Epidemie: Wie Lepra das Erbgut aller Europäer nachhaltig veränderte

Volker Blasek

Altes Erbgut bietet neue Erkenntnisse über Entzündungskrankheiten

Im mittelalterlichem Europa war die Lepra bis ins 16. Jahrhundert hinein stark verbreitet und sorgte für regelrechte Epidemien. Im Laufe des 16. Jahrhunderts verschwand die ansteckende Infektionskrankheit fast gänzlich aus Europa. Zu diesem Zeitpunkt gab es noch keine Antibiotika, die heute zur Behandlung dieser Erkrankung eingesetzt werden. Eine internationale Forschungsgruppe untersuchte in der weltweit ersten Studie dieser Art Knochen von Leprakranken aus dem 12. und 13. Jahrhundert. Die Erkenntnisse aus diesen Arbeiten sollen auch Rückschlüsse auf heutige Entzündungskrankheiten ermöglichen.


Offenbar führte eine Anpassung im Genom von Europäerinnen und Europäern dazu, dass sich die Krankheit nicht weiter ausgebreitet hat. Den Wissenschaftlern um Professor Ben Krause-Kyora vom Institut für Klinische Molekularbiologie (IKMB) der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) zufolge, machte ein bestimmtes Gen die Menschen anfälliger für die Lepra. Durch die konsequente Isolierung der Kranken vom Rest der Bevölkerung wurde dieses Gen zunehmend weniger weitergegeben und verschwand schließlich weitestgehend und damit auch die Lepra. Die Forschungsergebnisse wurden kürzlich in dem renommierten Fachjournal „Nature Communications“ publiziert.

Lepra ist auch heute noch vor allem in Brasilien, Indien und Indonesien verbreitet. (Bild: pepe/fotolia.com)

Lepra heute

Die Mittelalterkrankheit ist noch lange nicht überwunden. Nach Angaben des IKMB erkranken immer noch weltweit über 200.000 Menschen jährlich an dieser Infektionskrankheit. Zu den Risikogebieten zählen Brasilien, Indien und Indonesien. Heute ist Lepra mit Antibiotika jedoch gut heilbar. Die Weltgesundheitsorganisation WHO berichtet, dass eine Lepra-Erkrankung mit wenigen Erregern (paucibazillärer Lepra) durch eine sechsmonatige Behandlung mit bestimmten Antibiotika geheilt werden kann. Sind viele Erreger vorhanden (multibazilläre Lepra) ist eine Antibiotika-Therapie über einen Zeitraum von zwei Jahren erforderlich.

Genomveränderung durch Isolation

Die Forscher berichten, dass Betroffene im europäischen Mittelalter bei größeren Ausbrüchen in Pflegeeinrichtungen isoliert und auf separaten Friedhöfen begraben wurden. Durch die Isolierung und aufgrund der Tatsache, dass Leprakranke keine Nachkommen bekommen konnten, gaben die Erkrankten einen bestimmten Risikofaktor nicht weiter. „Die Anpassung des Menschen an dieses Bakterium über Jahrhunderte könnte dazu geführt haben, dass die Krankheit langsam verschwand“, berichtet Studienleiter Krause-Kyora in einer Pressemitteilung zu den Studienergebnissen. Dies spreche dafür, dass die Lepra und auch andere Epidemien der Vergangenheit die heutige Zusammensetzung unseres Genoms nachhaltig beeinflusst haben.

Dänische Knochen

Für ihre Analysen verwendeten die Wissenschaftler die Knochen von 85 besonders schwerwiegenden Lepra-Fällen aus dem 12. und 13. Jahrhundert, die aus Odense in Dänemark stammen. Als Kontrollgruppe dienten Proben von 223 mittelalterlichen dänischen und norddeutschen Skeletten, die keine Spuren von Lepra zeigten. Aus diesen Analysen ging hervor, dass eine bestimmte Genvariante (HLA- DRB1) mit einer erhöhten Anfälligkeit für Lepra verbunden ist.

Rückschlüsse auf die heutige Medizin

Laut den Wissenschaftlern sorgt die HLA-Genvariante auch heute noch für ein erhöhtes Auftreten von Entzündungskrankheiten wie der Sarkoidose, der chronisch entzündlichen Darmerkrankung Colitis ulcerosa, Multiple Sklerose oder auch Typ 1 Diabetes. Gewöhnlich sorgen Antigene für die Erkennung von Bakterien und lösen eine gezielte Immunreaktion des Körpers aus. Im Falle der identifizierten HLA-Variante gelinge diese Aufgabe insbesondere beim Leprabakterium mangelhaft. Somit komme es möglicherweise zu einer weniger erfolgreichen Immunreaktion.

Wechselwirkungen zwischen Krankheitserregern und Mensch

„Die Erforschung von historischen Krankheitsursachen ist entscheidend, um die Wechselwirkungen zwischen Krankheitserregern und Mensch, und die daraus resultierenden Veränderungen in unserem Genom über die Zeit, zu verstehen“, resümiert Krause-Kyora. Das Team plant bereits neue Forschungsarbeiten zu weiteren Erkrankungen des Mittelalters in verschiedenen Bevölkerungsgruppen, um zu verfolgen, wie sich das Erbgut von Europäerinnen und Europäern verändert hat. (vb)