Trendwende: ADHS-Medikamente werden immer weniger verordnet

Fabian Peters
Einsatz von Methylphenidat um fünf Prozent zurückgegangen
Über Jahre hinweg war ein deutlicher Anstieg bei der Verschreibung von ADHS-Medikamenten zu beobachten, doch seit 2012 ist hier den Zahlen des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) zufolge offenbar eine Trendwende eingetreten. Im Jahr 2014 ging der Verbrauch von Methylphenidat, vor allem bekannt unter dem Handelsnamen „Ritalin“, in Deutschland erneut zurück.

Arzneimittel mit dem Wirkstoff Methylphenidat werden zur Behandlung von Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) eingesetzt, wobei zwischenzeitig jedoch ein äußerst bedenklicher Anstieg der Verschreibungen festzustellen war. „Von 2002 bis 2012 hatte sich der Verbrauch verdreifacht“, so die Mitteilung des BfArM.. Im Jahr 2009 erfolgte angesichts der stark angestiegenen Verordnungszahlen ein europäisches Risikobewertungsverfahren in dem die Anwendungsbedingungen neu definiert wurden. Seither „dürfen Arzneimittel zur Behandlung der ADHS bei Kindern und Jugendlichen nur von Spezialisten für Verhaltensstörungen verordnet und unter deren Aufsicht angewendet werden“, berichtet das BfArM. Zudem seien bei der Diagnosestellung medizinische und psychologische Aspekte sowie das soziale und das schulische Umfeld zu berücksichtigen. Die neuen Vorgaben führten im Jahr 2013 erstmals zu einem Absinken der Anwendung.

Ritalin-ADHS

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„Nach dem Höchststand von 1839 Kilogramm im Jahr 2012 war der Verbrauch 2013 erstmals nach 20 Jahren um knapp zwei Prozent auf 1803 Kilogramm gesunken“, berichtet das BfArM. Im Jahr 2014 sei der Verbrauch erneut zurückgegangen und mit 1716 Kilogramm wurden rund fünf Prozent weniger verbraucht als im Vorjahr. „Der erneute Rückgang zeigt, dass wir mit den geänderten Anwendungsbedingungen für Methylphenidat auf dem richtigen Weg sind“, erläutert der Präsident des BfArM, Professor Dr. Karl Broich. Der drastische Anstieg bei den Verschreibungen von ADHS-Arzneien wurde vor allem wegen der zahlreichen möglichen Nebenwirkungen wie Appetitlosigkeit, Schlafstörungen, Angstgefühlen, dem Risiko einer Depression, Wachstumsstörungen, Herzrasen und anderen Beeinträchtigungen des Herz-Kreislaufsystems zunehmend kritisch bewertet. Auch schürte „der deutliche Anstieg der ADHS-Diagnosen den Verdacht, dass hier oftmals zu schnell eine Diagnose ausgesprochen wird, zum Beispiel bei früh eingeschulten, etwas unreiferen Kindern. Kritiker bemängelten zudem, dass andere Behandlungsmöglichkeiten zu wenig ausgeschöpft würden und stattdessen frühzeitig Ritalin Anwendung finde.“

Einsatz der ADHS-Medikamente weiterhin kritisch überwachen
Trotz des erneuten Rückgangs braucht „der Umgang mit Methylphenidat auch weiterhin besonderes Augenmaß, damit Patientinnen und Patienten von einer gezielten Therapie profitieren und zugleich vor unkritischer Überversorgung geschützt werden“, so Professor Boich. Der rückläufige Methylphenidat-Verbrauch sei aus Sicht des BfArM zu begrüßen. Da die Symptome wie das impulsive, unüberlegte Handeln, die fehlende Konzentrationsfähigkeit und die emotionale Instabilität eine erhebliche Belastung darstellen können, muss nach Auffassung des BfArM jedoch sichergestellt bleiben, „dass Patientinnen und Patienten, bei denen nicht medikamentöse Maßnahmen keinen ausreichenden Behandlungserfolg zeigen und die von einer Behandlung mit Methylphenidat profitieren, der Zugang zu dieser Behandlungsoption ermöglicht wird.“ (fp)

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Bildnachweis: Alexander Altmann  / pixelio.de