Es gibt keine Schizophrenie? Angesehener Psychiater stellt Diagnose in Frage

Dr. Utz Anhalt
Diagnose Schizophrenie: gibt es sie überhaupt?
Jim van Os, Psychiatrieprofessor in Utrecht, stellt in Frage, ob es Schizophrenie, wie sie in den psychiatrischen Lehrbüchern steht, überhaupt gibt.

Keine gespaltene Persönlichkeit
Laut van Os entstand die Vorstellung von Schizophrenie als gespaltener Persönlichkeit im Sinne der Geschichte von Dr. Jekyll and Mr. Hyde. Heute hätte die Krankheit in der Allgemeinsprache immer noch diese Bedeutung, nicht aber in der Wissenschaft.

Schizophrenie gilt als chronische Störung des Gehirns. Der Psychiater van Os hält das nicht für haltbar. Ihm zufolge ist Diagnose keine eigenständige Krankheit.(Bild: psdesign1/fotolia.com)

Wissenschaftliche Definition
Die wissenschaftliche Psychiatrie betrachte Schizophrenie als chronische Hirnerkrankung. Symptome seien Halluzinationen und Wahn, auch desorganisiertes Denken und Motivationsverlust.

Vernichtende Diagnose
Van Os sagt: „Schizophrenie ist eine vernichtende Diagnose, die zu einem „ausgebrannten Schizophrenen“ führen kann, einem Patienten, der keine Hoffnung mehr hat und sich selbst aufgibt.“

Psychoseanfälligkeit
Van Os nennt diese Symptome hingegen Psychoseanfälligkeit. Er sagt: „Genetische und epidemiologische Forschung hat hunderte, ja tausende Risikogene identifiziert. Je mehr jemand davon hat, desto größer das Risiko für die Störung. Ausschlaggebend sind aber oft traumatische Erfahrungen oder Rückschläge im Leben. Doch auch so etwas wie die Immigration in ein anderes Land kann eine Rolle spielen.“

Hilfsbedürfnis
Die entscheidende Frage bei einer Psychose sei: „Hat jemand ein Hilfsbedürfnis? Findet er oder sie nicht mehr aus den psychischen Problemen heraus? Kann die Person noch arbeiten und Beziehungen zu anderen aufrechterhalten?“

Jeder ist anfällig
Circa 15 % aller Jugendlichen und jungen Erwachsenen würden mindestens einmal Stimmen hören oder an Paranoia leiden. Bei 80 % von ihnen würden diese Symptome verschwinden.

Wenige schaffen es nicht allein
Wir gehen davon aus, dass bei ca. 3,5% der Menschen die Probleme mindestens einmal im Leben so stark werden, dass ein Hilfsbedürfnis entsteht.

Sinngebung
Van Os sagt: „Jemand muss neue Ziele finden, sich selbst neu erfinden, eine neue Geschichte von sich selbst schreiben. Die eigene Kraft ist dafür von zentraler Bedeutung, wie kann er oder sie das Leben trotz der vielleicht bleibenden Anfälligkeit und Einschränkungen als sinnvoll erfahren? Das nennen wir „Sinngebung“.“

Seelsorge statt Vernichtung
Für van Os sind die wesentlichen Elemente der Heilung psychischer Probleme „Verbundenheit, Hoffnung, Optimismus, die Identität als Person – und nicht als Diagnosekategorie -, Kontrolle über das eigene Leben, Empowerment und Sinnhaftigkeit.“

Chronisch heißt für immer
Bekäme jemand eine chronische Hirnerkrankung diagnostiziert, suggeriere ihm das, es würde nie besser.

Nur das äußerste Ende
Schizophrenie sieht van Os lediglich als Extrem einer Anfälligkeit für Psychosen.

Keine wissenschaftliche Grundlage
Es gibt, laut van Os keine wissenschaftliche Grundlage dafür, eine eigene Krankheit „Schizophrenie“ zu diagnostizieren.

Nicht kaputt machen
Van Os sagt: „Ihr dürft die Patienten nicht mit so einer schlimmen Diagnose kaputtmachen! Ihr Standpunkt widerspricht allen Evidenzen.“

Hoffnung ist gerechtfertigt
Hoffnung ist wesentlich für Heilung, so Van Os: „Hoffnung und Optimismus sind gerechtfertigt. Der Ausweg aus einer Psychose kann sehr unterschiedlich verlaufen, aber selbst mit einer sehr schweren Form kann man lernen zu leben.“

Psychiater in Deutschland gegen die Diagnose Schizophrenie
Ich habe schon auf Kongressen Psychiaterinnen und Psychiater befragt, ob wir die Diagnose abschaffen müssen. Interessanterweise ist das Ergebnis in Europa, auch in den Niederlanden und in Deutschland, 50:50. In den USA halten demgegenüber 95% daran fest.

Eine banale Herleitung nicht möglich
Laut van Os hat die Hirnforschung nicht die Definitionsmacht über psychische Probleme: „Natürlich ist das Gehirn für unser Denken, Fühlen und Handeln notwendig. Aber so eine kausale Herleitung für so etwas wie Angst, Traurigkeit oder eine Wahnvorstellung, so wie das bei der Lähmung in der Neurologie funktioniert, geht einfach nicht.“

Nicht vorschnell Etikett aufdrücken
Der Psychiater rät: „Lassen Sie sich nicht vorschnell durch eine Psychiaterin oder einen Psychiater ein Etikett aufdrücken, sondern suchen Sie Kontakt mit jemandem, der solche Probleme bereits durchgemacht und überstanden hat. Dafür gibt es auch online Netzwerke.“

Netzwerke anzapfen
Zweitens und drittes sei wichtig: „Suchen Sie sich zweitens Hilfe eines Netzwerks für psychische Gesundheitssorge in Ihrer Umgebung, bei dem die persönliche Genesung und die psychische Widerstandskraft im Zentrum stehen. Beziehen Sie drittens Ihre Eltern, Familie und Freunde mit ein. Sie brauchen sich nicht zu schämen oder zu verstecken.“

Selbst organisieren
Wenn Sie medizinische Hilfe einschalteten, sollten Sie das so gut wie möglich selbst organisieren, so van Os.

Psychotherapie
Eine Psychotherapie könne ebenfalls helfen, besonders bei dem Drittel der Patienten, wo ein Trauma die Ursache der Probleme ist.

Das Problem umarmen
Van Os rät: „Lernen Sie Ihr Problem kennen, verdrängen Sie es nicht, umarmen Sie es, akzeptieren Sie es, fragen Sie sich, was Sie damit anfangen. Passen Sie auf, dass Sie in keine Depression verfallen, dass Sie Ihr persönliches und soziales Netzwerk nicht verlieren.“

Jeder vierte leidet an psychischer Störung
Die psychische Gesundheitsfürsorge kann in den meisten Ländern rund vier bis fünf Prozent der Bevölkerung behandeln. In der Bevölkerung leidet aber jährlich rund ein Viertel an einer psychischen Störung. Das Problem ist zurzeit vor allem, dass die Dienstleister im medizinischen Bereich Gewinne erzielen wollen und alles messbar sein muss.

Leichte Störungen überbehandelt
Van Os sagt: „Das heißt in der Praxis, dass diese Dienstleister sich die Personen mit einer leichten Störung herauspicken, weil deren Symptome gut behandelt werden können. Bei solchen Patientinnen und Patienten haben wir daher eine Überbehandlung.“

Schwere Störungen unterbehandelt
Jedoch blieben die schweren Fälle unterbehandelt. Die aber bräuchten am dringendsten Hilfe.

Öffentliche psychische Gesundheitsfürsorge
Der Psychiater fordert eine öffentliche psychische Gesundheitsvorsorge für leichte psychische Probleme.

Gesundheitsmodell
Van Os möchte die Menschen besser über psychische Gesundheit aufklären, um Prävention in einem frühen Stadium zu ermöglichen und mehr Freiraum für die schweren Fälle zu haben.

Harte Biologie bringt Geld
Van Os sagt: „Die angesehenen wissenschaftlichen Zeitschriften belohnen biologische Forschung. Diese Zeitschriften haben Einfluss und Einfluss bringt Geld. Einfluss kriegt man vor allem durch harte Biologie.“

Industrie will Geld verdienen
Die Industrie will, so Van Os, biologische Behandlungen, da sich damit Geld verdienen lasse.

Patienten wollen wegen falscher Behandlung sterben
Van Os sagt: „Was wir sehr ernst nehmen müssen ist die Anzahl der Selbstmorde, die gerade in den Niederlanden vor allem bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen zunimmt“.

Wir brauchen eine neue Gesundheitsfürsorge
Van Os sagt: „Ein großer Teil der Wissenschaft und der klinischen Welt geht an den Bedürfnissen der Patientinnen, Patienten und ihrer Familien vorbei. Wir brauchen eine neue psychische Gesundheitsfürsorge (…) Zurzeit haben wir eine Reihe von Pilotstudien in einigen Stadtteilen mit 20.000 Menschen.“

In USA zwei verschiedene Systeme
In den USA existierten zwei Systeme – zum einen die biologisch ausgerichtete akademische Psychiatrie, zum anderen ein System von Spenden und freiwilligen Helfern, das Menschen mit Problemen helfe.

Zehn Syndrome
Van Os nennt die zehn Hauptgruppen von psychischen Erkrankungen Syndrome. Zu diesen gehöre aber immer eine persönliche Diagnose über den Zustand des Individuums. (Dr. Utz Anhalt)