Freie Radikale blockieren auch Krebs-Wachstum

Fabian Peters

Freie Radikale hemmen auch Wachstum von Krebstumoren

07.07.2011

Freie Radikale galten bisher stets als ein Risikofaktor in Bezug auf die Entstehung von Krebs. Doch David Tuveson vom Cancer Research Institute in Cambridge und Kollegen konnten in einer umfassenden Studie mit Mäusen nachweisen, dass freie Radikale das Wachstum bestimmter Krebsarten mindern, anstatt das Krebsrisiko zu erhöhen. Die bisher als krebsvorbeugend eingestufte Aufnahme von Antioxidantien über die Nahrung, könnte demnach das Krebsrisiko unter Umständen sogar erhöhen.

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Dem Verzehr von Obst und Gemüse wird nicht zuletzt aufgrund des relativ hohen Gehalts an Antioxidantien in Form von Vitaminen und Spurenelementen eine krebsvorbeugende Wirkung zugeschrieben. Denn die Antioxidantien nehmen die freien Radikale in unserem Körper auf und verhindern so, dass diese weiteren Schaden anrichten. Bisher galten die freien Radikale als wesentlicher Risikofaktor für die Entstehung von Tumoren und das Auftreten weiterer Krankheiten, wie zum Beispiel Parkinson oder Arteriosklerose. Doch die Forscher des Cancer Research Institute in Cambridge haben nun herausgefunden, dass freie Radikale bei bestimmten Krebsformen die Entwicklung von Tumoren hemmen können und so das Krebsrisiko reduzieren. Damit ist die positive Wirkung der Antioxidantien in Bezug auf die Krebsvorbeugung zumindest in Frage gestellt.

Freie Radikale bisher als gesundheitsschädlich bekannt
Entgegen den bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnissen kommen die Forscher der Cancer Research Institute in ihrer aktuellen Studie zu dem Ergebnis, dass freie Radikale nicht zwingendermaßen das Krebsrisiko erhöhen, sondern durchaus das Wachstum von Tumoren hemmen können. Die auch als reaktive Sauerstoffspezies (ROS) bezeichneten freien Radikale, werden im menschlichen Körper fortwährend als Zwischenprodukte des Stoffwechsels in den Mitochondrien (winzige Zell-Kraftwerke) gebildet. Tabakrauchen, UV-Strahlung und ionisierende Strahlung tragen ebenfalls zur Bildung der freien Radikale im Körper bei. In ihrer Molekülstruktur zeichnen sich die freien Radikale dadurch aus, dass sie über mindestens ein ungepaartes Elektron auf ihrer äußeren Elektronenhülle verfügen. Um das Elektronendefizit auszugleichen werden die Elektronen anderer Moleküle des Organismus gebunden, wodurch diese Moleküle anschließend ihrerseits zu freien Radikalen werden und wiederum Elektronen anderer Moleküle binden. Hierdurch können zum Beispiel Bestandteile der Zellmembran in einer regelrechten Kettenreaktion aufgebrochen und dauerhaft geschädigt werden, berichten die Forscher. Da auch Elektronen aus Proteinen oder schlimmstenfalls der DNA durch die freien Radikale gebunden werden können, drohen langfristig erhebliche gesundheitliche Beeinträchtigungen.

Reaktiven Sauerstoffspezies blockieren Tumorwachstum
Der menschliche Organismus wehrt sich daher mit Hilfe der sogenannten Antioxidantien gegen die freien Radikale. Die Antioxidantien sind dabei Teil eines ausgeklügelten Abwehrsystems, mit dem der Körper die Kettenreaktionen der freien Radikale unterbindet. Als sogenannte Radikalfänger stabilisieren die Antioxidantien wie Vitamin A, Vitamin C, Vitamin E, bestimmte Flavonoide und andere Spurenelemente die freien Radikale und verhindern so, dass diese mit anderen Molekülen im Organismus reagieren. Anschließend werden die freien Radikale vom Körper ausgeschieden bevor sie ihre Kettenreaktion in Gang setzten können. Den Antioxidantien wird daher eine wesentliche Bedeutung für die Gesundheit zugesprochen und stehen zum Beispiel aufgrund eines Vitamin C-Mangels zu wenig Antioxidantien zur Verfügung, droht der Abwehrmechanismus des Körpers gegen die freien Radikale zusammenzubrechen. Zellschäden und schwerwiegende gesundheitliche Beeinträchtigungen können die Folge sein, so der bisherige Stand der Forschung. Doch David Tuveson vom Cancer Research Institute in Cambridge und Kollegen haben nun herausgefunden, dass die freien Radikale im Körper durchaus auch eine positive Wirkung entfalten können. Die Wissenschaftler stellten fest, dass die reaktiven Sauerstoffspezies das Wachstum von Tumoren in der Bauchspeicheldrüse blockieren können.

Krebszellen mögen keine freien Radikale
Bei ihren Untersuchungen an Mäusen konnte die Forscher des Cancer Research Institute nachweisen, „dass Krebszellen keine reaktiven Sauerstoffspezies mögen“, erklärte David Tuveson. Durch eine erhöhte Konzentration der freien Radikale seien die Krebszellen in der Bauchspeicheldrüse der Mäuse abgestorben, so Tuveson weiter. Bei den Tieren sei bereits zu Beginn des Krebswachstums das antioxidative Abwehrsystem aktiv geworden und hätte mit Hilfe des Proteins Nrf2 die Bindung der reaktiven Sauerstoffspezies (ROS) eingeleitet, erklärten Tuveson und Kollegen. Fehlte das Protein Nrf2, wurde das Wachstum der Krebszellen durch die hohen ROS-Werte blockiert und erst nachdem Antioxidantien hinzugegeben wurden, wuchs der Tumor weiter, berichten die Forscher des Cancer Research Institute.

Erhöhen Antioxidantien das Krebsrisiko?
Damit liegt die Vermutung nahe, dass Antioxidantien entgegen aller bisherigen Erkenntnisse durchaus eine Erhöhung des Krebsrisikos bedingen könnten. So einfach ist die Sachlage nach Ansicht der britischen Forscher jedoch nicht. Ihre Studie belege keineswegs eine generell krebsfördernde Wirkung der Antioxidantien und dürfe auch nicht als Aufruf missverstanden werden, „dass sich die Menschen ungesund ernähren sollen“, betonten David Tuveson und Kollegen. Denn insgesamt überwiegen eindeutig die positiven gesundheitlichen Effekte der Antioxidantien. Diese haben nach Aussage der Experten auch eine zellschützende und entzündungshemmende Funktion, deren Bedeutung für die Gesundheit nicht unterschätzt werden sollte. Tuveson erklärte, dass die aktuellen Erkenntnisse nicht gegen den Obst- und Gemüseverzehr sprechen, sondern vielmehr die interessante Frage sei, wie sich das antioxidative Schutzsystem der Krebszellen ausschalten lasse. Denn ließe sich dieser Mechanismus ausschalten, wären die Krebszellen den Angriffen der freien Radikale schutzlos ausgeliefert, was Möglichkeiten für neue Behandlungsansätze und Therapieverfahren eröffnen würden, erläuterte Tuveson.

Positive gesundheitliche Wirkung der Antioxidantien
Die Verzehr von Antioxidantien sei aufgrund der vielfältigen positiven gesundheitlichen Wirkungen unabhängig von den aktuellen Studienergebnisse weiterhin zu empfehlen, erklärten die britischen Forscher. Auch in der Naturheilkunde werden Antioxidantien nicht zuletzt aufgrund der zellschützenden und entzündungshemmenden Wirkung als wesentlicher Bestandteil der Ernährung betrachtet. Zum Beispiel werden Zwiebeln, Gelbwurz und Cranberrys aufgrund ihres hohen Antioxidantien-Gehaltes bei naturheilkundlichen Behandlungen seit je her als „natürliches Antibiotikum“ verwendet. Weitere Obst- und Gemüsesorten, denen aufgrund ihres hohen natürlichen Antioxidantien-Gehaltes eine positive gesundheitliche Wirkung zugeschrieben wird, sind zum Beispiel Brokkoli, Ingwer, Kaffee, Knoblauch, Mangos, Petersilie, Spargel, Tee, Tomaten, Vollkornreis und Weintrauben. (fp)