Evolution: Ohne Omas gäbe es keine längeren Paarbeziehungen

Sebastian
Forscher-These: Feste Paarbindungen dank Omas
Forschern zufolge kommt Großmüttern in der Evolution des Zusammenlebens eine große Bedeutung zu. Die Versorgung der Kinder durch Omas verlängerte demnach nicht nur die Lebenserwartung, sondern förderte auch die monogamen Zweierbeziehungen zwischen Mann und Frau.

Immer mehr zeugungsfähige Männer
„Oma ist die Beste“: Dieser Spruch galt offenbar in den meisten Kulturen bereits vor Jahrtausenden. Einer Meldung der Nachrichtenagentur dpa zufolge berichten nun Forscher in den „Proceedings“ der US-Akademie der Wissenschaften (PNAS), dass Großmütter möglicherweise eine entscheidende Rolle dafür gespielt haben, dass der Mensch so ausdauernd in Paarbeziehungen lebe, wie dies heute der Fall ist. Wie die auch an der aktuellen Studie beteiligte US-Anthropologin Kristen Hawkes von der University of Utah in Salt Lake City bereits vor Jahren zusammen mit Kollegen berichtete, verlängern Großmütter das Leben der Kinder durch ihre Fürsorge.

Evolutionsforschung: Die Oma forciert Partnerschaften. Bild: drubig-photo - fotolia
Evolutionsforschung: Die Oma forciert Partnerschaften. Bild: drubig-photo – fotolia

Die Wissenschaftler berechneten damals, dass durch die großmütterliche Unterstützung die Lebenserwartung von durchschnittlich 25 Jahren nach 24.000 bis 60.000 Jahren auf 49 Jahre stieg. Durch die gestiegene durchschnittliche Lebenserwartung des Menschen entfielen laut der aktuellen Studie immer mehr zeugungsfähige Männer auf die Frauen im fruchtbaren Alter. In der Folge verschaffte eine feste Paarbindung den Männern deutlich höhere Aussichten auf viele Nachkommen als wechselnde „One-Night-Stands“.

„Zu viele andere Typen als Konkurrenten“
„Es sieht so aus, als ob der Großmutter-Einsatz für die Entstehung der Paarbindung ausschlaggebend war“, erklärte Hawkes. Zusammen mit Statistikern und Mathematikern hatte die Forscherin die Entwicklung einer Gemeinschaft mit und ohne den Einsatz von Großeltern simuliert. Dabei zeigte sich, dass zeugungsfähige Männer in langlebigeren Gemeinschaften mit der Zeit – selbst noch im höheren Alter – um die deutlich kleinere Zahl gebärfähiger Frauen konkurrierten. Wie die Simulationen zeigten, stieg der Männerüberschuss über 30.000 bis 300.000 Jahre hinweg durch den „Großmutter-Effekt“ von 77 auf 156 Männer pro 100 Frauen an. „Dieser männliche Überhang im Geschlechterverhältnis machte eine Partnerbindung für Männer zu einer besseren Strategie als die Suche nach zusätzlichen Partnerinnen – es gab einfach zu viele andere Typen als Konkurrenten“, sagte Hawkes.

Unterstützung der Omas erhöhte Überlebenschancen
Allerdings vertreten andere Anthropologen die sogenannte „Jäger-These“: Demnach habe sich die Paarbindung vor allem dadurch entwickelt, dass jagende Männer die Frau und gemeinsame Nachkommen verlässlich versorgen konnten. Hawkes sieht das anders: „Der Schlüssel, warum Mamas schneller weitere Babys bekommen können, ist nicht Daddy, der den Schinken nach Hause bringt, sondern Oma, die beim Füttern der abgestillten Kinder hilft.“

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Sie schützt mit der neuen Analyse ihre seit Jahren diskutierte Großmutter-Hypothese, die eine Erklärung dafür liefert, warum Frauen nach Ende ihrer fruchtbaren Zeit noch so lange leben – was aus biologischer Sicht zunächst eigentlich keinen Sinn macht. Die Unterstützung der Omas war demnach bei der Versorgung kleiner Kinder immens wichtig und erhöhte deren Überlebenschancen massiv. In der Folge setzten sich während der Evolution die Gene von Familien durch, in denen die Großmütter besonders lange lebten.

Je länger Omas leben desto mehr helfen sie
Die Wissenschaftler um Hawkes hatten ihre Thesen nach Feldforschungen vor fast 20 Jahren beim Volk der Hazda im Norden Tansanias entwickelt. Die Großmütter halfen bei den als Jäger und Sammler lebenden Hazda tatkräftig mit, die bereits abgestillten Kleinkinder mit ausgegrabenen Wurzeln und Knollen zu ernähren. Die Kinder waren noch zu klein, um selbst nach Nahrung zu graben und ihre Mütter hatten in vielen Fällen schon einen neuen Säugling an der Brust. 2012 verglich Hawkes dann in einer weiteren Studie Zusammen mit Wissenschaftlern der School of Mathematics and Statistics an der University of Sydney (Australien) in Hochrechnungen den Großmutter-Effekt der Hazdas mit den Lebensspannen großer Menschenaffen.

Der Effekt wurde selbst dann sichtbar, wenn man Hirngröße oder Jagdverhalten herausrechnete: Wenn die Großmütter keine wichtige Hilfe darstellen, sterben die weiblichen Mitglieder der Gruppe meist schon wenige Jahre nach Ende ihrer Fortpflanzungsfähigkeit. Die menschliche Lebensspanne verlängerte sich – wie eingangs erwähnt – im Verlauf von 24.000 bis 60.000 immens. „Länger lebende Großmütter helfen mehr“, so die Forscherin. Einen Großvater-Effekt haben Wissenschaftler bislang nicht ausfindig gemacht. (ad)