Ein gesundes Altern kann funktionieren

Fabian Peters
Studie untersucht die Veränderungen der Gesundheit im Zuge der Alterung
Die Menschen werden heute in Deutschland durchschnittlich deutlich älter als noch vor einigen Jahrzehnten. Allerdings bleibt die Frage bislang offen, in welchem Gesundheitszustand diese zusätzlichen Lebensjahre verbracht werden. Wissenschaftler der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) untersuchen dies in dem Projekt „Morbiditätskompression“, für das nun erste Ergebnisse vorliegen. Demnach sind Herzinfarkte, Schlaganfälle und Lungenkrebs eher rückläufig, doch Diabetes mellitus Typ 2 und die Multimorbidität haben deutlich zugenommen.

Die Wissenschaftler gehen in ihrer Untersuchung der Frage nach, ob wir gesunde Lebensjahre im Zuge der steigenden Lebenserwartung gewinnen oder wir die zusätzliche Lebenszeit eher in krankem Zustand verbringen. Die Antwort ist durchaus beruhigend: „Wir werden gesünder alt“, fasst Professor Dr. Siegfried Geyer, Leiter des Projektes und der Medizinischen Soziologie der MHH, zusammen.

Die Lebenserwartung ist kontinuierlich gestiegen und wir werden gesünder alt, so das erfreulich Ergebnis einer aktuellen Studie. Bei Diabetes und der Multimorbidität ist jedoch ein vermehrtes Auftreten festzustellen. (Bild: Robert Kneschke/fotolia.com)

Daten von drei Millionen Menschen untersucht
Seit dem Jahr 2013 läuft das Projekt „Morbiditätskompression“, für welches die Daten von drei Millionen Versicherten der AOK Niedersachsen ausgewertet werden. Die Daten decken einen Zeitraum von zehn Jahren ab (2006 bis 2015). Das Projekt wird von der AOK Niedersachsen und vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur finanziell gefördert und jetzt liegen die ersten Ergebnisse vor. Demnach erleiden heute 22 Prozent weniger Männer als noch vor zehn Jahren einen Herzinfarkt, Schlaganfall oder Lungenkrebs. Zudem sind die Betroffen zum Zeitpunkt der Erkrankung mit durchschnittlich 66 Jahren rund ein Jahr älter als vor zehn Jahren.

Reduziertes Risiko bei Herzinfarkten, Schlaganfällen und Lungenkrebs
Das Risiko, an einem Herzinfarkt, Schlaganfall oder an Lungenkrebs zu sterben, ist ebenfalls um 22 Prozent gesunken, berichtet die MHH. Bei Frauen habe sich das ohnehin geringere Risiko, an einer der drei Leiden zu erkranken, in zehn Jahren sogar um mehr als 30 Prozent reduziert. Sie waren beim Auftreten der Erkrankung allerdings genauso alt wie früher (durchschnittlich 76 Jahre) und sie starben auch ebenso häufig an den Erkrankungen, so die Mitteilung der MHH.

Diabetes-Erkrankungen immer häufiger
Während Lungenkrebs, Schlaganfälle und Herzinfarkte eher rückläufig sind, verhält es sich bei Diabetes mellitus Typ 2 grundsätzlich anders. Hier sind laut Aussage der Forscher steigende Erkrankungsraten in der Bevölkerung festzustellen, insbesondere bei den unter 40-Jährigen. „Allerdings kann man diese Erkrankung besser behandeln als früher, so dass man mit ihr länger leben kann“, betont Professor Geyer. Zudem sinke das Erkrankungsrisiko mit steigendem Bildungsstand. „Diabetes ist ein Problem der Lebensweise, vor allem Übergewicht und Bewegung sind vorrangige Probleme“, so der Studienleiter weiter.

Steigende Multimorbidität
Auch die sogenannte Multimorbidität nimmt in der Bevölkerung laut Aussage der Forscher zu. Immer mehr Menschen seien von sechs oder mehr Erkrankungen gleichzeitig betroffen, die zum Teil mit Medikamenten behandelt werden müssen, mit denen sie aber gut leben können. Hierzu zähle beispielsweise Bluthochdruck. Ob die Multimorbiditäten zwangsläufig zunehmen, wenn andere Krankheiten wie Herzinfarkt, Schlaganfall und Lungenkrebs abnehmen, bleibe offen. In nächsten Schritten sei die Frage zu klären, „ob es eine Verschiebung von wenigen großen zu vielen kleinen Krankheiten gibt, die später auftreten“, so Prof: Geyer.

Flexibilisierung des Renteneintrittsalters gefordert
Insgesamt sprechen die Ergebnisse laut Aussage von Professor Geyer für „eine Flexibilisierung des Renteneintrittsalters“, denn bei einer stark körperlich belastenden Arbeit sei ein früheres Renteneintrittsalter angemessen, während es bei überwiegend geistiger Arbeit sinnvoll sein könne, die Grenze nach oben zu verschieben. „Es geht aber auch darum, wie eine Gesellschaft mit alten Menschen umgehen soll, um ihre Aktivität und geistige Beweglichkeit maximal lange zu erhalten“, ergänzt der Experte. Um im Alter körperlich und seelisch gesund zu bleiben, sei die sportliche und geistige Regsamkeit besonders wichtig. Ressourcen gelte es – beispielsweise durch regelmäßiges Lesen und soziale Aktivitäten mit Kommunikation – zu erhalten. (fp)