Entzugserscheinungen bei Kokain entschlüsselt

Fabian Peters

Forscher entschlüsseln die Wirkung des Kokainentzugs im Gehirn

12.09.2012

Forscher haben die Entstehung der Entzugserscheinungen nach Kokainkonsum entschlüsselt. Wissenschaftler der Washington State University fanden in Zusammenarbeit mit Forschern des Europäischen Neurowissenschaftlichen Instituts Göttingen heraus, auf welche Weise sich nach dem Konsum von Kokain Entzugserscheinungen im Gehirn entwickeln.

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Den Ergebnissen des Forscherteams um Hauptautor Bradley Winters von der Washington State University zufolge spielt der Cannabinoid-Rezeptor 1 (CB1) eine entscheidende Rolle bei der Abhängigkeit von Kokain. Wie die Wissenschaftler im Fachmagazin „Proceedings of the National Academy of Sciences“ (PNAS) berichten, hemmt CB1 die durch Kokain bedingte Hyperaktivität in dem für Emotionen wichtigen Bereich des Gehirns – dem Nucleus accumbens. Diese Wirkung des CB1 halte jedoch auch an, wenn die Wirkung der Droge bereits nachlässt. Dementsprechend sei die Aktivität im Nucleus accumbens bei Kokainentzug deutlich reduziert. Die Betroffen sind unmotiviert und depressiv, was bei ihnen den Wunsch nach einen neuerlichen Kokainkonsum auslösen kann. Die aktuellen Erkenntnisse könnten in Zukunft einen wesentlichen Beitrag zur Bekämpfung der Kokainsucht leisten, so die Hoffnung der Forscher.

Kokain verändert die Aktivität in bestimmten Gehirnregionen
Das Kokain einen maßgeblichen Einfluss auf die Aktivität in bestimmten Hirnregionen hat, ist seit langem bekannt. Die Droge führt zum Beispiel zu einer erhöhten Aktivität in einem Bereich des Vorderhirns (Nucleus accumbens), der für die Emotionen und die Motivation entscheidend ist. Die Wissenschaftler der Washington State University und des European Neuroscience Institute Göttingen untersuchten nun in Versuchen an Mäusen, welche Effekte auf molekularer Ebene durch den Kokainkonsum und -entzug im Gehirn ausgelöst werden. Im Fokus ihrer Forschung stand dabei der Cannabinoid-Rezeptor 1 (CB1), der die Kommunikation zwischen den Nervenzellen hemmt. „Obwohl die Expression von CB1 im Nucleus accumbens niedrig ist, löst eine Manipulation der CB1-Signalisierung im Zusammenhang mit einer Drogenabhängigkeit und anderen psychiatrischen Erkrankungen robuste emotionale / motivationale Veränderungen“ aus, berichten die Forscher im Fachmagazin „PNAS“.

Antriebslos und depressiv bei nachlassender Wirkung des Kokains
Durch den Konsum von Kokain beschleunigen sich die Prozesse im Nucleus accumbens und versetzen die Anwender „in einen äußerst befriedigenden emotionalen Zustand“, erläuterte Bradley Winters. In den Versuchen mit genetisch veränderten Mäusen habe Kokain auch eine erhöhte Ausschüttung des CB1 bedingt, offenbar um der Hyperaktivität im Gehirn der Genmäuse entgegenzuwirken. Dies sei „als müsse man auf die Bremse treten, während man einen steilen Hügel herabfährt“, verbildlichte Winters den Effekt. Lässt die Wirkung der Droge nach, normalisiere sich die Aktivität des CB1 jedoch nicht in gleichem Maße. Das Gehirn könne die Bremse nicht wieder loslassen, so dass die Betroffenen „jetzt einen flacheren Hügel herunterfahren, jedoch nur mit zwei Meilen pro Stunde, weil der Fuß noch auf der Bremse steht“, erklärte der US-Neurowissenschaftler in einer Pressemitteilung der Washington State University. Kokainkonsumenten fühlen sich daher bei nachlassender Wirkung der Droge antriebslos und traurig bis depressiv.

Entzugserscheinungen erhöhen das Risiko eines Rückfalls in die Kokainsucht
Die veränderte Aktivität in ihrem Nucleus accumbens wirke wie ein Hemmschuh für die Emotionen und Motivation der Süchtigen auf Entzug. Betroffene fühlen sich „schrecklich und und wollen nichts tun’", erläuterte Winters. Auf den Höhenflug folge der Absturz und dieses Gefühl des Absturzes bringe die Kokain-Konsumenten „zurück auf die Droge, weil Sie sich wieder besser fühlen möchten und die Droge das einzige ist, für das sie noch Motivation empfinden“, so der US-Forscher weiter. Auf Basis der aktuellen Erkenntnisse lassen sich möglicherweise jedoch Methoden entwickeln, "die den Effekt des emotionalen Absturzes begrenzen und somit die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls reduzieren". (fp)