Emotionale Wirkung: Ratten können bei Menschen Depressionen verursachen

Wissenschaftler stellten fest, dass die Anwesenheit von Ratten in ärmeren Wohngebieten dazu führen kann, dass Bewohner eine höhere Wahrscheinlichkeit für Depressionen entwickeln. (Bild: kichigin19/fotolia.com)
Alexander Stindt
Ratten haben eine ähnliche emotionale Wirkung wie die Androhung von körperlicher Gewalt
Viele Menschen mögen Ratten nicht und finden sie ekelerregend oder abstoßend. Doch anscheinend reicht schon die bloße Anwesenheit solcher Tiere, um in Menschen chronische Gefühle der Traurigkeit und der Angst auszulösen. Wissenschaftler haben in einer aktuellen Studie festgestellt, dass die Schädlinge eine ähnliche emotionale Wirkung auf uns entfalten können wie die Androhung von körperlicher Gewalt.

Ratten sind schon immer sehr unbeliebte Tiere gewesen. Menschen fürchten diese Schädlinge aus verschiedenen Gründen. Forscher von der Johns Hopkins University Bloomberg School of Public Health haben bei einer Untersuchung herausgefunden, dass alleine die Anwesenheit der Nagetiere bei uns Menschen chronische Ängste und Depressionen hervorrufen kann. Die Mediziner veröffentlichten die Ergebnisse ihrer Studie in der Fachzeitschrift „Journal of Community Psychology“.

Wissenschaftler stellten fest, dass die Anwesenheit von Ratten in ärmeren Wohngebieten dazu führen kann, dass Bewohner eine höhere Wahrscheinlichkeit für Depressionen entwickeln. (Bild: kichigin19/fotolia.com)
Wissenschaftler stellten fest, dass die Anwesenheit von Ratten in ärmeren Wohngebieten dazu führen kann, dass Bewohner eine höhere Wahrscheinlichkeit für Depressionen entwickeln. (Bild: kichigin19/fotolia.com)

Wissenschaftler untersuchen Probanden aus Armenvierteln
Für die Studie untersuchten die Forscher die Daten von über 448 Bewohnern von Armenvierteln in Baltimore. Die Mediziner rekrutierten die Probanden zwischen März 2010 und Dezember 2011. Die Hälfte der Teilnehmer erklärte, dass sie wöchentlich Ratten in ihrem Wohnblock sehe. 35 Prozent der Probanden berichteten sogar, die Schädlinge täglich zu sehen, sagen die Mediziner. Dreizehn Prozent der Studienteilnehmer sahen Ratten in ihrem Haus und fünf Prozent erklärten, dass die Nagetiere fast jeden Tag in ihrem Haus zu sehen seien. 32 Prozent der Befragten waren der Meinung, dass Ratten ein Anzeichen für eine schlechte Nachbarschaft sind, fügen die Experten hinzu.

Menschen mit „Rattenproblem“ entwickeln wahrscheinlicher akute depressive Symptome
Menschen, die in Gegenden leben, in denen es ein Rattenproblem gibt, sind laut AUssage der Forscher meist pessimistisch, das Rattenproblem selber zu lösen. Außerdem haben Betroffene auch wenig Vertrauen, dass Nachbarn oder Mitarbeiter der Stadt erfolgreich bei der Rattenbekämpfung sind, erläutert Hauptautor Dr. Danielle German von der Johns Hopkins University Bloomberg School of Public Health. Die Forscher stellten fest, dass Menschen, die Ratten in ihrer Wohngegend als ein ernstes Problem betrachten, eine um 72 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit hatten, akute depressive Symptome zu entwickeln, verglichen mit Bewohnern, die in der selben Gegend wohnten, aber die Ratten nicht als ernstes Problem ansahen, erläutern die Experten.

Schädlinge treiben alte Frau in den Selbstmord
Ratten suchen sich für ihren Wohnraum meist Bereiche, in denen sie geschützt leben können und genug Zugang zu Nahrung haben. Das hat zur Folge, dass die Schädlinge meist in benachteiligten und armen Gemeinden leben, wo es kaum Hygiene gibt und viele Gebäude frei stehen, sagen die Forscher.

Ratten sind nicht die einzigen unerwünschte Gäste, die sich verheerend auf die psychische Gesundheit von Hausbesitzern oder Mietern auswirken können. Bereits im Jahr 2013 veröffentlichte das „American Journal of Case Reports“ die Fallstudie einer 62 jährigen Frau, die Selbstmord begangen hatte, nachdem sie Bettwanzen in ihrem Haus entdeckte. Die Frau hatte bereits vorher bestehende psychische Probleme, einschließlich einer bipolaren Störung und einer vermuteten Persönlichkeitsstörung, erläutern die Experten. Anscheinend hatten die Schädlinge der Frau den letzten Ausschlag zum Selbstmord gegeben. Nach dem Aufwachen um 3 Uhr morgens hatte sie einen Blutfleck auf ihrem Nachthemd entdeckt, danach schrieb sie einen Abschiedsbrief und eine E-Mail an ihre Freundin. In dieser Nachricht erklärte sie, dass sie nicht weiter in Angst davor leben kann, lebendig aufgefressen zu werden, sagen die Mediziner. Am nächsten Morgen sprang sie von ihrem Balkon im 17. Stock in den Tod.

Psychosoziale Auswirkungen von Schädlingsbefall müssen genauer untersucht werden
Der jüngste Anstieg von parasitären Erkrankungen zeigt, dass rasch Maßnahmen ergriffen werden sollten, den Schädlingsbefall zu kontrollieren und zu beseitigen, erläutern die Mediziner. Außerdem müssen zusätzlich die Betroffenen unterstützt und beraten werden. Die psychosozialen Auswirkungen einer Rattenplage in städtischen Gebieten müssen genauer untersucht werden, um das Problem besser zu verstehen und Lösungen dafür zu finden, fügen die Wissenschaftler hinzu. (as)

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