Ermittlungen in Münster wegen Organspende-Skandal

Alfred Domke

Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Transplantationschef: Ermittlungen in Münster wegen Organspende-Skandal

29.09.2013

Nun ermittelt auch die Staatsanwaltschaft in Münster wegen Manipulationen bei Lebertransplantationen. Noch bestehe nur ein Anfangsverdacht und es ist unklar, ob es zu einer Anklage kommt.

Unklar ob es zu einer Anklage kommt
Wie jetzt bekannt wurde, ermittelt nun auch die Staatsanwaltschaft in Münster wegen Manipulationen bei Lebertransplantationen. Oberstaatsanwalt Heribert Beck sagte der Süddeutschen Zeitung (SZ) gegenüber, dass sich ein Anfangsverdacht ergeben habe, der die Einleitung von Ermittlungen erforderlich mache. Die Ärzte hätten möglicherweise unnötige Dialysen vorgenommen, nur um die Patienten möglichst krank erscheinen zu lassen. Als formal Verantwortlichem werde zunächst gegen den Leiter der Transplantationsmedizin in Münster ermittelt. Beck erklärte laut SZ, dass es sich erst in einigen Monaten entscheiden werde, ob es gegen ihn oder andere Ärzte zur Anklage kommt.

Anklage in Göttingen wegen Todesfällen
Der Bericht der bei der Bundesärztekammer angesiedelten Prüfungs- und Überwachungskommission zu den 24 deutschen Lebertransplantationszentren hatte Anfang September systematische Verstöße gegen die Richtlinien auch am Universitätsklinikum Münster aufgezeigt. Bei der Staatsanwaltschaft war bereits zuvor eine anonyme Anzeige diesbezüglich eingegangen. In Regensburg, Leipzig und München ermitteln ebenfalls die Staatsanwaltschaften. Und in Göttingen steht derzeit der ehemalige Leiter der Transplantationschirurgie vor Gericht. Ihm wird wird versuchter Totschlag in elf Fällen, sowie Körperverletzung mit Todesfolge bei drei weiteren Patienten vorgeworfen. Er solle Gesundheitsdaten von Patienten so manipuliert haben, dass ihnen vorzeitig eine Spenderleber zugeteilt wurde. Durch diese Manipulationen seien sie kränker erschienen, als sie tatsächlich waren und seien somit auf der Warteliste der potentiellen Empfänger nach oben gerückt. Laut Staatsanwälten sei davon auszugehen, dass „andere Patienten, die lebensbedrohlicher erkrankt waren als die von dem Angeschuldigten gemeldeten, kein Spenderorgan erhielten und möglicherweise aus diesem Grunde verstarben.“

Richtlinien in Münster nicht eingehalten
Die unabhängige Prüfkommission von Ärzten, Krankenhäusern und Kassen hatte nach Angaben der Bundesärztekammer die Krankenakten von insgesamt 1.180 Patienten kontrolliert, die 2010 und 2011 nach dem Tod gespendete Lebern erhalten hatten. Laut dem Bericht der PÜK erhielten in Münster drei alkoholkranke Patienten, die noch nicht die erforderlichen sechs Monate trocken waren, in den Jahren 2010 und 2011 eine Spenderleber. Außerdem seien in weiteren acht Fällen Patienten mit Leberkrebs ein Spenderorgan transplantiert worden, obwohl die Richtlinien nicht eingehalten worden seien. Weitere Verstöße hätten sich aus Falschangaben zur Dialysepflicht ergeben. So hätten Ärzte angegeben eine Dialyse durchgeführt zu haben, obwohl dies nicht der Fall war und manche Patienten seien dialysiert worden, obwohl dafür keine medizinische Notwendigkeit bestanden hätte.

Klinik bestreitet Vorwürfe
Die Patienten seien durch die Angabe der Dialyse auf dem Papier erheblicher kränker erschienen, als sie wirklich waren, denn die Notwendigkeit einer Blutwäsche bedeute, dass der Patient auch nierenkrank sei. Dadurch erhalten solche Patienten einen Vorteil auf der Warteliste und schneller ein Spenderorgan zugeteilt. Der PÜK gegenüber hatte eine Mitarbeiterin der Klinik in Münster bei der Prüfung erklärt, dass sie bei der Meldung der Patienten für die Warteliste unter bestimmten Umständen immer eine Dialyse angegeben habe, weil nur das Punkte bringe. Die Klinik bestreitet die Vorwürfe und äußert in einer Stellungnahme: „Wir weisen die Feststellung, es sei am Universitätsklinikum Münster zu ’systematischen Richtlinienverstößen‘ gekommen, mit Nachdruck zurück.“ Dies „suggeriert ein methodisches und planvolles Vorgehen im Wissen und in der Absicht, einschlägige Vorschriften bewusst zu verletzen.“ Die Richtlinien seien am Klinikum nur anders ausgelegt worden und man habe gedacht, sich richtlinienkonform zu verhalten, heißt es weiter.

Spenderzahlen drastisch eingebrochen
Die Spenderzahlen waren infolge der Skandale in Deutschland dramatisch eingebrochen, bestätigte auch der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Urologie (DGU), Professor Oliver Hakenberg, am Donnerstag in Dresden auf der DGU-Jahrestagung. So sei die Organspende um fast ein Viertel eingebrochen. Das Vertrauen in die Transplantationsmedizin sei insgesamt erschüttert worden. Fatal sei dies auch für Nierenpatienten, erklärte Hakenberg, denn derzeit warten etwa 8.500 Patienten, die regelmäßig zur Blutwäsche müssen, auf eine Nierenspende. Davon seien fünf Prozent Kinder. Am Donnerstag hatte außerdem der Ethikrat über das deutsche Verteilungssystem von Organen diskutiert. Von einigen Mitgliedern wird jetzt eine Änderung des Transplantationsgesetzes gefordert. (ad)

Bild: Lothar Wandtner / pixelio.de