Ergebnis nach 20 Jahren Forschung: Auslöser fauliger Körpergerüche bestimmt

Alfred Domke

Nach 20 Jahren: Ursache für fauligen Körpergeruch entdeckt

Wissenschaftler haben nach 20 Jahren Forschung entdeckt, warum zwei Geschwister unter kohlartigem Körpergeruch leiden. Die Ursache könnte Zehntausende Menschen betreffen. Die Experten hoffen nun, eine medikamentöse Therapie entwickeln zu können.


Forscher entschlüsseln nach 20 Jahren Ursache für kohlartigen Körpergeruch

Dass sich bei sommerlichen Temperaturen heftiger Schweißgeruch entwickelt, oder dass man nach dem Verzehr von bestimmten Lebensmitteln an Mundgeruch leidet, ist wahrlich nicht ungewöhnlich. Doch manche Menschen verströmen einen unangenehmen Körpergeruch, obwohl sie weder übermäßig Schwitzen noch sich nur von Knoblauch, Zwiebeln und Co. ernähren. Auch zwei Geschwistern ergeht dies so. Sie leiden unter kohlartigem Körpergeruch – und lange wusste niemand, warum. Vor 20 Jahren wendete sich die Familie ans Universitätsklinikum Freiburg. Nun haben die Forscher die Ursache entschlüsselt.

Vor 20 Jahren wendeten sich zwei Geschwister, die seit ihrer Geburt an kohlartigem Körpergeruch leiden, an eine Klinik. Nun haben die Forscher die Ursache für den unangenehmen Geruch entschlüsselt. (Bild: glisic_albina/fotolia.com)

Geschwister leiden seit der Geburt an einem faulig-schwefeligen Körpergeruch

Faulig-schwefeligen Körpergeruch begleiten einen Jungen und seine jüngere Schwester schon seit ihrer Geburt, berichtet das Universitätsklinikum Freiburg in einer aktuellen Mitteilung.

Deshalb wendete sich die Familie vor rund 20 Jahren an die Stoffwechselambulanz der Klinik für Allgemeine Kinder- und Jugendmedizin des Universitätsklinikums Freiburg.

Professor Dr. Karl Otfried Schwab, damals Leiter der Sprechstunden für Stoffwechsel-, Hormon- und Zuckererkrankungen an dieser Klinik, untersuchte die Kinder ausführlich.

Zusammen mit Prof. Dr. Jörn Oliver Sass, damals Leiter des Stoffwechsellabors des Universitätsklinikums Freiburg und heute Professor an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, schloss er alle bis dato bekannten Ursachen für einen unangenehmen Körpergeruch aus.

Erst jetzt, gut 20 Jahre später, haben sie gemeinsam mit weiteren Kollegen aus Europa und den USA eine Ursache für den Körpergeruch identifiziert.

Über 80.000 Menschen könnten davon weltweit betroffen sein. Die Ergebnisse wurden kürzlich in der Fachzeitschrift „Nature Genetics“ veröffentlicht.

Bei anhaltendem Mundgeruch zum Zahnarzt

Unangenehmer Atemgeruch im Mund entsteht in mehr als 90 Prozent der Fälle durch bakterielle Zersetzungs- oder Entzündungsprozesse.

Mit Hilfe umfassender Mundhygiene lässt sich Mundgeruch meist vermeiden. Auch Hausmittel wie Salbeitee können oft dazu beitragen, das Problem in den Griff zu bekommen.

„Wenn der Zahnarzt nicht fündig wird, sollten Betroffene Stoffwechselexperten aufsuchen. Denn hinter Mund- und Körpergeruch können auch Stoffwechselkrankheiten stecken“, so Professor Schwab.

Wenn der Stoffwechsel gestört ist, können oft bestimmte Moleküle nicht richtig abgebaut werden und sammeln sich im Körper an. Über Atemluft, Schweiß, Speichel und Harn gelangen diese Stoffe nach außen und verbreiten einen unangenehmen Geruch.

Kohlartiger Körpergeruch hat genetische Ursache

Im Fall der beiden Geschwister, die sich an das Universitätsklinikum Freiburg wandten, riecht der Atem stark schwefelig nach Kohl.

Die Forscher der Klinik stellten einen Kontakt zu Professor Dr. Ron Wevers und Dr. Albert Tangerman im niederländischen Nijmegen her, die in der Ausatemluft sowie in Urin- und Blutproben erhöhte Konzentrationen von Methanthiol und Dimethylsulfid ausfindig machten.

Die Ursache des Abbaudefekts von Methanthiol war zu diesem Zeitpunkt aber völlig unklar.

Darum wurde am Universitätsklinikum Freiburg eine umfangreiche vergleichende Genstudie in der Familie der Betroffenen durch Professor Dr. Heymut Omran, heute am Universitätsklinikum Münster, durchgeführt.

Die Wissenschaftler fanden einen Erbgut-Abschnitt, auf dem sie den Fehler im Erbgut vermuteten. Allerdings ließen sich dort keine bekannten menschlichen Proteine identifizieren, die eine Hemmung des Abbaus von Methanthiol hätten erklären können.

Weltweit möglicherweise über 80.000 Menschen betroffen

Einen wesentlichen Beitrag lieferte viele Jahre später ein Bakterienforscher in Nijmegen. Er zeigte zum ersten Mal, wie Methanthiol durch eine Oxidase abgebaut werden kann – in Bakterien.

Beim Vergleich von bakteriellem und menschlichem Erbgut fanden die Forscher schließlich das Protein, das die Stoffe im Körper abbaut.

Alle Betroffenen einer holländischen, einer portugiesischen und der Freiburger Familie hatten ihre Erbgutveränderungen genau in diesem menschlichen Protein SELENBP1.

„Die Funktion von SELENBP1 könnte möglicherweise darin bestehen, die Atemluft-Methanthiol-Konzentration niedrig zu halten, so dass die menschliche Nase faule Gerüche von flüchtigen Schwefelverbindungen in der Umwelt erkennen kann“, erläuterten die Forscher laut einem Bericht von „Newsweek“.

„Bei den Freiburger Geschwistern und weiteren Betroffenen war dieses Protein nicht oder fast nicht funktionsfähig. Deshalb sammelten sich die schwelfelhaltigen Stoffe im Körper an und führten zu dem unangenehmen Geruch“, erklärte Professor Schwab.

Die Forscher gehen davon aus, dass etwa einer von 90.000 Menschen weltweit den Erbdefekt in sich trägt. Das entspräche mehr als 80.000 Betroffenen weltweit. Weshalb die Krankheit bislang erst bei fünf Menschen festgestellt wurde, kann unterschiedliche Gründe haben.

Ernährungsumstellung kann helfen

„Vielleicht gibt es weitere Abbauwege für diese Schwefelstoffe, die wir bisher nicht kennen. Manche Betroffene benutzen Sprays und Parfüms und überdecken damit den Geruch, sie wissen gar nicht, dass sie an einer Krankheit leiden“, sagte Professor Schwab.

Ob der Erbdefekt negative Auswirkungen auf die Entwicklung betroffener Kinder hat, ist derzeit unklar ebenso wie die Rolle des Proteins SELENBP1 bei der Tumorentstehung und bei chronischen Entzündungsprozessen.

Bislang können Betroffene die unangenehmen Symptome durch eine Ernährungsumstellung in den Griff kriegen. „Wir hoffen natürlich, dass unsere Forschung dazu beiträgt, auch irgendwann eine medikamentöse Therapie zu entwickeln. Aber das ist noch ein langer Weg“, so Professor Schwab. (ad)