Europäische Gesundheit leidet an der Finanzkrise

Fabian Peters

Finanzkrise mit negativen Auswirkungen auf die Gesundheit

28.05.2013

Die Gesundheit der europäischen Bevölkerung leidet unter den Auswirkungen der Finanzkrise, so eine der Kernaussagen in einer aktuellen Serie des renommierten britischen Wissenschaftsmagazins „The Lancet“. In sieben Leitartikeln widmet sich die Fachzeitschrift unterschiedlichen Aspekten der europäischen Gesundheit, darunter auch das Gefälle zwischen den Gesundheitssystem in Ost- und Westeuropa, die Qualität der Gesundheitsversorgung von Kindern und die Folgen der alternden Bevölkerung.

Besondere Aufmerksamkeit fand der Artikel eines britischen Forscherteams um Professor Martin McKee von der „London School of Hygiene & Tropical Medicine“, welcher die Auswirkungen der Finanzkrise auf die Gesundheit der EU-Bevölkerung beschreibt. Insbesondere in den krisengebeutelten Ländern wie Spanien, Portugal und Griechenland seien die staatlichen Ausgaben im Gesundheitsbereich deutlich gekürzt worden, was einen nachteiligen Effekt auf die ärztliche Versorgung habe. Hinzu komme ein deutlicher Anstieg der Suizide. In der gesamten Europäischen Union (EU) ist die Zahl der Selbstmorde laut Angaben der Forscher erstmals seit dem Jahr 2007 wieder gestiegen.

Finanzkrise mit Gefahren für die Gesundheit
„Von der Finanzkrise in Europa gehen große Chancen und Gefahren für die Gesundheit aus“, so der einleitende Satz der Forscher in ihrem aktuellen Beitrag. Doch von den Chancen ist zunächst wenig zu erkennen, wohingegen die negativen Auswirkungen der Finanzkrise auf die Gesundheit der Bevölkerung in den besonders betroffenen Staaten bereits deutlich zu Tage treten. Die Wissenschaftler haben nach eigenen Angaben „die Ursprünge der Wirtschaftskrise in Europa und die Reaktionen der Regierungen verfolgt, die Wirkung auf die Gesundheitssysteme untersucht und die Auswirkungen früherer Wirtschaftskrisen auf die Gesundheit überprüft, um die wahrscheinlichen Folgen für die Gegenwart vorherzusagen.“ Zudem verglichen sie ihre Prognosen „mit den verfügbaren Beweisen für die Auswirkungen der Krise auf die Gesundheit.“

Gesundheit in Griechenland durch die Finanzkrise besonders nachteilig betroffen
Die britischen Forscher kommen zu dem Ergebnis, dass die Gesundheit der Griechen besonders stark unter der Finanzkrise gelitten hat. Den Angaben des nationalen Gesundheitsministeriums zufolge sei in Griechenland die Zahl der Selbstmorde in den ersten fünf Monaten 2011 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um rund 40 Prozent gestiegen. Auch habe die Politik die bereitgestellten Mittel für die öffentlichen Krankenhäuser um mehr als ein Drittel reduziert. Hier fehle es sowohl an Medikamenten als auch am Personal. „Ausbrüche von Infektionskrankheiten werden immer häufiger und Budgetkürzungen haben den Zugang zur Gesundheitsversorgung beschränkt“, so die Aussage der Wissenschaftler. Insbesondere bei den HIV-Infektionen verzeichneten die Forscher einen besorgniserregenden Anstieg im Zuge der Finanzkrise. Erfreulich seien lediglich die rückläufigen Zahlen der Verkehrstoten sowie der geringere Alkohol- und Tabakkonsum. Für Autos, Tabak und Alkohol fehlt vielen offenbar schlichtweg das Geld.

Krisenbewältigung mit maßgeblichem Effekt auf die Gesundheit
Den Autoren zufolge waren die einzelnen Krisenstaaten jedoch in äußerst unterschiedlichem Maß von der Finanzkrise betroffen. So habe die Krise zum Beispiel in Island kaum nachteilige Effekte auf die Gesundheit der Bevölkerung gezeigt. Die britischen Forscher vermuten hier einen Zusammenhang mit den unterschiedlichen Wegen der Krisenbewältigung, die in Island und Staaten wie Portugal, Spanien oder Griechenland beschritten wurden. Island beziehungsweise die Bevölkerung Islands hatte sich in einer Volksabstimmung gegen die vorgeschlagen drastischen Sparmaßnahmen entschieden. Sämtliche großen isländischen Banken wurden im Jahr 2008 verstaatlicht. Tatsächlich sei offenbar das „Zusammenspiel von Sparmaßnahmen und schwachem sozialen Schutz“ im Rahmen wirtschaftlicher Schocks maßgeblich entscheidend für die gesundheitlichen und sozialen Folgen der Finanzkrise in Europa, schreiben Professor McKee und Kollegen.

Fehlende Stimme für die Gesundheit
„Politische Entscheidungen darüber, wie auf Wirtschaftskrisen reagiert wird, können ausgeprägte und unbeabsichtigte Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit haben, doch die öffentlichen Stimmen für die Gesundheit blieben während der Wirtschaftskrise weitgehend stumm“, so das Fazit der Wissenschaftler. Hier versteckt sich auch eine unterschwellige Kritik an dem Verhalten der EU-Kommission und der Regierenden in den einzelnen EU-Staaten. Auf die negativen Folgen der forcierten Sparbemühungen in den Krisenstaaten für die Gesundheit der Bevölkerung wurde demnach nicht ausreichend aufmerksam gemacht. (fp)