Erstmals Kopftransplantation geplant: Kopf soll auf gespendeten Körper transplantiert werden

Ein schwerbehinderter russischer Mann soll im kommenden Jahr einen neuen Körper bekommen. Es ist geplant, seinen Kopf auf den Körper eines Hirntoten zu transplantieren. (Bild: Kadmy/fotolia.com)
Alfred Domke
Riskante OP geplant: Italienischer Arzt will Kopf von Russen transplantieren
Die Not eines russischen Patienten ist so groß, dass dieser ein riskanten Operation zustimmte. Ein Chirurg aus Italien will den Kopf eines schwerkranken Mannes auf ein „Spender-Körper“ transplantieren. Ganz so abwegig ist diese Idee nicht, wie auch andere Mediziner bestätigen. Allerdings warnen sie dennoch vor den fatalen Folgen, die hierdurch entstehen können.

Fortschritte in der Transplantationsmedizin
Die Transplantationsmedizin hat in den vergangenen Jahren enorme Fortschritte gemacht. So werden etwa seit 2010 immer wieder erfolgreiche Gesichtstransplantationen vorgenommen. Letztes Jahr ist Medizinern die sensationelle Transplantation einer Schädeldecke gelungen. In den USA wurde vor kurzem die erste Penis-Verpflanzung durchgeführt und in Deutschland ist erstmals eine Gebärmutter-Transplantation geplant.

Noch aufsehenerregender sind allerdings die Pläne eines italienischen Chirurgen: Er will erstmals einen menschlichen Kopf transplantieren.

Ein schwerbehinderter russischer Mann soll im kommenden Jahr einen neuen Körper bekommen. Es ist geplant, seinen Kopf auf den Körper eines Hirntoten zu transplantieren. (Bild: Kadmy/fotolia.com)
Ein schwerbehinderter russischer Mann soll im kommenden Jahr einen neuen Körper bekommen. Es ist geplant, seinen Kopf auf den Körper eines Hirntoten zu transplantieren. (Bild: Kadmy/fotolia.com)

Menschlicher Kopf soll transplantiert werden
Die Meldung erinnert ein bißchen an den berühmten Film „Frankenstein“, in dem ein Forscher aus mehreren Leichenteilen ein neues Wesen erschafft: Der italienische Neurochirurg Prof. Sergio Canavero plant für 2017, erstmals einen menschlichen Kopf zu transplantieren.

Seinen Plänen zufolge solle der Kopf eines kranken Patienten bei dem weltweit erstmals durchgeführten Eingriff abgetrennt und auf den gesunden Körper eines Hirntoten gesetzt werden. Bereits im vergangenen Jahr sagte Canavero gegenüber dem Wissenschaftsmagazin „New Scientist“: „Ich denke, wir sind jetzt an dem Punkt, dass alle technischen Aspekte machbar sind.“

Patient mit seltenem Gendefekt
Als Freiwilliger für das Vorhaben fand sich der 31-jährige russische Programmierer Waleri Spiridonow. Laut einem Bericht von „Spiegel Online“ leidet der Russe unter Spinaler Muskelatrophie, einem seltenen Gendefekt, der Muskeln schrumpfen lässt und für Bewegungen zuständige Nerven zerstört. Spiridonow sitzt im Rollstuhl, den er mit einem Joystick bewegt. Er weiß nicht, wie viel Lebenszeit ihm noch bleibt.

Versuche mit Tieren
In der Vergangenheit gab es bereits mehrere ähnliche Versuche an Tieren. So erschuf etwa der russische Mediziner Vladimir Demikhov in den 1950er-Jahren einen zweiköpfigen Hund. Und Professor Robert White vom Metro Health Medical Center in Cleveland in Ohio transplantierte 1970 einen Affenkopf. Die Versuchstiere lebten allerdings nach den Eingriffen in der Regel nur wenige Tage.

2013 war es dem Chinesen Ren Xiaoping gelungen, einen Mäusekopf zu transplantieren. Er erklärte, dass das Experiment von Canavero auf seinem Grundlagenwissen aufbaue. „Vergangenes Jahr hat er mich kontaktiert und um Rat für die Operation gefragt“, sagte der Forscher der chinesischen „Volkszeitung“.

Affe musste eingeschläfert werden
Laut „Spiegel Online“ berichtete Canavero Anfang 2016, Ren Xiaoping habe einem Rhesusaffen einen fremden Körper transplantiert. Die beiden Mediziner wollen Spiridonow gemeinsam operieren. Canavero zufolge gelang es dem chinesischen Chirurgen zwar, die Blutversorgung zwischen den Körperteilen so schnell wieder herzustellen, dass das Hirn des Affen keinen Schaden durch Sauerstoffmangel nahm.

Allerdings konnte der Affe seinen Körper nach der Operation nicht bewegen. Er musste nach 20 Stunden eingeschläfert werden. Da die Studie bislang nicht publiziert wurde, zweifeln Kritiker an der Seriosität der Informationen.

Kritiker waren vor der Operation
Zwar meinen Fachleute, Canavero und Ren werden die Abstoßungsreaktionen ganz gut mit Medikamenten in den Griff bekommen, doch sie bezweifeln, dass es möglich sein wird, den Kopf ohne Hirnschäden zu verpflanzen. So sagte etwa der Sekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurochirurgie, Veit Braun, gegenüber dem Nachrichtenmagazin „Spiegel Online“ : „Ich gehe davon aus, dass es zu einem Schlaganfall kommt.“

Die größte Hürde besteht wohl darin, die durchtrennten Nervenfasern im Rückenmark des Patienten wieder zu verbinden. Canavero gab an, er könne die Verletzungen reparieren, wenn er die Schäden an den Nerven durch einen geraden, scharfen Schnitt möglichst gering hält.

Die Lücke zwischen den Fasern will er mit der Chemikalie Polyethylenglykol (PEG) füllen. Diese Methode hatte in einem Versuch die Nervenfasern querschnittsgelähmter Ratten wieder zum Wachsen angeregt. Sie konnten sich anschließend zwar besser bewegen als zuvor, zusammengewachsen sind ihre Nervenfasern jedoch nicht.

„Was Canavero da vorhat, geht schief, das habe ich ihm auch so gesagt“, erklärte Hans Werner Müller vom Molecular Neurobiology Laboratory der Universität Düsseldorf, der die PEG-Studie geleitet hat, gegenüber dem Magazin.

Lebender Kopf der keine Kontrolle über den Körper hat
Da Canavero zudem plant, die Wirbelsäule an einem sehr hohen Punkt zu durchtrennen, würde er damit die Kontrolle des Hirns über die Atmung abschneiden. „Wenn technisch gesehen alles gut geht, hat man am Ende einen lebenden Kopf, der keine Kontrolle über seinen Körper hat“, so Braun.

Canavero und Ren veröffentlichten Anfang 2016 einen Brief im Fachmagazin „Surgical Neurology International“, in dem sie Kritikern vorwerfen, über das Vorhaben zu urteilen, ohne richtig Bescheid zu wissen. Wie das Nachrichtenmagazin abschließend schreibt, wird es unmöglich sein, die Operation durchzuführen, solange es den Forschern nicht gelingt, die Fachgemeinschaft mit Fakten zu überzeugen.

Doch Canavero ist von seiner Idee überzeugt. „Wenn die Leute in den USA oder in Europa es nicht machen wollen, heißt das nicht, dass es nicht irgendwo anders gemacht werden kann“, so der Chirurg. (ad)

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