Faszien- eine vernachlässigte Struktur

Thorsten Fischer

Faszien

Faszien – eine vernachlässigte Struktur. Ein Überblick zum 2. Internationalen Faszienkongress in Amsterdam

Faszien nennt man das umhüllende und verbindende Bindegewebe im Körper. Wenn man ein Stück Fleisch isst, dann ist die Faszie die dünne Haut um das Fleisch oder bei einem Querschnitt die weiße Fläche, die die einzelnen Muskeln voneinander trennt.

Erst seit kurzem interessiert man sich in der Medizin für diese Strukturen, da es immer mehr Beschwerden gibt, die nicht mit den bisherigen Anatomie- und Physiologiemodellen erklärbar sind. Früher hat man die Faszien eher gering geschätzt: Den Anatomen waren sie eher lästige wegzuschneidende Strukturen auf dem Weg zu den Gefäßen, Organen, Muskeln und Knochen. 

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Dadurch kam es in den letzten Jahren auch vermehrt zu Forschungen und neuen Erkenntnissen über die Faszien. So fand man heraus, dass es sich hierbei nicht um rein passive Strukturen handelt, sondern es zum Teil Muskelfasern in den Faszien gibt.
Die Faszien enden auch nicht wie ein Muskel, sondern sie laufen über sehr weite Strecken durch unseren Körper. So ist dann auch erklärbar, wie sich Schmerzen möglicherweise in unserem Körper fortsetzen können.

Faszien sind mit vielen Rezeptoren, glatten Muskelfasern und Nervenfasern des unwillkürlichen sympathischen Nervensystems versehen. Diese Strukturen können Reize aufnehmen bzw. auf diese reagieren. Druck oder Zug, Temperaturänderungen, Änderungen im Milieu des Gewebes, all das wird von diesen Strukturen wahrgenommen und kann ihre Funktionen beeinflussen. Da die Faszien unserem Körper Halt geben, sie ihn in seiner Struktur unterstützen und auch Stoßdämpferfunktion innehaben, können sie weitreichende Folgen haben.

Die Faszien, die in der Tiefe unseres Körpers liegen, besitzen spezielle Zellen, die denen von glatten Muskelzellen ähneln – man nennt sie Myofibroblasten. Je mehr Myofibroblasten man hat, desto unbeweglicher ist die Faszie. Auf dem ersten internationalen Faszienkongress in Boston wurde 2007 ein Video von dem französischen Chirurgen Dr. Jean- Claude Guimberteau vorgestellt. Er hatte es als erster geschafft, am Lebenden eine Minikamera unter die Haut zu schieben und die faszialen Strukturen in Bewegung darzustellen.

Auf seinen Aufnahmen ist sehr gut das dreidimensionale Netz sichtbar: Blutgefäße werden durch Bewegungen hin- und hergeschoben, Strukturen geben unter Zug nach und gehen in ihre Ausgangsstellung zurück, und stets sieht man, dass Flüssigkeiten im Spiel sind, die hydraulische Fähigkeiten und Eigenschaften dieses Systems vermuten lassen.

Auf dem „Second International Fascia Research Congress“ vom 27. bis zum 31. Oktober 2009 an der Vrije Universiteit in Amsterdam wird von dem Handchirurg Guimberteau die Fortsetzung „ The Skin Passage“ seines ersten aufsehenerregenden Videos vorgestellt werden. Man darf gespannt sein, was sich hier für neue Erkenntnisse ergeben.

Auf dem Kongress werden Größen wie der Anatom Jaap van der Wal, der Rolfer und eifrige Faszienforscher Robert Schleip, Mitinitiator Thomas W. Findley, der executive Director der Ida P. Rolf Research Foundation, Walter Herzog vom Human Performance Lab der University Calgary und andere referieren und sicherlich auch mit Neuerungen zum Thema aufwarten. Neben ihnen werden Forschungsarbeiten präsentiert und Live-Demonstrationen von Techniken erfolgen. Am Wochenende werden dann Workshops angeboten. Hier wird unter anderem der Italiener Carla Stecco mit einem eigens von ihm entwickelten Modell zugegen sein und von vielen Teilnehmern mit Spannung erwartet.

Man kann sagen, dass hier der vernachlässigten Strukturen der Faszien die angemessene Aufmerksamkeit zuteil wird und dies für die zukünftige Behandlung von hartnäckigen und nur unzureichend erforschten Symptomatiken wie dem Morbus Dupuytren oder der Fibromyalgie völlig neue Chancen und Wege für die Betroffenen öffnet. (tf)

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