Europaweiter Anstieg chronischer Erkrankungen – Viele Krankheiten wären verhinderbar

Die OECD und die EU-Komission haben gemeinsam einen Report zur Gesundheit in der EU erarbeitet, aus dem hervorgeht, dass hundertausende Todesfälle auf vermeidbare Erkrankungen zurückgehen. (Bild: pict rider/fotolia.com)
Fabian Peters

OECD und EU-Kommission veröffentlichen Report zur Gesundheit in der EU
Vielen Menschen in Europa leiden an chronischen Erkrankungen, die auf einen ungesunden Lebensstil zurückgehen und grundsätzlich vermeidbar wären, so eine der Kernaussagen in dem gemeinsamen Report der EU-Kommission und der OECD „Health at a Glance: Europe 2016“. „Eine bessere öffentliche Gesundheits- und Präventionspolitik sowie eine effektivere Gesundheitsversorgung könnten (…) jährlich Hunderttausende von Leben und Milliarden Euro in Europa retten“, berichtet die OECD.

Europa zahlt laut Aussage der Studienautoren einen hohen Preis für chronische Krankheiten. Europaweit seien im Jahr 2016 geschätzt 550.000 vorzeitige Todesfälle bei Menschen im erwerbsfähigen Alter durch chronische Krankheiten wie Herzinfarkte, Schlaganfälle, Diabetes und Krebs verursacht worden. Dies habe die EU-Volkswirtschaften rund 115 Milliarden Euro beziehungsweise 0,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts pro Jahr gekostet – ohne die Kosten für die Produktivitätseinschränkungen der chronisch Kranken und die niedrigeren Beschäftigungsquoten zu berücksichtigen.

Die OECD und die EU-Komission haben gemeinsam einen Report zur Gesundheit in der EU erarbeitet, aus dem hervorgeht, dass hundertausende Todesfälle auf vermeidbare Erkrankungen zurückgehen. (Bild: pict rider/fotolia.com)
Die OECD und die EU-Komission haben gemeinsam einen Report zur Gesundheit in der EU erarbeitet, aus dem hervorgeht, dass hundertausende Todesfälle auf vermeidbare Erkrankungen zurückgehen. (Bild: pict rider/fotolia.com)

Wachsende Versorgungsunterschiede zwischen Armen und Reichen
Die durchschnittliche Lebenserwartung in Europa ist in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich gestiegen, doch zeigen sich bei differenzierter Betrachtung deutliche Unterschiede zwischen einzelnen Ländern und bestimmten Bevölkerungsgruppen. In dem aktuellen Report werde deutlich, dass Unterschiede in der Lebenserwartung „zwischen den am wenigsten und am meisten Gebildeten, zwischen den Ärmsten und Reichsten verschärft werden“, berichtet die OECD. Im Durchschnitt der EU-Länder sei die Lebenserwartung von Personen mit dem niedrigsten Bildungsstand sieben Jahre kürzer als bei Personen mit sehr hohem Bildungsniveau.

Viele Arme ohne Zugang zur medizinischer Versorgung
Der OECD-Generalsekretär Angel Gurría betonte bei Vorstellung des Reports, dass mehr getan werden müsse, „um Ungleichheiten im Zugang und in der Qualität der Versorgung zu verringern.“ Die Zahl der Niedrigverdiener, die aus finanziellen Gründen einen beschränkten Zugang zur Gesundheitsversorgung aufweisen, sei in mehreren EU-Ländern nach der globalen Finanzkrise deutlich gestiegen. In Griechenland habe sich der Anteil der Armen, die aufgrund der Kosten keinen Zugang zu erforderlicher medizinischer Versorgung hatten, seit 2008 mehr als verdoppelt (von 7% im Jahr 2008 auf über 16% im Jahr 2014).

Gesundheitsausgaben in östlichen EU-Staaten geringer
In dem Report wird ebenso der Anteil der Gesundheitsausgaben am Bruttoinlandsprodukt dargestellt. Dieser hat im Jahr 2015 in Europa durchschnittliche 9,9 Prozent des BIP der EU ausgemacht. In Deutschland wurden laut OECD rund 11 Prozent des BIP auf die Gesundheitsversorgung aufgewendet. Dahingegen würden Länder im östlichen Teil der EU zu wesentlich geringeren Ausgaben neigen, die bei fünf bis sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts liegen.

Effizienter Einsatz der Gelder erforderlich
„Es zeigt sich, dass in der EU jedes Jahr viele Menschen an potenziell vermeidbaren Krankheiten sterben, die mit Risikofaktoren wie Rauchen oder Übergewicht zusammenhängen“, betont der EU-Kommissar für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit Vytenis Andriukaitis. Durch eine verbesserte Prävention ließen sich hier tausende Todesfälle jährlich vermeiden. Der Report liefere dabei gute Anhaltspunkte für die Mitgliedstaaten, um sinnvolle Maßnahmen zu identifizieren und die Gesundheitssysteme effizienter bei der Kanalisierung von Ressourcen zu gestalten. So können die Gelder dort eingesetzt werden, wo sie die größten Auswirkungen auf die Gesundheit beziehungsweise auch die Prävention haben, erläutert der EU-Kommissar.

Sinkender Alkoholkonsum in der EU
Bei der Eindämmung von Risikofaktoren für chronische Erkrankungen waren in Deutschland und fast allen anderen EU-Staaten laut Aussage der Autoren auch einige Erfolge zu verzeichnen. So sei beispielsweise der Alkoholkonsum bei erwachsenen Personen in Deutschland seit dem Jahr 2000 um 15 Prozent zurückgegangen. Dies ist jedoch nur eine Seite der Medaille. Denn anderseits ist regelmäßiger exzessiver Alkoholkonsum in Deutschland weiter verbreitet als in den meisten anderen EU-Staaten. „Ein Drittel aller Deutschen über 15 Jahren nimmt eigenen Angaben zufolge mindestens einmal monatlich größere Mengen Alkohol zu sich“, was weit über dem EU-Durchschnitt von 22 Prozent liege (z.B. Großbritannien 22 Prozent, Österreich 19 Prozent), berichtet die OECD.

Bei dem Tabakkonsum stellt der Report ebenfalls einen weiteren Rückgang fest. So ist der Anteil regelmäßiger Raucher in Deutschland seit 2003 von 24 auf 21 Prozent gesunken und liegt damit genau im EU-Durchschnitt. Besonders wenige Menschen rauchen in Schweden und Finnland (nur 12 bzw. 15 Prozent der Bevölkerung).

Herausforderungen der Zukunft
Angesichts des demografischen Wandels wird der Behandlungsbedarf in Zukunft nicht nur wachsen sondern sich außerdem wandeln, erläutern die Autoren. Dies stelle viele EU-Staaten inklusive Deutschland vor die Herausforderung, langfristig einen guten Zugang zu einer starken Primärversorgung vor allem auch in ländlichen und sozial benachteiligten Gegenden sicherzustellen. Hier sehen die Experten weiterhin deutlich steigende Kosten auf die einzelnen Mitgliedstaaten zukommen, wobei allerdings ein effizienterer Einsatz der Ressourcen die Entwicklung abfedern könnte. (fp)

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