Forderte die Schweinegrippe doch mehr Tote?

Astrid Goldmayer

Doch mehr Todesopfer durch Schweinegrippe

28.06.2012

Verursachte der H1N1-Grippevirus (auch Schweinegrippe genannt) mehr Todesopfer, als bislang vermutet? Das jedenfalls behaupten US-Forscher und stellten neue Studienergebnisse vor. Demnach soll die Mortalitätsrate um ein vielfaches höher sein, als zuvor errechnet.

Zunächst breitete sich die sogenannte Schweinegrippe im Jahr 2009 rasant in Mexiko und den USA aus. Nachdem die Seuche auch den Weg Afrika, Asien und Europa gefunden hatte, herrschte Panik in der Bevölkerung. Schnell grassierten die ersten Gerüchte über zahlreiche Todesopfer. Im Sommer 2010 wurde die Schweinegrippe von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sogar als globale Pandemie eingestuft, wofür sie zum Teil heftige Kritik erntete. Offiziell sprach die WHO später von weltweit 18.500 laborbestätigten Todesfällen, die durch das H1N1-Virus verursacht wurden. Forscher des US-Centers for Disease Control in Atlanta kamen jedoch zu ganz anderen Zahlen, die sie anhand eines neuen Rechenmodells ermittelten. Forderte die Schweinegriffe doch viel mehr Opfer als zunächst angenommen?

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Neues Modell zur Ermittlung der Todesfälle durch Schweinegrippe
Ein Forscherteam um Dr. Fatimah S. Dawood von den US-Centers for Disease Control in Atlanta veröffentlichte in der aktuellen Ausgabe des britischen Fachblattes „The Lancet“ ihre Studienergebnisse, nach denen rund 280.000 Todesfälle durch die Schweinegrippe verursacht wurden. Laut Forschern basieren die Ergebnisse auf einem neuen Rechenmodell. Dabei wurde die Daten zu H1N1-Todesfällen von zwölf Ländern berücksichtigt. Es wurden Länder mit niedrigem, mittlerem und hohem Einkommen herangezogen. Darüber hinaus ermittelten die Wissenschaftler die Sterberate von Patienten mit symptomatischen Erkrankungen der unteren Atemwege aus fünf wohlhabenden Industrieländern. Dann wurde die Übersterblichkeit an Herz-Kreislauf-Krankheiten während der Schweingegrippe-Pandemie in den fünf Ländern ermittelt. Auf dieser Grundlage konnten die Daten dann auf Länder übertragen werden, von denen nur unzureichende Daten vorlagen. Während beispielsweise in Afrika und Südost-Asien zwar 38 Prozent der Weltbevölkerung leben, wurden nur zwölf Prozent der laborbestätigten H1N1-Todesfälle aus diesen Regionen gemeldet.

Laut den Berechnungen der Forscher kam es während der Pandemie zu 201.200 Todesfällen aufgrund von Atemwegserkrankungen durch das H1N1-Virus. Die Schwankungsbreite ist jedoch groß und reicht von möglichen 105.700 bis 395.000 Todesopfern. Zudem soll es laut Forschern zu weiteren 83.300 Toten durch Übersterblichkeit an kardiovaskulären Erkrankungen im selben Zeitraum gekommen sein. Die Schwankungsbreite beträgt hier 46.000 bis 179.900 Todesfälle. 80 Prozent der Opfer waren zum Todeszeitpunkt unter 64 Jahre. Die Wissenschaftler ermittelten, dass sich 51 Prozent der Todesfälle in Afrika und Südost-Asien ereigneten, wobei die höchste Sterberate für Afrika errechnet wurde.

Wurde WHO von Pharmakonzernen beeinflusst?
Für die Entscheidung der WHO, die Schweinegrippe zur globalen Pandemie zu erklären, hagelte es heftige Kritik. Denn einige der Autoren, die an der Erstellung der Richtlinien der WHO zum Umgang mit Grippe-Pandemien beteiligt waren, sollen gleichzeitig Vergütungen von den Pharmakonzernen „GlaxoSmithKline" und „Roche" erhalten haben. Die WHO wies alle Bestechungs- oder Beeinflussungsvorwürfe vehement zurück, auch wenn diese Konzerne viele Milliarden an den Impfstoffen verdient haben. (ag)