen oft noch toppen“, wird Schilling von der WAZ zitiert.

Neben Familie und Beruf haben viele Frauen noch eine weitere Belastung zu bewältigen. Denn häufig sind sie es, die die Betreuung pflegebedürftiger Angehöriger übernehmen. Rund 70 Prozent der 2,5 Millionen Pflegebedürftigen werden nach Angaben des MGW mittlerweile zuhause gepflegt – größtenteils von Frauen. Laut Schilling sei bekannt, dass ein Viertel aller Mütter in Mütter-Kliniken Angehörige pflegen und dass rund ein Drittel davon selbst aufgrund der zusätzlichen Belastungen erkranke. „Der Gesundheitszustand von Frauen mittleren Alters ist auffallend schlecht. Bei dieser Altersgruppe gibt es besonders hohe psychosoziale Belastungen durch Haus- und Familienarbeit“, erläutert die Geschäftsführerin des MGW. Hier bestehe dementsprechend großer Handlungsbedarf, fünf Mütterkliniken des MGW würden daher bereits Schwerpunktmaßnahmen für pflegende Frauen anbieten. Was viele Betroffene nicht wissen: Seit 2012 gibt es einen gesetzlichen Anspruch auf Kurmaßnahmen für alle pflegenden Frauen und Männer.

Auch Männer immer öfter am Limit
Doch nicht nur die Mütter sind betroffen, stattdessen waren psychische Belastungen 2015 auch bei den Vätern mit fast 70 Prozent der Hauptgrund für eine Kur. „Mütter und Väter leiden gleichermaßen besonders stark unter ständigem Zeitdruck, bedingt durch Doppel- und Dreifachbelastung. Das traditionelle Rollenmodell mit dem Mann als Haupt- und Vollzeitverdiener stellt allerdings für Väter eine extreme Herausforderung dar. Nahezu 60 Prozent nennt die Vereinbarkeit von Familie und Beruf als Belastung“, so die Kuratoriumsvorsitzende Dagmar Ziegler (SPD) laut dem Bericht des MGW. Trotz der Schwierigkeiten durch den Beruf würden 52 Prozent der befragten Väter 40 Stunden oder mehr pro Woche arbeiten. „Wenn sie dazu noch familienbezogene Aufgaben wahrnehmen, kommen auch Männer an ihre Grenzen und werden krank“, erklärt Ziegler weiter.

Dem Bericht zufolge liegt die Zahl der Männer, die Vater-Kind-Kuren in den Kliniken des Müttergenesungswerks machen, zwar deutlich niedriger als die der Frauen – stieg jedoch im letzten Jahr um 24 Prozent auf rund 1500 Männer an. Dass nicht noch mehr ausgepowerte Männer eine Auszeit beantragen, sei der Expertin zufolge auch auf die öffentliche Meinung zurückzuführen. Denn ein Mann „auf Kur“ kollidiere mit dem vorherrschenden Männerbild, so Schilling.

Große Belastung durch Zeitdruck und Unvereinbarkeit von Familie und Beruf
Was als Belastung empfunden wird, ist bei Frauen und Männern relativ ähnlich. Laut dem Bericht leiden sie gleichermaßen unter Zeitdruck und der Unvereinbarkeit von Familie und Beruf. Frauen in Mütter-Maßnahmen belastet demnach zusätzlich besonders häufig mangelnde Anerkennung und fehlende Unterstützung durch das Umfeld. Für Frauen in Mutter-Kind-Kuren spielen zudem Geldprobleme und die Schwierigkeit, Kinder und Beruf zu vereinbaren, eine große Rolle. Männer in Vater-Kind-Maßnahmen litten demnach besonders oft unter beruflichen Belastungen und ständigem Zeitdruck. (nr)

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