Formwandelnde Krebs-Zellen der Grund für Metastasen

Volker Blasek

Bauchspeicheldrüsenkrebs: Wandelbare Tumorzellen sind gefährlicher

Infolge von Pankreaskrebs (Bauchspeicheldrüsenkrebs) kommt es häufig zu Metastasen in der Lunge oder der Leber. Deutsche Wissenschaftler haben nun den Grund für diesen Zusammenhang erkannt. Die Anpassungsfähigkeit der Krebszellen spielt eine entscheidende Rolle bei der Metastasenbildung. Formwandelnde Tumorzellen stellen dabei eine besondere Gefahr dar. Sie lösen sich aus dem Krebsgewebe, reisen mit dem Blut zu anderen Organen und passen sich dort den neuen Gegebenheiten an.


Ein Forschungsteam der Technischen Universität München präsentierte kürzlich die neusten Erkenntnisse seiner Krebsforschung. Der Fokus der Wissenschaftler lag auf der Ausbildung von Metastasen. Dabei entdeckten die Forscher besonders gefährliche Krebszellen, die eine bessere Fähigkeit zur Formwandlung haben und sich dadurch effektiver in anderen Organen ausbreiten können. Die Studienergebnissen wurden in dem Fachjournal „Developmental Cell“ publiziert.

Deutsche Forscher entdecken neue Mechanismen bei der Metastasenbildung. Einige Krebszellen können sich besonders gut verändern und anpassen und so schneller Metastasen bilden. (Bild: vitanovski/fotolia.com)

Formwandelnde Tumorzellen verursachen schneller Metastasen

Wie die Experten berichten, sind Tumorzellen in einem pflastersteinartigen Verbund miteinander verknüpft. Wenn sich Metastasen bilden, müssen sich zuerst Krebszellen aus diesem Verbund lösen. Den Forschern zufolge gelingt dies einigen Zellen besser als anderen. So konnte in der Studie dokumentiert werden, wie es einigen Krebszellen gelang, ihre Form, Eigenschaften und ihren Stoffwechsel zu verändern, um sich aus dem Zellverband des Tumors zu lösen.

Anpassungsfähig entscheidet über Metastasenbildung

Die veränderten Tumorzellen nahmen eine schmalere und länglichere Form an und konnten so das Blut als Transportmittel nutzen, um andere Organe zu erreichen. Dort angekommen ist laut den Münchner Wissenschaftlern wieder eine Veränderung notwendig, um Metastasen zu bilden. Hier sei die Fähigkeit entscheidend, Kontakte zu Zellen vor Ort ausbilden zu können, damit die Krebszelle gewissermaßen „sesshaft“ werden kann.

Leber ist besonders stark von formwandelnden Tumorzellen bedroht

„Wir konnten zeigen, dass vor allem das Befallen der Leber von der Plastizität der Tumorzelle abhängt“, berichtet Dr. Maximilian Reichert, Forschungsgruppenleiter und Erstautor der Studie in einer Pressemitteilung zu den neuen Erkenntnissen. Wenn die Krebszellen keine Kontakte zu anderen Zellen herstellen können, würden sie passiv mit dem Blutstrom weiter in die Lunge gespült, wo sie schließlich hängen bleiben. Für Patienten sei dies ein günstigerer Verlauf, da sich Lungentumore besser kontrollieren lassen, so der Fachmann.

Molekularer Kleber macht Tumorzellen gefährlicher

Ein bestimmtes Protein mit dem Namen E-Cadherin ist laut der Studie für die Wandelbarkeit verantwortlich. Dieses Protein wirkt wie ein Klebstoff, mit dem sich manche Tumorzellen besser an neuem Gewebe festhalten können. In einem Mausmodell konnten die Experten aufzeigen, dass die Abwesenheit des Proteins dazu führt, dass Tumorzellen aus der Bauchspeicheldrüse nur in die Lunge gelangen können und nicht an der Leber „andocken“. Wenn das Protein jedoch vorhanden war, so konnten die Krebszellen auch die Leber befallen.

Programmieren sich die Krebszellen selbst?

Wie das Forschungsteam herausfand, wird der Veränderungsprozess der Zellen über ein sogenanntes epigenetisches Programme gesteuert. Dabei werden bestimmte Abschnitte in der DNA stärker oder schwächer abgelesen und so die entscheidende Veränderung eingeleitet. Die Entschlüsselung solcher Programme steht nun im Fokus kommender Untersuchungen.

Angriffspunkt für neu Krebs-Therapien?

Das Team um Maximilian Reichert startet nun eine neue Forschung, in der festgestellt werden soll, ob sich solche epigenetischen Programme hemmen lassen oder als Angriffspunkt für Behandlungen genutzt werden können. „Je besser wir die Bildung von Metastasen verstehen, umso eher können wir sie beeinflussen“, resümiert Reichert. Gerade beim Bauchspeicheldrüsenkrebs sei dies wichtig, da fast alle Betroffenen an den Metastasen sterben. (vb)