Etwa jeder Zehnte ist gefühlsblind

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Die Unfähigkeit die eigenen Emotionen adäquat zu deuten: Etwa jeder Zehnte ist gefühlsblind

Fast jeder zehnte Deutsche gilt als gefühlsblind. Hiermit ist die Unfähigkeit gemeint, seine eigenen Gefühle hinreichend wahrzunehmen und beschreiben zu können. Der Fachausdruck ist ein griechisches Kunstwort und heißt „Alexithymie“. Für Gefühlsblindheit können genetische Faktoren eine gewichtige Rolle spielen, aber auch die Sozialisierung spielt anscheinend eine entscheidende Rolle. Bei einigen Betroffenen konnte beobachtet werden, dass sie in der frühen Kindheit stark vernachlässigt oder physisch gequält wurden.

Fast 11 Prozent der Deutschen sind von Alexithymie betroffen
Von Alexithymie sind weitaus mehr Menschen betroffen, als man zunächst annehmen würde. „Etwa elf Prozent der Deutschen sind betroffen, bei psychisch Kranken ist es jeder Fünfte“, erklärte die Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Berliner Charité, Prof. Dr. Isabella Heuser. Unter dieser Begrifflichkeit bezeichnet man allgemein die Schwierigkeit eines Menschen, eigene Emotionen adäquat bei sich wahrzunehmen und diese entsprechend zu deuten. Die Betroffenen sind hinzukommend nicht in der Lage, die Gefühle von anderen Menschen entsprechend zu deuten. Dabei entstehen weitreichende Folgen für den Betroffenen.

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Internationale Konferenz zur Alexithymie
Die fachliche Bezeichnung „Alexithym“ ist für diese Menschen erstmals 1974 geprägt worden. Seit dem wurde die emotionale Störung zunehmend von Medizinern und Psychologen erforscht. Experten planen nun erstmals in Berlin eine internationale Konferenz zu diesem Phänomen. Im Zentrum des Konferenzprogramms stehen das Zusammenspiel auslösender Faktoren und die Bereiche, auf die sich Alexithymie auswirken kann, darunter Mimik und Gestik, das Schmerzempfinden oder die Empathiefähigkeit. Studien mit bildgebenden Verfahren wie Kernspintomografie ermöglichen Einblicke in die Emotionsverarbeitung im menschlichen Gehirn. Auch Wissenschaftler der Forschungsprojekte des Clusters werden ihre Forschungsergebnisse vorstellen. Organisiert wird die Konfernez „Berlin Alexithymia Conference 2010“ von der Arbeitsgruppe Alexithymie des Exzellenzclusters „Languages of Emotion“. Die Tagung findet vom 8. bis 9. November 2010 in der Freien Universität Berlin statt.

Soziale Schwierigkeiten im Alltag
Für die Betroffenen ist das Unvermögen der Deutung von Emotionen ein großes soziales Problem. Gerade die emotionale Intelligenz ist in unserer Gesellschaft äußerst wichtig.Vor allem im Berufsleben haben es die Menschen äußerst schwer, hier werden immer wieder sogenannte „soft skills“ gefragt, wie Dr. Isabella Heuser erläutert. Eben jene fehlen den alexithymen Menschen. Eine „Gefühlsblindheit“ ist keine Krankheit, sondern ein signifikantes Merkmal von Menschen. „Alexithyme sprechen lieber über Sachthemen und sind eher kurz angebunden, wenn es um Gefühlsbereiche geht.“ Die Betroffenen haben im Alltag oftmals gestörte Beziehungen zu anderen Menschen, weil die emotionale Intelligenz für die zwischenmenschliche Kommunikation äußerst wichtig ist. Zudem sind Alexithyme sehr viel anfälliger für psychische Erkrankungen wie Depressionen, wie die Expertin erläutert.

Betroffene leiten oftmals ein emotionales Unwohlsein auf körperliche Beschwerden um
Betroffene weichen bei emotionalem Unwohlsein oftmals auf körperliche Symptome aus. „Sie sagen dann, sie haben Kopfweh oder Bauchweh – eigentlich wie Kinder“, sagt die Wissenschaftlerin. Das Ausweichen auf psychosomatische Symptome erinnert sehr stark an Kinder, denn Kleinkinder sind ebenfalls „alexithyme Wesen“, die erst im Lauf der Entwicklung lernen, ihre Gefühle auszudrücken und die Emotionen anderer zu deuten.

Genetische Faktoren und physische Misshandlungen
Für das Auftreten von Alexithymie spielten laut der Expertin genetische Faktoren eine gewichtige Rolle. „Es gibt aber auch Hinweise darauf, dass frühkindliche Vernachlässigung, das Aufwachsen in einer gefühlsarmen Familie und physische Misshandlungen zu den Risikofaktoren gehören“. Es gibt allerdings auch Hoffnungen für die Betroffenen. Die Psychiaterin geht davon aus, dass eine Alexithymie auch therapierbar ist. Denn der „Mensch sei ja sein Leben lang lernfähig“, ergänzt die Expertin. Allerdings müsse noch eine passende Therapieform entwickelt werden. Der Kongress in Berlin könnte hierbei einen weiteren Schritt in die richtige Richtung bewegen. (sb, 01.11.2010)