Asylbewerberheim verweigerte Hilfe fürs Kind

Nina Reese

Pförtner des Zirndorfer Aufnahmelagers lehnen Notruf ab

02.04.2014

Unfassbar: Mehrere Mitarbeiter der Zentralen Aufnahmeeinrichtung für Asylbewerber (ZAE) in Zirndorf (Bayern) sollen einem schwerkranken 1,5-jährigen Jungen ihre Hilfe verweigert haben. Die aus Serbien stammenden Eltern hatten nach Angaben des bayrischen Flüchtlingsrats die Pförtner der Einrichtung gebeten, für ihren offensichtlich kranken Sohn einen Notarzt zu rufen – doch statt dem nachzukommen, wurden sie aufgefordert, zunächst einen Krankenschein zu besorgen. Nun wird der Fall vor dem Amtsgericht in Fürth verhandelt, in dem die Verantwortlichen der vorsätzlichen Körperverletzung durch unterlassene Hilfeleistung angeklagt sind.

Mitarbeiter fordern Krankenschein statt Hilfe zu leisten
Es ist kaum zu glauben, was drei Mitarbeitern der Zentralen Aufnahmeeinrichtung für Asylbewerber in Zirndorf (ZAE) derzeit in einem Verfahren vor dem Amtsgericht Fürth vorgeworfen wird: Als die aus Serbien stammenden Eltern Jovica und Klaudija Petrovic im Dezember 2011 morgens um 7h die Pförtner des Zirndorfer Aufnahmelagers bitten, einen Arzt oder Krankenwagen für ihren schwer kranken eineinhalbjährigen Sohn Leonardo zu rufen, lehnen diese nach Information des bayrischen Flüchtlingsrats die Hilfe ab. Stattdessen fordern sie die Familie auf, zunächst den notwendigen Krankenschein zu besorgen, den die Verwaltung in Zirndorf nach dem Asylbewerberleistungsgesetz für eine ärztliche Behandlung ausstellen muss – das Büro öffnete jedoch erst um 9 Uhr.

Junge infiziert sich vermutlich in der Erstaufnahmeeinrichtung mit Meningokokken
Die ernste Lage soll dabei deutlich erkennbar gewesen sein: Der Junge hatte nach Angaben des bayrischen Flüchtlingsrats zu dem Zeitpunkt seit 10 Tagen in der Erstaufnahmeeinrichtung gelebt und sich dort vermutlich mit Meningokokken infiziert, die das „Waterhouse-Friedrichsen-Syndrom“ ausgelöst und zu einer Blutgerinnungsstörung geführt hatten. Dadurch sei der Körper des Jungen mit schwarzen Flecken übersät gewesen, zudem hatte er 40° Fieber und war völlig apathisch. „Ich habe auf Knien gelegen und um Hilfe gefleht“, so die Beschreibung des Vaters nach Angaben der Nachrichtenagentur dpa – doch die Hilfe der Pförtner sei ausgeblieben.

Junge lebenslang gezeichnet durch Narben und amputierte Finger und Zehen
Auch nachdem endlich eine weitere Mitarbeiterin der Einrichtung den notwendigen Krankenschein ausgestellt hatte, rief auch diese keinen Notarzt, sondern sei der Ansicht gewesen, der Weg zu Fuß zum nächsten Arzt sei „zumutbar“. Schließlich machte sich die Familie in ihrer Not auf den Weg – zum vier Kilometer entfernten Ärztehaus, in Sommerkleidung bei minus 3° Außentemperatur und fand erst Hilfe in einen Autofahrer, der sie auflas und endlich für die nötige medizinische Versorgung sorgte. Dadurch konnte das Kind glücklicherweise gerettet werden, werde aber laut dem Flüchtlingsrat sein Leben lang gezeichnet bleiben von 25 Hauttransplantationen sowie amputierten Fingern und Zehen.

Mitarbeiter der vorsätzlichen Körperverletzung durch unterlassene Hilfeleistung angeklagt
Seit Dienstag wird der Fall nun vor dem Amtsgericht in Fürth verhandelt, laut der dpa haben sich die wegen vorsätzlicher Körperverletzung durch unterlassene Hilfeleistung angeklagten Pförtner bislang jedoch nicht zu den Vorwürfen geäußert. Neben dem müsse sich auch ein Bereitschaftsarzt vor Gericht verantworten, der in der Nacht zuvor in die ZAE gerufen worden war, weil die Eltern annahmen, dass ihr Sohn fiebere. Hier habe der Arzt laut Staatsanwaltschaft möglicherweise nur oberflächlich untersucht und dadurch die ernste Lage nicht erkannt – Grund für den Vorwurf der fahrlässigen Körperverletzung.

Leonardo „beinahe zu Tode verwaltet“
Für den bayrischen Flüchtlingsrat, der die Verantwortlichen in der EA Zirndorf gemeinsam mit Familie Petrovic angezeigt hatte, ein unfassbares Verhalten, durch welches der damals 15 Monate alte Leonardo beinahe zu Tode gekommen wäre: „Flüchtlinge, die in einer Erstaufnahmeeinrichtung untergebracht werden, sind auf Gedeih und Verderb vom Verhalten der dortigen MitarbeiterInnen abhängig. In der EA Zirndorf werden sie eiskalt verwaltet – Leonardo beinahe zu Tode. Sozialministerin Emilia Müller muss dafür sorgen, dass in Zirndorf Flüchtlinge wie Menschen behandelt und nicht wie Stückgut im Lager verwahrt werden“, so Alexander Thal, Sprecher des Bayerischen Flüchtlingsrats. (nr)

Bild: Helene Souza / pixelio.de