Eingriffe ins Erbgut: Und Niemand bekommt davon mit!

Dr. Utz Anhalt
Der Theologe Peter Dabrock, Vorsitzender des deutschen Ethikrats kritisiert, dass die Wissenschaft derzeit Fakten schaffe und das menschliche Erbgut verändert, ohne dass es eine gesellschaftliche Diskussion darüber gäbe.

„Was habt ihr getan?“
Peter Dabrock fragt: „Werden wir uns eines Tages (…) die Frage stellen lassen müssen: „Wo wart ihr, was habt ihr getan, als Wissenschaftler sich anschickten, (…) das menschliche Genom zu verändern?“

Der deutsche Ethikrat fürchtet: Wissenschaftler greifen in die menschliche Evolution ein, ohne dass es eine ethische Debatte darüber gibt, wo die Grenzen der Verantwortbarkeit liegen. (Bild: denisismagilov/fotolia.com)

Systematische Änderungen des menschlichen Erbguts
Dabrock stellt nicht in Frage, dass Menschen in die Natur eingreifen dürfen und sollen, dies müsse aber verantwortlich geschehen. Derzeit würden wir aber „hineinschlittern in irreversible, systematische Änderungen des menschlichen Erbguts.“

Fragen von grundlegender Bedeutung
Er wendet sich dagegen, dass Fragen von „so grundlegender Bedeutung wie die Manipulation unserer biologischen Basis der Wissensgemeinschaft allein überlassen“ würden. Das passiere derzeit.

Keimbahnveränderungen
Wissenschaftler in den USA würden erfolgreich daran forschen, die Keimbahn zu verändern, mit der mögliche Nachkommen Erbkrankheiten weitertragen.

Absichtsvolle Steuerung der Evolution
Dies bedeute, dass Menschen absichtsvoll ihre eigene Evolution steuern wollten, im Unterschied zu Mutationen, die in der Natur immer vorkämen. Dann aber müssten Menschen Verantwortung übernehmen.

Eine Frage für die Vereinten Nationen
Folgende Fragen gehörten vor die vereinten Nationen: „Wollen wir solche Veränderungen? Kann (…) die Therapie schwerer Erkrankungen moralisch gut bleiben, wenn der Weg dorthin moralisch fragwürdig ist?“

Fragwürdiger Weg
Dobradt skizziert „gesundheitsgefährdende Versuche an späteren Menschen, die nicht einwilligen können.“ Er fragt: „Wollen wir solche ins Erbgut eingreifenden Therapieversuche wagen, obwohl die krankheitsverhindernden Effenkte durch eine Präimplantationsdiagnostik genauso entdeckt werden können?“

Offene Fragen
Dobradt fürchtet eine nicht zur Diskussion gestellte gentechnische Gehirnwäsche: „Wollen wir diese Art von Manipulationen, auch wenn sie eine Vorlage für weiter reichende vermeintliche Perfektionierungen des Menschen bieten? Welche Risiken wollen wir späteren Generationen aufbürden, obwohl wir durch die Erkenntnisse in Systembiologie und Epigenetik (…) wissen, dass manche Folgen genetischer Veränderungen erst bei den Kindeskindern auftreten können?“

Keine politische Debatte
Dobradt kritisiert, dass die kontroversen Positionen zu diesen Fragen in der globalen Politik kein Thema sind.

Menschenzucht?
Bedenken gegenüber einem ungehemmten Eingriff in das menschliche Genom kommen nicht nur vom evangelischen Theologen Dobradt. Der Protagonist des „neuen Atheismus“, der Evolutionsbiologie
Richard Dawkins warnte ebenfalls davor, alles zu tun, was biologisch möglich wäre.

Milchkühe und Muskelprotze
Dawkins hält es für möglich, das menschliche Genom so zu manipulieren, dass Menschen mit extremer Muskelmasse oder heraus ragender mathematischer Begabung ebenso „züchtbar“ seien wie durch Genmanipulationen entstandene Mastbullen. Dies zu unterlassen, sei keine Frage der biotechnischen Möglichkeit, sondern der humanen Ethik.

Ein Türöffner?
Dobradt befürchtet, dass eine unhinterfragte Steuerung des menschlichen Genoms bei Erbkrankheiten ebenso unhinterfragte Eingriffe ins menschliche Erbgut zur Folge haben könnte. Müssen wir demnach befürchten, dass sich reiche Eltern in Zukunft einen „genetischen Wunschzettel“ für ihr Kind zulegen?

Kritik am Gendeterminismus
Tief greifende Eingriffe ins Genom, um Krankheiten zu verhindern, sind auch aus Sicht des heutigen Standes der Evolutionsbiologie kritisch zu betrachten.
So halten es die Biologinnen Jablonka und Lamb für notwendig, die Synthetische Evolutionstheorie zu ergänzen. Vererbung würde nicht nur im Genom stattfinden, sondern auch in drei anderen Dimensionen.

Verhalten, Symbole und Sprache
Körperzellen gäben demnach Informationen durch epigenetische Verbreitung weiter, und Tiere durch Verhaltensweisen. Bei Menschen spiele die symbolische Vererbung, Sprache und Schrift, eine wesentliche Rolle. Molekular-, Entwicklungs- und Verhaltensbiologie zeigten demnach, dass Vererbung auch außerhalb der Gene ablaufe.

Folgen für die Praxis
Für die medizinische Praxis bedeutet dies: Wenn ein Mensch eine bestimmte genetische Disposition für eine Krankheit hat, tragen außergenetische Faktoren dazu bei, ob diese Krankheit ausbricht oder nicht. Gene, soziale Umwelt, Vermittlung durch Sprache, individuelles Lernen, Biologie und Lebensgeschichte beziehen sich aufeinander.

Netzwerke der Gene
Es gibt, laut Lamb und Jablonka, nicht das eine Gen, das über eine Krankheit entscheidet, und das durchschnittlich erhöhte Risiko bei einer genetischen Anlage sagt nichts über das Individuum aus. Eine Therapie kann für den einen Menschen mit der spezifischen genetischen Disposition nützlich, für einen anderen mit der „gleichen“ Anlage hingegen schädlich sein, denn die Netzwerke verschiedener Gene stünden in Beziehung zu außergenetischen Faktoren.

Außergenetische Faktoren
Das Zusammenspiel von Genen und außergenetischen Faktoren ist so komplex, dass soziale und kulturelle Verhaltensweisen, die in der Erziehung und Familie tradiert werden, die „genetische Veranlagung“ beeinflussen, und Enkel scheinen psychische Belastung zu erben. Ein Beispiel: Erbgut kann durch Übergewicht verändert werden, während das Übergewicht eine Folge des Essverhaltens ist.

Außergenetische Faktoren berücksichtigen
„Erbkrankheiten“ vorbeugen lässt sich insofern nur, wenn genetische, außergenetische und symbolisch-kulturelle Aspekte in die Therapie einfließen. (Dr. Utz Anhalt)