Entwicklungspsychologie: Eltern prägen Werte der Kinder stärker als gedacht

Sebastian
Sträuben ist zwecklos: Eltern prägen ihre Kinder
Oft fällt es Menschen erst im Erwachsenenleben auf, wie stark sie bereits in der Kindheit durch ihre Eltern geprägt wurden. Die meisten übernehmen Werte oder auch Macken ihrer Väter oder Mütter ohne dies zunächst zu bemerken. Häufig fällt es nicht leicht, die negativen Eigenschaften, die kopiert wurden, wieder loszuwerden.

Ähnlichkeiten zu Vater oder Mutter
Wie sehr man selbst von seinen Eltern geprägt wurde, stellt sich für viele erst im Erwachsenenleben heraus. Es sind oft banale Sätze wie „Über Geld spricht man nicht“ oder „Ohne Fleiß kein Preis“. Solche Glaubenssätze aus der Familie wurden jahrelang ignoriert, doch irgendwann kann man sich dabei ertappen, wie einem die innere Stimme genau diese Überzeugungen vorhält. Möglicherweise sagt man einen solchen Satz sogar selbst zu seinen Kindern. Und auch in anderen Bereichen wie beispielsweise bei der Streitkultur oder dabei wie man mit Stress umgeht, entdeckt man mit der Zeit oft Ähnlichkeiten zu Mutter oder Vater. Manchmal mehr, als einem lieb ist, wie die Nachrichtenagentur dpa in einer aktuellen Mitteilung berichtet.

Eltern prägen das Verhalten der Kinder stärker, als bislang angenommen. (Foto: drubig-photo/fotolia)
Eltern prägen das Verhalten der Kinder stärker, als bislang angenommen. (Foto: drubig-photo/fotolia)

„Das habe ich von meiner Mutter“
Auch Carmen Broicher kennt das. Sie ist davon überzeugt, dass sie viele Dinge so macht wie ihre Mutter. „Ja, ich bin pingelig“, sagt die 46-Jährige. „Das habe ich von meiner Mutter. Was hat sie mich damals genervt mit ihrem ewigen Ordnungsfimmel.“ Ihre Mutter war nicht nur in Haus und Garten penibel, sondern hat auch das Geld zusammengehalten. „Geizig wäre das falsche Wort“, so Broicher. Vielmehr habe sie ihre Finanzen gezielt eingesetzt. „Ich stünde heute nicht hier mit meinem eigenen Betrieb, wenn ich das nicht von ihr übernommen hätte.“ Broicher, die einen eigenen Reitstall besitzt, ist überzeugt, dass die von der Mutter vorgelebte Struktur ihr ein Vorbild war.

Werte, Vorstellungen und Rollenbilder
Da man in der Regel viel Zeit miteinander verbringt, ist es unvermeidlich, dass Kinder von ihren Eltern Dinge bewusst oder unbewusst übernehmen. Mit welchen Werten, Vorstellungen und Rollenbildern man durchs Leben geht, ist meist stark durch Vater und Mutter geprägt. Dies ist grundsätzlich normal, kann aber auch sehr negative Konsequenzen haben, vor allem weil heutzutage viele Eltern ihre Kinder zu Narzissten erziehen, wie Psychologen und Erziehungswissenschaftler kürzlich in einer Studie thematisierten. Die Forscher untersuchten dabei die Ursache für die Persönlichkeitsstörung Narzissmus und fanden diese bei den Eltern, die ihre Kinder für etwas Besseres halten.

Positive und problematische Verhaltensmuster
Das Elternwerden ist eine typische Phase, in der man sich bei vielerlei ertappt. „Da geht der Blick oft auf die eigene Familie zurück“, so Alexandra Miethner, Diplom-Psychologin in Bonn. Dies kann positiv sein, wenn man etwa die Sachen wiederholt, die man selbst als Kind genossen hat: Beispielsweise Rituale wie ins Bett bringen, am Wochenende lange frühstücken oder an der Nordsee Urlaub machen. Doch manchmal sind es auch problematische Verhaltensmuster, die man sich angeeignet hat. Wenn man etwa nach einem Streit tagelang beleidigt ist, alles immer hundertprozentig machen will oder besonders ängstlich ist. Nur wenige Menschen sind so reflektiert, dass sie selbst solche Analogien erkennen. „Man überprüft es oft erst, wenn man durch sein Umfeld immer wieder negative Rückmeldung auf sein Verhalten bekommt“, erläutert Miethner.

Strategien zur Veränderung
Holger Simonszent, Diplom-Psychologe in Gauting bei München, erklärt, dass vor Veränderungen ein gewisser Leidensdruck herrschen müsse. Wer sich etwa über sein eigenes Streitverhalten ärgert, kann sich eine Strategie überlegen. „Wenn ich weiß, eine Auseinandersetzung eskaliert schnell, nehme ich mir beim nächsten Mal vor, vorher rauszugehen.“ Idealerweise spricht man es mit dem Partner ab. Bei ganz tief verinnerlichten Glaubenssätzen wird es aber komplizierter. Miethner meint, dass man einen Spruch wie „Ohne Fleiß kein Preis“, mit dem man getriezt wurde, hinterfragen sollte: „Wie fühle ich mich damit? Stresst mich das?“ Zudem sei wichtig, Antworten auf Fragen wie: „Was ist Fleiß für mich? Und welchen Preis bekomme ich dafür?“ zu finden. Es könne helfen solche tief verwurzelten Dinge aufzuschreiben, um sie zu ändern. Zum Beispiel auf einen Zettel, den man dann zerreißt. Dabei wird der alte Glaubenssatz am besten durch einen neuen ersetzt. Aufschreiben könne man beispielsweise: „Ich bin ein sehr engagierter Mensch und arbeite gerne für diese oder jene Sache.“ Miethner rät: „Den Zettel steckt man sich ins Portemonnaie“, um die eigenen Prioritäten zu verdeutlichen und daran zu erinnern, dass man nicht alles im Alltag mit der gleichen Kraft angehen möchte. Solche Umprogrammierungen klappen aber nicht von heute auf morgen. „Das dauert und ist Übungssache.“

Positive Eigenschaften ins Gedächtnis rufen
Doch trotz allem Veränderungswillen lässt sich der Anspruch, auf keinen Fall so zu werden sie seine Eltern, nicht erfüllen. „Letztlich ist es eine gesunde Einstellung zu akzeptieren, dass man manche Dinge mitbekommen hat und nicht loswerden kann“, so Simonszent. Man macht sich nur unglücklich, wenn man sein Leben lang damit hadert, das mittelmäßige Fußballtalent seines Vaters geerbt zu haben. Es ist besser, sich die positiven Eigenschaften ins Gedächtnis zu rufen. „Wenn ich mir die bewusst mache, sind das wertvolle Ressourcen.“ Auf Familienfeiern wird einem oft bewusst, dass man bestimmte Marotten nicht nur selbst übernommen hat, sondern dass es über mehrere Generationen hinweg ähnliche Linien gibt.

Auch Freunde und Kollegen prägen einen Menschen
In solchen Fällen kann es ratsam sein, sich mit den Eltern zusammenzusetzen, vorausgesetzt, das Verhältnis ist gut. Dann lässt sich in einem Gespräch ergründen, wie bestimmte Themen in der Familie behandelt wurden. Dabei ist das „Wie“ entscheidend. Man erfährt Dinge am ehesten, wenn man sie sich erzählen lässt, ohne vorwurfsvoll die Schwächen der ganzen Familie analysieren zu wollen. Nicht nur Eltern, sondern auch Freunde, Partner, Kollegen können ebenso prägend für einen Menschen sein. Im Gegensatz zu Mutter und Vater kann man sich diese größtenteils selber aussuchen. (ad)

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