Experten fordern evidenzbasierte Therapien für alte Menschen

Fabian Peters
Alte Menschen werden oft mit unpassenden Medikamenten behandelt
Aufgrund der hohen medizinischen Standards ist es heutzutage keine Ausnahme mehr, dass viele Menschen sehr alt werden. Rund viereinhalb Millionen Menschen sind 80 Jahre und älter – Tendenz weiter ansteigend. Alte Patienten unterscheiden sich häufig körperlich, geistig und in ihren Lebensumständen von jüngeren Patienten. Experten der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina betonen in einer aktuellen Mitteilung, dass evidenzbasiertes Wissen darüber, wie ältere Menschen mit Mehrfacherkrankungen behandelt werden könnten, fehlt. Es gibt große Unterschiede in der Therapie und den Behandlungszielen, abhängig von den betroffenen Patientengruppen. Die Abweichungen können den Experten zufolge zum Beispiel kulturell, wirtschaftlich oder biografisch bedingt sein. Es gibt drei Ansatzpunkte, um die Versorgung zu verbessern: Forschung, Versorgungspraxis sowie Aus- und Weiterbildung.
Ältere Menschen sollten mehr in Arzneimittelstudien einbezogen werden
Akademien empfehlen im Bereich Forschung, auch ältere Menschen mit Mehrfacherkrankungen vermehrt in Arzneimittelstudien aufzunehmen. Wissenschaftliche Studien sollten die Lebensumstände der Patienten berücksichtigen, ältere Menschen haben andere Bedürfnisse und diese sollten besonders einbezogen werden. Für hochbetagte Patienten seien bestimmte Punkte wichtig für den Erhalt der Lebensqualität. Hören, Sehen und Mobilität bilden die Voraussetzung für Selbständigkeit und eine Teilnahme am gesellschaftlichen Leben, berichten die Forscher.

Seniorinnen und Senioren sollten vermehrt bei medizinischen Studien berücksichtigt werden. (Bild: Syda Productions/fotolia.com)
Seniorinnen und Senioren sollten vermehrt bei medizinischen Studien berücksichtigt werden. (Bild: Syda Productions/fotolia.com)

Fehlende Studien zum Erhalt der Selbständigkeit und der Wechselwirkungen parallel eingenommener Arzneien
Wichtig ist es, die Wechselwirkungen von parallel eingenommen Medikamenten zu beachten, so die Mitteilung der Akademie. In diesem Bereich sollte daher intensiver geforscht werden. Außerdem müsse sich die Gesellschaft mehr Gedanken über Möglichkeiten machen, Medikamente wieder problemlos abzusetzen. Ein weiteres wichtiges Forschungsthema sei der Erhalt der Selbständigkeit durch technische Hilfsmittel, Wohnraumanpassung und Telemedizin. In dem Bereich fehlt es den Forschern zufolge an Studien mit größeren Kontrollgruppen und Fallzahlen.

Es ist wichtig Versorgungskonzepte für chronisch – und mehrfach Erkrankte zu erstellen
Die Akademien empfehlen gezielte Versorgungsmodelle für chronisch und mehrfach erkrankte ältere Menschen zu entwickeln. Weiterer dringender Verbesserungsbedarf bestehe beim Überleitungsmanagement und dem Informationsfluss. Gerade zwischen Krankenhäusern und Hausarztpraxen gebe es Einiges zu optimieren, um bessere, problemlose Überleitungen zu ermöglichen. Krankenhäuser sollten, direkt bei der Aufnahme, eine Einschätzung der körperlichen, psychischen und sozialen Situation erstellen. Diese würde Über-, Unter- und Fehlversorgung vermeiden. Auch in Pflegeheimen sollten nach Auffassung der Experten Verbesserungen und Veränderungen vorgenommen werden. So sollten dort Bewohner und Gesundheitsdienstleister sich frühzeitig über Gesundheitsziele und die Gestaltung der letzten Lebensjahre verständigen. Es sei wichtig, nach einem zeitweiligen Heimaufenthalt, eine Rückkehr in die häusliche Umgebung zu erleichtern und so problemlos wie möglich zu gestalten.

Geriatrische Grundkenntnissen wesentlicher Bestandteil für alle medizinischen Fachdisziplinen
Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina befürwortet Ausbildung und Weiterbildung in geriatrischen Grundkenntnissen für alle medizinischen Fachdisziplinen und Gesundheitsberufe. Außerdem sollte die Methodenausbildung verbessert werden, nur so können evidenzbasierte Therapien und Versorgungskonzepte für ältere Patienten erstellt und weiterentwickelt werden, erläutern die Wissenschaftler. Das Studiendesign sollte überarbeitet und angepasst werden. Hier wird von den Akademien empfohlen als ersten Schritt einen Lehrstuhl einzurichten, der klinische, biostatistische und geriatrische Expertise miteinander verbindet. (as)