Entwicklungspsychologie: So lernen Kinder das Teilen

Sebastian
Ob ein Kind gerne teilt, hängt von seiner Fähigkeit ab, Gefühle anderer zu antizipieren
Warum teilen wir? Dieser Frage gingen die Entwicklungspsychologen Prof. Markus Paulus von der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) und Prof. Chris Moore von der Dalhousie University in Halifax nach. An der Bereitschaft mit anderen zu teilen, lassen sich den Forschern zufolge beispielhaft die Ursprünge und die Entwicklung des prosozialen Verhaltens bei Kindern untersuchen. Im Rahmen einer Studie fanden sie heraus, dass die Bereitschaft von Vorschulkindern zu teilen, im Wesentlichen davon abhängt, wie gut sie die Gefühle ihrer Mitmenschen antizipieren können. Die Studienergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Social Development veröffentlicht.

Kinder müssen lernen zu teilen
Die beiden Entwicklungspsychologen ließen Kindergartenkinder im Alter von drei bis sechs Jahren, einschätzen, wie es einem anderen Kind oder ihnen selbst geht, je nachdem, ob man mit ihnen teilt oder nicht. Dabei zeigte sich: Ihr Verständnis dafür, wie es sich anfühlt, leer auszugehen, ist nicht nur unterschiedlich. Je nachdem, wie ausgeprägt es ist, verhalten sie sich mehr oder weniger großzügig. „Je besser die Kinder vorhersagen konnten, dass man sich schlecht fühlt, wenn nicht mit einem geteilt wird, desto mehr waren sie in einer späteren Situation bereit, anderen etwas zukommen zu lassen“, fasst Markus Paulus das Ergebnis zusammen.

So lernen Kinder teilen. (Bild: Shmel/fotolia)
So lernen Kinder teilen. (Bild: Shmel/fotolia)

An der Studie nahmen 82 Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren teil, die in mehrere Gruppen aufgeteilt wurden. Kinder der einen Gruppe wurden einzeln von einem Versuchsleiter gebeten darüber nachzudenken, wie sie sich selbst fühlen würden, je nachdem, ob mit ihnen geteilt würde oder nicht. Eine zweite Gruppe sollte darüber nachdenken, wie es einer anderen Person in dieser Situation ginge. Danach konnten die Kinder Sticker zwischen sich und einem (nicht anwesenden) Dritten verteilen. Ihr Verhalten wurde mit einer dritten Gruppe von Kindern verglichen, die sich solche Gedanken nicht vorab machen sollten.

Fähigkeit, Gefühle des anderen zu antizipieren, entscheidet über Bereitschaft zu teilen
„Sich über die Folgen, die das Teilen für die Emotionen hat, klar zu sein, beeinflusst das Verhalten“, sagt Paulus. „Jene Kinder, die darüber nachgedacht haben, wie das Teilen Gefühle beeinflusst, waren großzügiger.“ Dabei motiviert die Kinder die mögliche Enttäuschung, leer auszugehen, mehr dazu etwas abzugeben, als die Freude, die sie damit einem anderen machen können. „Eine mögliche Erklärung hierfür könnte der so genannte „negativity bias“ sein, wonach wir von negativen Emotionen stärker beeinflusst werden als von positiven“, sagt Paulus.

Bereits ab drei Jahren verfügten die Kinder über die Fähigkeit, die Gefühle eines anderen vorwegzunehmen. Wie stark diese Fähigkeit ausgeprägt war, unterschied sich individuell in allen Altersgruppen. „Kinder in den ersten zwei bis drei Lebensjahren lernen stark über Emotionen. Studien von Kollegen belegen zum Beispiel, dass Kinder, deren Eltern häufig mit ihnen über Gefühle sprechen, Emotionen bei anderen besser antizipieren können“, sagt Paulus. Seine Studie zeige nun, wie sich die Bereitschaft von Kindern, mit anderen zu teilen, fördern lässt. „Es hilft, ihnen die negativen Gefühle aufzeigen, die ein anderer hat, wenn er leer ausgeht“, sagt Paulus.

Eltern können das Teilen mit ihren Kindern üben
Kleine Kinder sind gerade erst dabei ist, ihr „Ich“ zu entdecken. Deshalb sind sie mit dem „Du“ meist überfordert. Nichts desto trotz sollten Eltern das Teilen mit ihren Kindern frühzeitig üben. Selbst wenn die Kleinen noch nicht verstehen, warum sie von ihren Eltern zu einem bestimmten Verhalten angehalten werden, können sie dennoch bereits begreifen, dass Verhaltensweisen, wie etwa dem Spielkameraden das Auto wegzunehmen, nicht gern gesehen sind. Dem Kind beizubringen, dass es zuerst fragt, bevor es das Spielzeug in die Hand nimmt, und auch ein „Nein“ akzeptiert, ist eine Frage der Übung. (ag)