Experteninterview: Ist der Darm krank – ist alles krank

Sebastian
Wenn der Darm krank ist, leidet der ganze Körper
Eine Aussage, die aufhorchen lässt: Können Störungen im Darm auch in anderen Bereichen Probleme bereiten? Ja, das tun sie – und zwar in einem weit größeren Ausmaß, als bislang angenommen. Unser Darm ist ein sehr einflussreicher, eigener Mikrokosmos. Welche Auswirkungen das für unsere gesamte Gesundheit hat, beschreibt Dr. med. Jörn Reckel unter dem treffenden Titel „Darm krank – alles krank“. Wir haben mit Herrn Dr. Reckel hierüber ein Interview geführt.

„Darm krank – alles krank“ lautet der Titel Ihres Buches. Was verbirgt sich hinter dieser Aussage?
Der Darm beeinflusst alles in unserem gesamten Körper, auch die Psyche. Er kann nie isoliert für sich allein gesehen werden. Weshalb man bei gesundheitlichen Problemen immer auch an den Darm denken sollte – selbst wenn er keine Beschwerden bereitet. Eine ganzheitliche Betrachtung und Behandlung von Darmbeschwerden ist also unerlässlich. Denn: Zahlreiche Beschwerden, etwa Gelenkerkrankungen und selbst Depressionen, können auf Störungen der Darmflora zurückgehen. Das liegt daran, dass Darmbakterien Stoffe absondern, die alle Bereiche in unserem Körper schädigen können.

Ist der Darm krank, ist alles krank. (Bild: pixelaway/fotolia.com)

Wichtig für die Beantwortung Ihrer Frage ist auch, dass der Darm in seinem Inneren nicht zu unserem Körper gehört – auch wenn man sich das schwer vorstellen kann. Doch Fakt ist, dass der Innenraum des Darms für uns Außenwelt ist. Ich sage dazu immer, die Darmbakterien leben auf uns, auf unserer Schleimhaut, und nicht in uns.

Haben Probleme mit dem Darm zugenommen?
Im Verlauf der letzten drei Jahrzehnte durchaus. Das ist vor allem auf die Ernährungsgewohnheiten zurückzuführen, die sich bekanntlich nicht zum Besten verändert haben. Darmbeschwerden als „Volkskrankheiten“ zu bezeichnen, wie das inzwischen häufig geschieht, ist allerdings sicherlich übertrieben. Das Interesse der Öffentlichkeit am Thema Darm hat einfach zugenommen, was sich auch an der großen medialen Aufmerksamkeit zeigt und dadurch noch gesteigert wird.

Was kann die Darmflora aus ihrem gesunden Gleichgewicht bringen?
Die bedeutsamsten Ursachen für eine gestörte Darmflora sind Schäden durch die Einnahme von Antibiotika. Deren schlimmste Nebenwirkung ist die Beeinträchtigung der bakteriellen Balance im Darm. So treten Darmstörungen sehr häufig nach vorangegangenen Infektionen auf, die antibakteriell behandelt wurden. Eine weitere wichtige Rolle spielt die Ernährung: Zu viele Kohlenhydrate, vor allem aus Weizen und damit zu viel Gluten, kann die Darmflora empfindlich stören. Das gilt auch für Nahrungsmittel, die stark industriell verarbeitet und somit denaturiert sind.

Dauerhafter Stress hat ebenfalls einen Einfluss auf die Bakterienpopulation im Darm. Das kann dazu führen, dass die Verdauung zu schnell vor sich geht oder aber im Gegenteil blockiert und damit verlangsamt wird. Die oftmals vermutete Beteiligung der Psyche sollte nicht überbewertet werden. Viel häufiger ist es genau anders herum: Störungen der Darmflora wirken sich nachteilig auf das psychische Befinden aus. Wie erwähnt, können Depressionen davon verursacht werden. Beispielsweise werden 90 Prozent des Gute-Laune- Hormons Serotonin vom Darm gebildet – aber nur, wenn er gesund ist! Gibt es hier Probleme, steht zu wenig von dem wichtigen Nervenbotenstoff zur Verfügung – mit den entsprechenden Auswirkungen auf unsere seelische Verfassung.

Welche Rolle spielen Nahrungsmittelunverträglichkeiten?
Eine große: Unverträglichkeiten von bestimmten Stoffen in unserer Nahrung wie etwa Gluten, Milcheiweiß oder Laktose, sind wichtige Auslöser für Störungen der Darmflora. Denn dadurch ist die Verdauung und die Verwertung der Nährstoffe beeinträchtigt und es können Gär- und Fäulnisprozesse mit massiver Gasbildung entstehen.

Welche Ernährung ist zur Gesunderhaltung der Darmflora zu empfehlen?
Am besten eine mit wenig Stärke – sprich, Kohlenhydrate sollten reduziert werden. Wichtig ist zudem, nicht zu viele Ballaststoffe zu sich zu nehmen. Denn die können wir ohne eine starke Darmflora nicht verdauen. Das bedeutet in der Praxis auch möglichst wenig Rohes, sondern besser Gegartes und Gedämpftes zu essen, da erhitzte Ballaststoffe leichter zu verdauen sind.
Ich rate im Hinblick auf die unverdaulichen Ballaststoffe auch zu Brot aus feingemahlenem Korn anstatt grob geschrotetem. Fleisch und Fisch liefern wertvolles Eiweiß und sind deshalb zu empfehlen; zumal es für die Verdauungsprozesse im Darm relativ unproblematisch ist. Darüber hinaus sättigen Fleisch und Fisch gut und das trägt dazu bei, weniger Kohlenhydrate zu essen. Nicht zuletzt sollte darauf geachtet werden, abends nicht zu spät und nicht zu üppig zu essen. Der bekannte Spruch „Morgens wie ein König, abends wie ein Bettelmann …“ hat eben tatsächlich eine große Berechtigung.

Wie läuft die von Ihnen modifizierte mikroökologische Therapie ab?
Dabei wird das Ökosystem im Darm zurück ins Gleichgewicht gebracht. Um das zu erreichen, setzen wir Probiotika ein. Diese schluckbaren Präparate liefern gezielt bestimmte Bakterien. Damit greifen sie regulierend in die gestörte Darmflora ein: Gewünschte Bakterienkulturen werden gestärkt, unerwünschte hingegen unterdrückt. Auf diese Weise kann sich die Flora erholen und selbst wieder den gesunden Ausgleich herstellen. Eine große Bedeutung unter den Probiotika haben jene mit Milchsäurebakterien. Denn meist ist der pH-Wert im Darm zu basisch, das Milieu ist also nicht sauer genug. Milchsäure bringt den pH-Wert in den sauren Bereich und sorgt dafür, dass unter anderem schädliche Fäulnisbakterien zurückgedrängt werden. Oftmals setze ich auch ein Präparat ein, das Sauerstoff freisetzt. Das verdrängt Bakterien, die Sauerstoff nicht tolerieren. Diese gär- und fäulnisbildenden Anaerobier können im Übermaß die Darmflora durcheinanderbringen.
Sie geben zur Sanierung der Darmflora auch Verdauungsenzyme.

Warum?
Verdauungsenzyme spielen eine wichtige Rolle in meiner mikroökologischen Therapie. Denn sie sorgen dafür, dass die Verdauung optimal läuft – die Nahrung also möglichst gut abgebaut wird. Je weniger davon für die Gär- und Fäulniskeime übrig bleibt, desto besser ist es für das Gleichgewicht der gewünschten Darmflora. Häufig zum Einsatz kommen Enzyme der Bauchspeicheldrüse (Pankreatin; Hauptinhaltsstoffe sind Lipasen, Amylasen und Proteasen). Da die Magenverdauung meist mit an den Problemen im Darm beteiligt ist, verordne ich auch vielfach eine Kombination aus Magenenzymen (Pepsin) und Aminosäuren. Die Enzympräparate werden dann mindestens vier Wochen lang eingenommen.

Was brachte Sie auf die Idee zu diesem Buch?
Die Idee hatte ich schon lange im Kopf. Letztlich sorgte dann mein Publikum, die Zuhörer auf meinen Ärzte- und Heilpraktikerseminaren, für die Umsetzung. Denn sie fragten mich immer wieder, ob die Inhalte der Vorträge nicht auch schriftlich verfügbar sind. Als ich dann die Anfrage vom Verlag und einen Co- Autor an die Seite gestellt bekam, war die Sache klar. Vielen Dank für das Gespräch, Herr Dr. Reckel.