Empathischer Stress kann ansteckend sein

Sebastian

Empathischer Stress ist ansteckend

23.04.2014

Schon seit langem ist bekannt, dass Gähnen ansteckend ist. Doch nun stellten deutsche Forscher fest, dass dies auch für Stress zutreffend sein kann. Demnach führen das Beobachten von Menschen in angespannten Situationen sowie Stress im Fernsehen dazu, dass man selbst Stresshormone ausschüttet. Die Wissenschaftler sprechen dabei von sogenanntem empathischen Stress.

Beobachten von angespannten Menschen treibt Puls in die Höhe
Gähnen ist ansteckend. Dies ist seit langem bekannt. Doch deutsche Forscher haben nun herausgefunden, dass dies auch auf Stress zutrifft. Bereits das Beobachten von Menschen in angespannten Situationen könne dafür sorgen, dass der eigene Körper das Stresshormon Kortisol ausschüttet und Blutdruck sowie Puls in die Höhe treibt. Die Wissenschaftler sprechen dabei von „empathischen Stress“. Die Studienergebnisse der Forscher vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig und der Technischen Universität Dresden wurden kürzlich im Fachjournal „Psychoneuroendocrinology“ veröffentlicht.

Bedeutsamer Anstieg des Stresshormons festgestellt
In ihrer Studie ließ das Forscherteam Probanden schwierige Kopfrechenaufgaben lösen und Bewerbungsgespräche absolvieren. Ihre Leistung wurde dabei von zwei vermeintlichen Verhaltensanalysten beurteilt, so dass eine Stresssituation geschaffen wurde. Wie sich zeigte, ließen sich lediglich fünf Prozent der Teilnehmer dabei nicht aus der Ruhe bringen. Alle anderen wiesen eine deutliche Erhöhung des Kortisol-Spiegels auf. Diese erste Gruppe wurde während des Experiments von weiteren Probanden beobachtet. Auch bei 26 Prozent jener Zuschauenden, die selbst keinerlei Stress ausgesetzt waren, konnte ein bedeutsamer Anstieg von Kortisol beobachtet werden.

Bei emotionaler Verbundenheit ist der Effekt besonders stark
Besonders stark war dieser Effekt, wenn Beobachter und gestresste Person eine partnerschaftliche Beziehung verband. 40 Prozent von ihnen reagierten dann auf diese Weise. Doch auch bei völlig fremden Menschen sprang der Stress immerhin noch auf zehn Prozent der Beobachter über. Demzufolge ist emotionale Verbundenheit also keine Voraussetzung für empathischen Stress. Bereits vor Jahren wurde auch beim Gähnen ein Zusammenhang zwischen emotionaler Nähe und dem Mitgähnen festgestellt. So hatten Forscher der Universität Pisa in einer Studie herausgefunden, dass das Gähnen umso ansteckender ist, je höher die emotionale Verbundenheit mit dem Gegenüber ist. Am stärksten sei dies unter Familienmitgliedern ausgeprägt gewesen, dicht gefolgt von Freunden und zuletzt bei Fremden.

Stress hat enormes Ansteckungspotential
Wenn die Zuschauer bei dem deutschen Experiment das Geschehen direkt verfolgen konnten, reagierten 30 Prozent davon gestresst. Aber selbst wenn sie diesen Stresstest nur über einen Bildschirm sahen, reichte das aus, um bei 24 Prozent der Beobachter den Kortisol-Spiegel in die Höhe zu treiben. „Das bedeutet, dass selbst Fernsehsendungen, die mich mit dem Leid anderer konfrontieren, den Stress auf mich übertragen können“, so Veronika Engert vom Max-Planck-Institut. „Stress hat ein enormes Ansteckungspotential“, meinte Engert, die zu den Erstautorinnen der Studie gehört. Daher seien besonders Menschen in Helferberufen oder Angehörige von dauergestressten Personen von den potentiell schädlichen Konsequenzen empathischen Stresses betroffen. Denn wer ständig direkt mit dem Leid und Stress anderer konfrontiert wird, der hat ein erhöhtes Risiko auch selbst darunter zu leiden.

Stress als Auslöser von verschiedenen Erkrankungen
Die Ergebnisse räumten zudem mit einem gängigen Vorurteil auf: Männer und Frauen reagierten gleich häufig mit empathischem Stress. „Auf Fragebögen schätzen Frauen sich als empathischer ein, als Männer dies tun. Bisher konnte das jedoch noch in keinem Experiment, das objektive biologische Marker verwendete, nachgewiesen werden“, so die Expertin. In weiteren Studien soll herausgefunden werden, wie Stress genau übertragen wird und was getan werden kann, um seinen negativen Einfluss auf die Gesellschaft zu verringern. Denn schließlich gilt Stress als ein möglicher Auslöser von Erkrankungen wie Depressionen oder Burnout. (sb)

Bild: Jorma Bork / pixelio.de