Familie im Dauerstress

Fabian Peters

Studie offenbart Stressbelastung der Familien

12.09.2012

Das Institut für Demoskopie Allensbach hat im Auftrag des Haushaltsprodukte-Herstellers „Vorwerk“ im Juni eine repräsentative Umfrage unter Familien in Deutschland durchgeführt und dabei festgestellt, dass die Belastung beziehungsweise der Stress in vielen Familien deutlich erhöht ist. Insbesondere Mütter reiben sich zwischen Beruf, Kindern und Haushalt auf. Bei den Vätern wird der Stress indes überwiegend durch den Beruf bedingt, der sie oftmals auch nach offiziellem Dienstschluss noch beansprucht. Oftmals stehen Väter, wenn sie Alleinverdiener sind, unter einem enormen Druck, um die wirtschaftliche Absicherung der Familie zu gewährleisten.

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Für die Vorwerk-Familienstudie 2012 hat das Allensbach Institut insgesamt 1.617 Personen im Alter ab 16 Jahren befragt. Studienleiter Rüdiger Schulz erläuterte, dass sich die Eltern einem erheblichen Leistungsdruck ausgesetzt sehen. „Einerseits dem beruflichen Erwartungsdruck, andererseits den gestiegenen Erwartungen an die Mutterrolle“, so Schulz weiter. Die Eltern meinen den „heute alles bieten zu müssen“, ob Förderkursen, Musizieren oder Sport, erläuterte der Experte. Hinzukommt, dass 29 Prozent der Berufstätigen auch nach Dienstschluss arbeiten beziehungsweise für Kunden oder Vorgesetzte erreichbar sein müssen. Dies treffe „leitende Angestellte und höhere Beamte (54 Prozent) sowie Selbstständige (63 Prozent) in besonderer Weise“. Ihnen falle es häufig schwer „in ihrer Freizeit abzuschalten und nicht an die Arbeit zu denken“.

Berufstätige Mütter unter Dauerstress
Für die berufstätigen Mütter, welche zu rund einem Drittel in Teilzeit arbeiten, ist die Belastung laut Ergebnis der Vorwerk-Familienstudie 2012 besonders hoch. Sie müssen zwar seltener nach dem Dienstschluss auch für die berufliche Zwecke erreichbar sein, doch die Mehrfachbelastung durch Beruf, Haushalt und Familie schlage bei ihnen stärker durch. So gaben 55 Prozent der berufstätigen Mütter an, in ihrer Freizeit nicht entspannen zu können, bei den Vätern lag der Anteil bei 49 Prozent. Offenbar kommen viele berufstätige Eltern kaum noch zur Ruhe. Die Frauen sind dabei den Ergebnissen der Vorwerk-Familienstudie zufolge noch stärker belastet als Männer. Dies zeigt sich laut Aussage der Forscher auch daran, dass Frauen auf die Frage, was sie mit einer Stunde mehr Zeit am Tag machen würden, vielfach angaben sie würden diese für sich selbst nutzen.

„Eine Stunde mehr Freizeit am Tag“ würden 65 Prozent der berufstätigen Männer mit Kindern im Alter unter 18 Jahren nach eigenen Angaben dafür nutzen, mehr Zeit mit der Familie zu verbringen. Dies könne „als Signal gedeutet werden, dass Männer gerne mehr Zeit mit dem Nachwuchs verbringen würden – wenn hierfür die familienpolitischen Rahmenbedingungen gegeben wären“, erläuterten die Forscher des Allensbach Institutes. Auch bei den Müttern steht die Familie zwar an erster Stelle – 48 Prozent würden eine Stunde mehr Freizeit für die Familie nutzen – doch 40 Prozent der berufstätigen Mütter gaben an, diese Zeit am liebsten für sich selbst zu nutzen. Insbesondere Frauen im Alter von 45 bis 60 Jahren, „die sich vielfach zwischen Beruf, Kindern, den eigenen Eltern sowie dem Haushalt aufreiben, wünschen sich mehr Zeit für sich selbst (63 Prozent)“, so die aktuelle Pressemitteilung zu den Ergebnissen der Vorwerk-Familienstudie 2012.

Wünsche und Realität gehen auseinander
Generell stellten die Forscher bei den Angaben der Befragten zu der Zeit, die mit der Familie verbracht werden, erhebliche Abweichungen zwischen Wunschvorstellung und Realität fest. So äußerten 83 Prozent der Befragten den Wunsch, viel Zeit mit der Familie zu verbringen, doch lediglich 28 Prozent der Befragten, bestätigten tatsächlich viel Zeit füreinander zu haben. Vergleichbare Abweichung waren im Rahmen der Studie auch bei den Wunschvorstellungen und der Realität bezüglich der Teilung der Hausarbeit festzustellen. Mehr als zwei Drittel der Befragten bezeichneten eine gleichberechtigte Teilung der häuslichen Pflichten als wünschenswert; doch nur in 31 Prozent der Haushalte werde dies umgesetzt. Einziges Trostpflaster: Die Familien- und Hausarbeit wird heute mehr gewürdigt: Waren im Jahr 2005 lediglich 53 Prozent der Frauen davon überzeugt, von ihrem Partner die verdiente Anerkennung zu erhalten, so liege ihr Anteil heute bei 71 Prozent. Auch hat sich die Anzahl der Befragten verringert, die der Meinung waren, dass Familien- und Hausarbeit von der Gesellschaft in Deutschland nicht genügend wertgeschätzt werde (von 72 auf 64 Prozent).

Neue Wohnformen entstanden
Die spürbar wachsenden Belastungen für Familien, haben den aktuellen Ergebnissen des Allensbach Instituts zufolge auch ein Umdenken in Bezug auf die Wohnform und das Miteinander ausgelöst Heute seien zum Beispiel 76 Prozent der Befragten von den positiven Ansätzen der Mehrgenerationenhäuser überzeugt, in denen sich die generationenübergreifende Haus- oder Wohngemeinschaften im Bedarfsfall gegenseitig helfen.Immerhin rund die Hälfte der Befragten konnte sich vorstellen, selbst in einem solchen Mehrgenerationenhaus zu leben. Auch in Bezug auf die Kinderbetreuung öffnen sich die Familien angesichts der wachsenden Belastungen offenbar zunehmend für neue Lösungsansätze.

Die sogenannte Elternzeit ist längst akzeptiert und 72 Prozent der Befragten konnten sich vorstellen eine solche zur Betreuung ihrer Kinder in Anspruch zu nehmen. Doch auch neue Formen der Kinderbetreuung, wie zum Beispiel Leihgroßeltern oder eine Großelternzeit treffen durchaus auf offene Ohren. Die Mehrheit der Befragten hält beispielsweise das Modell der Großelterndienste, bei dem Ältere als Leihgroßeltern jungen Familien regelmäßig oder bei Bedarf bei der Kinderbetreuung helfen, für einen guten Ansatz. Die von der Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) ins Gespräch gebrachte Großelternzeit, bei der Großeltern nach der Geburt eines Enkels für die Betreuung weniger arbeiten oder ihre Berufstätigkeit für bis zu zwölf Monate unterbrechen und dafür eine Vergütungen vergleichbar dem Elterngeld erhalten, käme jedoch für lediglich der 40 Prozent der berufstätigen Großeltern in Betracht. Allerdings war die Bereitschaft eine Großelternzeit zu nehmen, bei berufstätigen Großeltern, die heute schon zeitweilig ihre Enkel betreuen, beachtlich: 24 Prozent würden „bestimmt“, 27 Prozent „vielleicht“ eine Großelternzeit nutzen, so das Ergebnis der aktuellen Studie.

Die Vorwerk Familien-Studie wurde bereits zum achten Mal vom Wuppertaler Familienunternehmen Vorwerk in Zusammenarbeit mit Allensbacher Institut für Demoskopie erstellt. Die Studienausrichtungen sind jeweils nach unterschiedlichen Thematiken ausgerichtet, wobei die Familien in Deutschland im Mittelpunkt stehen. Das Unternehmen will so einen Beitrag zur Familienpolitischen Debatte leisten und neue Debatten anfachen. (fp)