Folsäure im Mehl senkt das Risiko psychischer Erkrankungen

Volker Blasek

Folsäureanreicherung wirkt sich positiv auf den Nachwuchs aus

In den letzten Monaten wurden immer wieder Untersuchungen veröffentlicht, die zu dem Schluss kommen, dass Vitaminpräparate keine gesundheitlichen Vorteile erbringen. Es gibt allerdings eine wichtige Ausnahme: Folsäure soll nicht nur das Risiko für Herzkrankheiten oder Schlaganfälle verringern, sondern wie amerikanische Wissenschaftler kürzlich festgestellt haben, kann das Risiko für psychische Krankheiten beim Nachwuchs verhindert werden, wenn sich die Mutter während der Schwangerschaft mit folsäureangereicherten Getreideprodukten ernährt.


Die Forscher des „Massachusetts General Hospitals“ veröffentlichten kürzlich eine Studie, die zu dem Ergebnis kommt, dass mit Folsäure angereicherte Getreideprodukte einen positiven Einfluss auf die Gehirnentwicklung des Fötus haben. Des Weiteren soll Folsäure im Mehl das Risiko für psychische Störungen des Nachwuchs senken. Die Studienergebnisse wurden kürzlich in dem Fachjournal „JAMA Psychiatry“ publiziert.

Eine neue Studie zeigt eine mögliche Verbindung zwischen Folsäure und der Hirnentwicklung. Offenbar trägt eine Folsäure-Anreicherung während der Schwangerschaft dazu bei, dass beim Nachwuchs das Risiko auf psychische Störungen reduziert wird. (Bild: Timmary/fotolia.com)

Folsäure wirkt positiv auf die Hirnentwicklung

In der Beobachtungsstudie konnten die Forscher aufzeigen, dass es Unterschiede in der Gehirnentwicklung bei Jugendlichen gibt, die als Fötus Folsäure über die Mutter erhalten haben. Die Anreicherung stammte von Nahrungsmitteln auf Getreidebasis, die mit Folsäure versetzt waren. Diese Anreicherungen wurden in den USA schon in den 1990er Jahren eingeführt, um den Neuralrohrdefekt bei Säuglingen zu verhindern.

Geringeres Risiko auf schwere psychische Erkrankungen

Die Ergebnisse des Forschungsteams deuten darauf hin, dass die Häufigkeit schwerer psychischer Erkrankungen wie Schizophrenie im jungen Erwachsenenalter durch die Folsäureexposition verringert werden könnte. In der Studie wurden die Gehirne von Jugendlichen verglichen, die kurz vor und kurz nach der Einführung der Folsäure-Anreicherung geboren wurden. Die Forscher erkannten Veränderungen in der Gehirnentwicklung, die mit der Folsäure in Verbindung gebracht wurden. Diese Veränderungen könnten wiederum das Risiko für psychische Symptome reduzieren.

Folsäure gegen Autismus und Schizophrenie

„Schwere psychische Krankheiten wie Autismus und Schizophrenie, die Kinder und junge Erwachsene treffen, sind verheerend und chronisch und haben derzeit keine bekannte Vorbeugung oder Heilung“, berichtet Joshua Roffman, der Hauptautor der Studie in einer Pressemitteilung zu den Studienergebnissen. Derzeit werde angenommen, dass viele psychische Erkrankungen schon im Mutterleib beginnen. Daher sei es sinnvoll, die Bemühungen dort zu konzentrieren.

Ein kleiner Anteil bedeutet schon Erfolg

Roffman berichtet, dass es schon ein Erfolg ist, wenn nur ein Bruchteil der psychischen Störungen durch die Folsäure-Anreicherung verhindert wird. Dies könnte bedeuten, dass Folsäure eine leicht verfügbare Intervention während der Schwangerschaft darstellen könnte, um diesen Krankheiten zu begegnen.

Über die Folsäure-Anreicherung in den USA

Eine Verordnung der US-amerikanischen Food and Drug Administration sah vor, dass Getreideprodukte wie Brot, Mehl, Maismehl, Reis und Teigwaren bis zum 1. Januar 1998 mit Folsäure angereichert werden müssen. Damit sollte das allgemeine Risiko von schweren Behinderungen wie Spina bifida verringert werden. Die Maßnahme führte zu einer raschen Verdoppelung von Folaten im Blut von US-amerikanischen Frauen. Kurze Zeit später kam es zu einer landesweiten Abnahme von Spina bifida-Fällen.

Veränderungen in der Hirnrinde

Die Gehirnbilder aus den beiden Gruppen der jungen Menschen, die vor und nach der vollständigen Umsetzung der Folsäure-Anreicherung geboren wurden, zeigten unterschiedliche Muster in der Reifung der Hirnrinde. Die Gruppe, die von Folsäure profitierte, zeigte ein deutlich dickeres Hirngewebe und eine verzögerte Ausdünnung in Regionen, die mit Schizophrenie in Verbindung gebracht werden. Nach Angaben der Wissenschaftler haben bereits vergangene Studien eine frühe Ausdünnung mit Autismus und Symptomen einer Psychose in Verbindung gebracht.

Generelle Aussage noch zu früh

„Die Folsäureexposition kann noch nicht direkt mit einem reduzierten Schizophrenie-Risiko in Verbindung gebracht werden, da die Krankheit typischerweise erst Anfang 20 auftaucht“, erläutert Roffman. Die Teilnehmer der Studie liegen aber alle unter diesem Alter. Dennoch seien die Ergebnisse sehr vielversprechend und deuten auf eine Risikoreduzierung hin. „Die ältesten Teilnehmer der Studie nähern sich jetzt dem Alter mit dem größten Risiko für mehrere psychiatrische Erkrankungen – einschließlich bipolarer Störungen und Depressionen“, so Roffman. Bald könne man genauere Aussagen treffen, wie stark sich die pränatale Folsäureexposition auf die Entstehung psychischer Störungen auswirke.

Experte hält weltweite Folsäure-Anreicherung für sinnvoll

Roffman, der auch Professor für Psychiatrie an der Harvard Medical School ist, spricht sich für eine weltweite Folsäure-Anreicherung aus: „Während derzeit 81 Länder ihre Nahrungsmittelversorgung mit Folsäure verstärken, bleibt mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung ohne eine solche Exposition.“ Der Nachweis, dass pränatale Folsäure für die Gesundheit des Gehirns von Nutzen sein könnte, könne auch andere Länder dazu ermutigen, eine Folsäure-Anreicherung umzusetzen, so Roffman. (vb)