Es trifft auch jüngere Patienten: Schlaganfall mit 29 Jahren

Nicht nur Senioren, sondern auch jüngere Menschen können einen Schlaganfall erleiden. Bei jungen Patienten dauert die Diagnose aber oft deutlich länger. (Bild: Syda Productions/fotolia.com)
Alfred Domke
Erkrankung älterer Menschen? – Schlaganfall trifft auch die Jungen
Er gilt zwar als Erkrankung von Senioren, doch auch junge Menschen erleiden einen Schlaganfall. Obwohl die Symptomatik in allen Altersgruppen gleich ausfällt, warten Jüngere oft wochenlang auf eine Diagnose, weil bei ihnen oft nicht mit einem Schlaganfall gerechnet wird.

Schlaganfall trifft auch junge Menschen
Vor einigen Jahren wurde im Fachmagazin „The Lancet“ eine Studie veröffentlicht, die zeigte, dass Jüngere immer häufiger von einem Schlaganfall betroffen sind. Die Deutsche Schlaganfall-Gesellschaft (DSG) und die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) hatten damals darauf hingewiesen, dass etwa jeder 20. Schlaganfall bei einem Kind oder Jugendlichen auftritt. Obwohl die Symptomatik in allen Altersgruppen gleich ist, wird ein Schlaganfall bei jungen Menschen oft erst spät erkannt. Doch schnelles Handeln ist beim Schlaganfall lebenswichtig. In einer aktuellen Meldung der Nachrichtenagentur dpa wird über das Schicksal einer jungen Betroffenen berichtet.

Nicht nur Senioren, sondern auch jüngere Menschen können einen Schlaganfall erleiden. Bei jungen Patienten dauert die Diagnose aber oft deutlich länger. (Bild: Syda Productions/fotolia.com)
Nicht nur Senioren, sondern auch jüngere Menschen können einen Schlaganfall erleiden. Bei jungen Patienten dauert die Diagnose aber oft deutlich länger. (Bild: Syda Productions/fotolia.com)

270.000 Schlaganfälle pro Jahr
Die Beeinträchtigung von Claudia B. wird von Fremden kaum bemerkt. Wenn die 34-Jährige aber an der Supermarktkasse etwas länger braucht oder ihr Geld durch die Finger rutscht, werden die Wartenden hinter ihr oft ungeduldig. „Man sieht es nicht auf den ersten Blick, aber ich bin eingeschränkt“, sagte die in der Nähe von Karlsruhe lebende Frau. „Auf der rechten Körperseite habe ich kein Gefühl. Ich kann zwar gehen und greifen, aber manchmal fällt mir etwas runter.“ Vor fünf Jahren – im Alter von 29 – hatte Claudia B. einen Schlaganfall. Laut dpa gehört sie damit zu den jährlich schätzungsweise 10.000 bis 40.000 Menschen in Deutschland, die schon im jüngeren Alter – also unter 50 – einen Schlaganfall erleiden. Bundesweit erleiden pro Jahr rund 270.000 Menschen einen Schlaganfall.

Häufigster Grund für dauerhafte Behinderungen
Wie in der Meldung erklärt wird, entstehen Schlaganfälle durch Durchblutungsstörungen des Gehirns, die in etwa 80 Prozent der Fälle durch eine Verstopfung von Blutgefäßen verursacht werden (ischämisch). Blutungen ins Hirngewebe sind seltener der Grund (hämorrhagisch). Laut dem Sprecher der DSG, Joachim Röther, seien Schlaganfälle in Deutschland die dritthäufigste Todesursache und der häufigste Grund für dauerhafte Behinderungen. Wie der Chefarzt der Neurologie der Asklepios Klinik Altona erläuterte, steige das Schlaganfall-Risiko generell mit zunehmendem Alter exponentiell. Dies kommt daher, da die Risikofaktoren mit der Zahl der Lebensjahre zunimmt. Dazu zählen unter anderem Vorhofflimmern, Bluthochdruck, hohe Blutfettwerte, Übergewicht und Adipositas oder die Folgen jahrzehntelangen Rauchens.

Symptome rechtzeitig erkennen und Leben retten
Von ganz besonderer Bedeutung ist, Schlaganfall-Symptome rechtzeitig zu erkennen und so Leben zu retten. Die Deutsche Schlaganfall-Hilfe hat dafür eine spezielle Schlaganfall-App entwickelt, die kostenfrei zur Verfügung steht. Wie Ulf Bodechtel, Chefarzt der Bavaria-Klinik im sächsischen Kreischa, in der Agenturmeldung erklärte, sei die Diagnose bei jungen Patienten generell schwieriger. Wird bei Älteren, die plötzlich an Sprachstörungen oder Lähmungserscheinungen leiden, sofort ein Schlaganfall abgeklärt, warten Jüngere häufig lange auf die Diagnose. „Die Symptomatik ist zwar in allen Altersgruppen identisch, aber bei Älteren denkt man eher daran“, so Bodechtel. Bei jüngeren Patienten werde die Erkrankung mitunter erst nach Wochen diagnostiziert.

„Das betrifft nur ältere Menschen“
Dies war auch bei Claudia B. der Fall: Die Pharmazeutisch-Technische Assistentin hatte zunächst extreme Kopfschmerzen, die schlimmer waren als die Migräne, die sie kannte. Sie wurde zunächst krankgeschrieben, doch die Beschwerden, die schubweise kamen, wurden schlimmer: „Nach zehn Tagen merkte ich, dass meine rechte Seite gelähmt war, und ich konnte keinen Satz mehr rausbringen“, erzählte die Frau, die an eine Neurologin und dann in eine Klinik weiter verwiesen wurde, in der eine Untersuchung per Magnetresonanztomographie (MRT) schließlich die Diagnose brachte: Schlaganfall durch eine sogenannte Dissektion, bei der es in die Gefäßwand einblutet und die innere Wand eines Blutgefäßes einreißt. Das Gefäß wird in der Folge verengt oder kann sich verschließen. „Die Diagnose Schlaganfall war ein Schock“, so Claudia B. „Bis dahin dachte ich, das betrifft nur ältere Menschen.“ Nach der Diagnose musste sie im Krankenhaus bleiben und kam sofort auf eine Stroke Unit – eine Schlaganfall-Station. Nach sieben Tagen in der Klinik war ihre Sprachstörung verschwunden, die halbseitige Lähmung jedoch nicht.

Mühsamer Weg zurück ins Leben
Wie für viele andere Patienten begann dann für Claudia B. ein mühsamer Weg zurück ins Leben. Sie verbrachte insgesamt 18 Wochen in einer Reha-Klinik. Zwar ähneln sich sowohl Schlaganfall-Symptome und -Therapie als auch die Art der Reha bei allen Altersgruppen, doch junge Menschen haben eine bessere Prognose. „Bei älteren Menschen ist das Ziel oft, eine Pflegebedürftigkeit zu vermeiden oder zu mindern“, erklärte Bodechtel. „Jüngere dagegen will man wieder ins Berufsleben integrieren. Die Patienten machen deshalb oft mehrere Rehas, um das beste Ergebnis zu erzielen.“ Der Übergang von der stationären Reha, in der sie den ganzen Tag betreut werden, zur ambulanten Versorgung, wenn nur noch gelegentlich ein Therapeut kommt, ist für viele Menschen belastend. „Nach der stationären Reha fallen viele in ein Loch“, so Röther. Claudia B. ist noch immer beeinträchtigt, aber: „Ich habe akzeptiert, dass die Dinge nicht mehr so einfach sind und dass ich Hilfe annehmen muss.“ Sie merkt auch noch immer, dass Wartende im Supermarkt missmutig werden, wenn sie zum Zahlen etwas länger braucht. „Aber das ist mir mittlerweile egal.“ (ad)

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